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Wertschätzung und Widerspruch

Eine „silberne Brezel“ als Gastgeschenk – die Ministerin freut’s.+Zur Fotostrecke
Eine „silberne Brezel“ als Gastgeschenk – die Ministerin freut’s.

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Bayern

Ilse Aigner spricht beim Verbandstag der bayerischen Bäcker strittige Punkte an. Sie erntet Lob und Kritik - und bekommt einen Marsch geblasen.


Die mehr als 300 Delegierten und Gäste, die zum Bäcker-Verbandstag nach Kulmbach gereist sind, sehen eine Bundesministerin vor sich, die sich in einer kniffligen Lage befindet: Aigner trägt den Beschluss der Länder mit, eine Hygiene-Kennzeichnung von Betrieben einzuführen. In Bayern – in ihrer eigenen Partei – ist man dagegen. In ganz Deutschland fürchten Handwerksvertreter um die Existenz von Bäckereien.


„Novum in der Rechtsgeschichte“

„Wir sind uns nicht immer in allen Punkten einig, aber wir haben immer einen konstruktiven Dialog“, begrüßt Landesinnungsmeister Heinrich Traublinger Ilse Aigner. Seit bald zwei Jahren leitet sie das Ministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz. Traublinger dankt der Ministerin dafür, dass „sie uns in vielen Belangen unterstützt“ – gerade auch auf europäischer Ebene. Dann redet er sich in Fahrt.

„Wir sind nicht dagegen, dass einem das Handwerk gelegt wird, der so unsauber arbeitet, dass er für uns eine Schande ist“, betont Traublinger. Es sei jedoch ein Novum in der Rechtsgeschichte, jemanden für ein Vergehen zweimal zu bestrafen, sagt er über die Hygiene-Kennzeichnung. Beanstandete Betriebe bekämen einen Bußgeld-Bescheid, würden vielleicht zeitweilig sogar geschlossen. Nun wolle sie der Staat obendrein mit Farbbalken an der Eingangstür und im Internet zur Schau stellen. Der Landesinnungsmeister befürchtet, dass in der Praxis Monate bis zur nächsten Kontrolle vergehen. Selbst wenn der Betrieb den Mangel schnell beseitige, bleibe er „gebrandmarkt“. „Die Unschuldsvermutung gilt nicht mehr.“


„Länder müssen nacharbeiten“

Die Bundesernährungsministerin zeigt Verständnis. „Die Länder müssen nacharbeiten“, sagt sie. Es seien viele Fragen aufgeworfen worden. Es müsse sichergestellt sein, dass genug Personal für Lebensmittelkontrollen bereit stehe. Gundlegend sei, dass Ergebnisse der Kontrollen aktuell und bundesweit einheitlich und leicht verständlich dargestellt werden. Aigner will eine Hygiene-Kennzeichnung, aber nur eine, „die Sinn macht“. „Kontrolle muss sein, weil es schwarze Schafe gibt“, sagt sie.

Als Maßnahme gegen schwarze Schafe will sie auch das Internetportal lebensmittelklarheit.de verstanden wissen. Auf der Website, die im Juli freigeschaltet wird, sollen Verbraucher Produkte benennen können, von deren Aufmachung oder Kennzeichnung sie sich getäuscht fühlen. Unmittelbar betroffen sein können Bäckereien, die selbst verpackte Ware anbieten oder Backwaren an Handelsunternehmen zuliefern.

Aigner räumt ein, dass es in vielen Fällen schwierig ist, zu entscheiden, ob tatsächlich eine Verbrauchertäuschung vorliegt. Was Information und Aufklärung angeht, müsse aber mehr getan werden. Um ihren Standpunkt zu verdeutlichen, greift sie eine Frage auf, die sich bei Brot und Brötchen in Discountern stellt: „Was darf als frisch bezeichnet werden?“

Starke Kritik übt der Landesinnungsmeister an der Verbraucherschutzpolitik der EU. „Die vielen Vorschriften überfordern unsere Betriebe.“ Als aktuelles Beispiel nennt er die geplante Informationspflicht über allergene Stoffe. Traublinger fordert, die Regelung für lose und vorpackte Ware, die zum baldigen Verzehr gedacht ist, „liberal“ zu gestalten. Die von der EU erwogene Kennzeichnungspflicht von Spuren hält er für widersinnig. Argument: Spuren sind keine Zutaten, die in der Rezeptur gelistet sind, sondern unbeabsichtige Kontaminationen. Ihre Kennzeichnung würde die Lebensmittelinformationsverordnung (LIMV) konterkarieren.

Nährwertinformation nach "1 plus 4 Modell"


Ilse Aigner setzt bei der Erarbeitung der LIMV auf das „1 plus 4 Modell“ zur Nährwertinformation. Sie will, dass die Gehalte an Energie, Fett, Zucker, gesättigten Fettsäuren und Salz dargestellt werden. Information tue not, „aber man darf die Leute nicht durcheinanderbringen“. Die Debatte über die Reduktion des Salzgehalts hält sie für unnötig. „Da fühlt sich kein Verbraucher getäuscht.“

Eine Herausforderung, vor die sie sich gestellt sieht: Die Wertschätzung für Lebensmittel – besonders auch für Brot – müsse in der Gesellschaft zunehmen. „Das kann ich nicht verordnen, das ist eine ethische Frage.“ In Deutschland würden jedes Jahr so viele Millionen Tonnen Lebensmittel weggeworfen, dass man damit eine Lkw-Kolonne beladen könnte, die von Lissabon bis Warschau reicht.

Voll des Lobes ist Ilse Aigner für deutsches Brot. „Ich habe jetzt 21 Länder in Europa bereist, nirgends gibt es eine solche Vielfalt.“ Ausdrücklich unterstützt sie die Idee, die deutsche Brotvielfalt als Weltkulturerbe schützen zu lassen.

Korrekturbedarf bestehe bei der Förderung erneuerbarer Energien: „Photovoltaik gehört nicht auf den Acker“, betont sie. Hier sei es zu einer falschen Entwicklung gekommen. Vorrang müsse die Förderung der Nutzung von Reststoffen haben – nicht die von Erststoffen. Für die Verwendung von Pflanzen lautet ihre Formel: „Teller vor Trog vor Tank“. Bei 70 Prozent der Biomasse für die Energieerzeugung handle es sich um Reststoffe aus Forst- und Landwirtschaft. Diesen Anteil wolle man in Zukunft vergrößern.

Die Bäcker im Festsaal hören das gerne. Und sie erfahren noch mehr gute Nachrichten an diesem Tag. Landesinnungsmeister Heinrich Traublinger präsentiert eindrucksvolle Zahlen zur wirtschaftlichen Entwicklung. Danach ist der Umsatz des bayerischen Bäckerhandwerks im vergangenen Jahr überdurchschnittlich gewachsen (Seite 11). Und auch dieses Jahr entwickelt sich das Geschäft gut. Eine weitere erfreuliche Nachricht: Die Imagekampagne des Handwerks zeigt Wirkung. „Wir sind erstmals im Ranking der Berufe an vierter Stelle“, freut sich Traublinger.


Akademie wird ausgebaut

Voran geht es bei den Bayern auch an der Akademie in Lochham. Alle Delegierten sind dafür, die Bildungsstätte auszubauen. „Wir schaffen ein Zentrum, mit dem wir in Wettbewerb mit allen anderen Bildungseinrichtungen des Bäckerhandwerks treten können“, sagt der Geschäftsführer des bayerischen Landesinnungsverbandes, Dr. Wolfgang Filter. Hintergrund: Die „Kombi-Kurse“ der Akademie – zum Meisterbrief und Betriebwirt des Handwerks – seien stärker belegt als ursprünglich geplant. Und die Akademie will das erfolgreiche Kurssystem „verfeinern“.

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