Baden & Württemberg

Zwischen Zusatzbelastung und Beitragsenkung

Delegiertentagung des Bäckerinnungsverbands Baden: Stimmung optimistischer / Leistungskatalog erweitert Verbandsbeitrag um 10 % gesenkt


Schwetzingen (wo). Der Verbandstag des Bäckerinnungsverbands Baden in Schwetzingen war geprägt durch mehrere gute Nachrichten. Es wurde verkündet, dass der Mitgliedsbeitrag – Sie lesen richtig – um 10 Prozent gesenkt wird. Auch die erstmals seit 1999 gestiegenen Umsatzzahlen um etwa 1 Prozent und das Versprechen von Gastredner Gerhard Stratthaus, Finanzminister in Baden-Württemberg, sich mit der Union dafür einzusetzen, dass auch Einzelunternehmen und Personengesellschaften von der Steuerreform profitieren, sorgte für gehobene Stimmung. Außerdem konnte die Bäckerinnung Mannheim Stadt und Land am Vorabend zur Delegiertenversammlung im Schwetzinger Schloss standesgemäß sein 125-jähriges Bestehen feiern (siehe Seite 16). „Den positiven Trend sollten wir nutzen“, betonte Peter Becker, Präsident des Zentralverbands des Deutschen Bäckerhandwerks (ZV) als Gastredner und bezeichnete den Badischen Verband als starke Säule innerhalb des Zentralverbands.

Er appellierte an das Handwerk, selbstbewusst aufzutreten und vor allem Qualität zu bieten – unter dem Motto „Brot ist Kultur, ist Lebensqualität“. Voraussetzung für Qualität ist die Qualifikation. Mit der Akademie des Deutschen Bäckerhandwerks wolle man nun Strukturen schaffen für eine professionellere und effektivere Ausbildung. „Der Föderalismus muss hier eindeutig hinter der Effizienz zurückstehen“, machte er klar, dass die Schulen der einzelnen Verbände ihren Teil zum Gelingen dieser Strukturreform beitragen müssen.

Die Organisationsreform betrifft auch das gesamte Handwerk. „Wenn wir den Strukturwandel in der Organisation nicht aufgreifen, laufen wir Gefahr, unglaubwürdig zu werden“ führte Joachim Möhrle, Präsident des Baden-Württembergischen Handwerkstages (BWHT) zum Thema aus und ergänzte: „Eine Organisation muss ein lebendiger Organismus sein.“ So habe man sich in einem Positionspapier darauf geeinigt, dass es künftig pro Gewerk und Bundesland nur noch einen Fachverband geben sollte. „Ich bitte Sie, darüber nachzudenken“, gab er den badischen Kollegen mit auf den Weg. Grußwortredner Walter Tschischka, der Präsident der Handwerkskammer Mannheim, ergänzte das Thema mit der Aussage, dass Fachverbände und Kammern als wichtige Säulen der Handwerksorganisation erhalten bleiben sollten, um die Selbstverwaltung der Handwerkswirtschaft weiterhin gewährleisten zu können. Hier sei ein klares Bekenntnis zur Stärkung des Handwerks nötig.

Landesinnungsmeister Walter Augenstein begrüßte es, dass mit der neuen Regierung wieder mehr Optimismus ins Land Einzug gehalten hat. Bezüglich der Strukturreform und Joachim Möhrles Seitenhieb in Richtung der „Badenfrage“ konterte Augenstein damit, dass man sich intensiv Gedanken mache, aber nicht über die Köpfe der Innungen hinweg entscheiden wolle. Dass man die Innungen stärken will, zeigt auch die 10-prozentige Beitragsreduzierung, die man durch effektive Teamarbeit und einen effektiven Sparkurs innerhalb des Verbandes realisieren könne, wie Augenstein betonte.

Nach wie vor kritisch sieht er die Haushaltsdebatte auf politischer Ebene. Hier versuche man sich auf Kosten der mittelständischen Betriebe und der Verbraucher zu sanieren. Zu nenne seien hier die Unternehmensteuerreform mit einer Erhöhung der Pauschalbeträge für Minderbeschäftigte von 25 auf 30 Prozent und die kommende Mehrwertsteuererhöhung auf 19 Prozent, die die Verbraucher belaste und zu Kaufzurückhaltung führen wird. Zwar habe es beim Kündigungschutz eine Lockerung gegeben, aber das sei praktisch zu einem Abfindungszahlungsmodus verkommen. Belastend komme hinzu, dass die Qualität der Bewerber auf Ausbildungsplätze nach wie vor sehr schlecht sei. „Berufsschulen und Betriebe können nicht die Hilfsschulen der Nation sein“, beklagte der Landesinnungsmeister die unbefriedigende Situation. Auch hier sei die Politik gefordert, die Rahmenbedingungen im Sinne des Handwerks zu verbessern und dafür zu sorgen, dass sich Leistung wieder lohne. Denn eines sei klar: „Wir müssen Gewinne machen, um für die nächste Generation gerüstet zu sein.“

Seitens des Verbandes könne man hier effektive Unterstützung erwarten. „Machen Sie Gebrauch von unserer Betriebsberatung!“, forderte Augenstein die Kollegen auf, aktiv am Ball zu bleiben.

„Verantwortlich ist man nicht nur für das, was man tut, sondern auch für das, was man nicht tut.“ Auch mit dieser Aussage von Franz Burda wies Verbandsgeschäftsführerin Ute Sagebiehl Hannich auf das zwischenzeitlich umfangreiche Beratungs- und Seminarangebot des Verbandes hin, das auch entsprechend genutzt werden sollte. Zu erwähnen seien in dem Zusammenhang auch drei neu installierte Erfa-Kreise, der Betriebsvergleich, der sich als wertvolle Orientierungshilfe anbiete sowie die Hygiene-CD und die Verbands-CD mit den Formularen für die Betriebspraxis.

Geschäftsführerin Sagebiehl-Hannich kritisierte die ungebührlichen Belastungen seitens der Politik. Allein die Erhöhung der Abgabenpauschale für Minijobs von 25 auf 30 Prozent könnte dem Bäcker- und Konditorenhandwerk 90.000 Arbeitsplätze kosten und rund 20 Mio. Euro mehr Lohnnebenkosten verursachen. Auch der rückwirkende Wegfall der Befristungsmöglichkeiten bei älteren Arbeitnehmern könne das Vertrauen in die politischen Entscheidungen nicht gerade festigen.

Bezüglich des neuen Hygienerechts bieten die Leitlinien des Zentralverbands eine verbindliche Handhabe. Entscheidend sei auf jeden Fall die Basishygiene und nicht die Dokumentationspflicht, betonte Ute Sagebiehl-Hannich. Und Gespräche mit der Landesregierung stimmten sie optimistisch, dass die drohende Gebührenpflicht für nicht anlassbezogene Lebensmittelkontrollen nicht kommen werde.

Zusammenfassend meinte die Geschäftsführerin, dass die nächsten Jahre entscheidend sein werden. „Nur mit einer starken Interessenvertretung in Innung und Verband kann es uns gelingen, unserere Werte in der Gesellschaft zu behaupten“, gab Ute Sagebiehl-Hannich den Kollegen mit auf den Weg.


Artikel vom 22.06.2006
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