Regional

Zwickauer Hygiene-Pass stößt in Berlin auf Interesse

LIV Saxonia sieht Überlegungen für sachsenweite Nutzung noch mit Skepsis


Sachsen

Dresden (ad) Mit einem Hygiene-Pass samt 5-Punkte-Skala geben rund 300 Zwickauer Lebensmittelbetriebe ihren Kunden ein Stück mehr Sicherheit beim Einkauf. Ins Leben gerufen wurde diese freiwillige Aktion vor einem Jahr durch den Zwickauer Amtstierarzt Dr. Mario Stein. Mehrere Mitglieder der örtlichen Bäckerinnung nutzen das System. Auch in anderen Regionen stößt der Hygiene-Pass auf großes Interesse. Der LIV Saxonia des Bäckerhandwerks Sachsen tut sich mit dem A4-großen Hygiene-Siegel noch schwer.

Die Idee zum Hygiene-Pass wurde seinerzeit aus den Lebensmittelskandalen geboren. „Es gab damals ständig neue Berichte über unhaltbare hygienische Zustände in einzelnen Betrieben der Lebensmittelbranche. Die Kunden waren hochgradig verunsichert. Und die Betriebe in unserer Stadt wollten zeigen, dass sie verantwortungsbewusst arbeiten“, erinnert sich Dr. Mario Stein. „So entstand der Hygiene-Pass.“

Bei der Entwicklung dieses Systems stimmte sich das Amt eng mit örtlichen Vertretern der DEHOGA, Kreishandwerkerschaft sowie den örtlichen Vertretern der Innungen des Bäcker-, Konditoren- und Fleischerhandwerks ab. „Unser Anliegen war und ist es, den ordentlichen Betrieben ein Hilfsmittel an die Hand zu geben, der Hygiene-Pass ist ganz klar ,Pro Wirtschaft' angelegt“, begründet Dr. Mario Stein.

Wer seine Kunden mit Hilfe des Hygiene-Passes informieren will, muss für sein Unternehmen einen schriftlichen Vertrag mit der Stadt Zwickau abschließen. Dafür werden je geprüfter Aushangstelle – bei Bäckern also für die Backstube und jede einzelne Filiale – einmalig 15 Euro als Teilnahmegebühr zur Deckung von Materialkosten fällig. Der zum Aushang im Betrieb bestimmte Hygienepass bleibt Eigentum der Stadt Zwickau. Ein Ausstieg aus dem Vertrag ist ohne Angabe von Gründen möglich. Zusätzlicher Kontrollaufwand entsteht weder für die Betriebe noch für die Prüfer. Grundlage des vor Jahresfrist in Zwickau eingeführten Hygiene-Passes sind die amtlichen Kontrollen durch das Lebensmittelüberwachungs- und Veterinäramt der Stadt. Im Ergebnis dieser Kontrollen werden auf dem A4-formatigen Hygiene-Pass bis zu fünf Bonuspunkte angebracht bzw. bei aufgefundenen Hygienemängeln bereits vergebene Punkte wieder entfernt.

„Allerdings verfahren meine Mitarbeiter und ich nach dem Grundsatz, dass im Zweifel zu Gunsten des ,Angeklagten' verfahren wird“, erklärt Dr. Mario Stein. Werden z.B. bei der Prüfung in einer ansonsten sehr sauber arbeitenden Bäckerei Mängel gefunden, sind die bisherigen Punkte nicht einfach weg.

Unterscheidungsmerkmal

Als „gute Sache, mit der wir uns von anderen unterscheiden“ schätzt der Zwickauer Bäckermeister Karl-Heinz Plötner den Hygiene-Pass ein. Insgesamt sieben derartige Pässe sind in seinem Betrieb in Backstube und Filialen zu sehen. Ein Teil der Kunden nehme diese wahr, andere hingegen beachten den amtlichen Aushang kaum. „Wir haben moderne Geschäfte, da ist alles in Ordnung – das sticht den Kunden zuerst ins Auge“, sagt Plötner. Zusätzlichen Aufwand habe er durch den mit der Stadt Zwickau abgeschlossenen Vertrag für die Nutzung des Hygiene-Passes nicht. „Sauberkeit ist im Betrieb schon immer das A und O. Wir sind in den zurückliegenden 32 Jahren noch nie negativ aufgefallen, haben einen Hygieneplan und vieles mehr.“ Dass auf seinem Hygiene-Pass zurzeit „nur“ drei von fünf möglichen Punkten zu sehen sind, ficht den Meister nicht an. „Die Anforderungen des Amtstierarztes sind sehr hoch, drei Punkte sind ein wirklich guter Wert. Wir werden im Laufe des Jahres noch den Fußboden in der Backstube durch einen harten Industrieboden ersetzen lassen, dann steht den fünf Punkten nichts mehr im Wege.“

„Der Pass wird einem nicht geschenkt, man muss schon was dafür tun“, fasst Karl-Heinz Plötner, Lehrlingswart der Innung Zwickau, die Erfahrungen in seinem Betrieb zusammen. Dass er mehr als nur „etwas“ getan hat, beweisen die Ergebnisse der Überprüfung: Mit zweimal vier und einmal drei Punkten ist Plötner schon recht zufrieden. „Dazu war es aber u.a. notwendig, neue Arbeitstische aus Edelstahl anzuschaffen und im Lager ein neues Regal aufzustellen.

Auch außerhalb Zwickaus stößt der Hygiene-Pass z.B. bei Berufsschulen, aber auch in den Lebensmittelüberwachungsämtern anderer Kommunen und Landkreise auf Interesse. Jüngstes Beispiel ist der Amtstierarzt von Berlin-Pankow. Dieser sei nach Zwickau gekommen, um sich über den hiesigen Hygiene-Pass zu informieren und ihn in ggf. angepasster Form in Berlin nachzunutzen, freut sich Dr. Mario Stein.

Skepsis zeigt hingegen der LIV Saxonia des Bäckerhandwerks Sachsen. „Wir finden dieses System nicht besonders gut“, macht Lebensmittelchemiker André Bernatzky von der Sächsischen Bäckerfachschule deutlich. Er bemängelt vor allem, dass die Bewertung mit fünf Punkten für handwerkliche Bäckereien kaum zu meistern sei. „Dazu muss der Betrieb auf dem allerneuesten technischen Stand sein, praktisch überall Edelstahl eingesetzt werden, alle Räume gefliest“, sagt Bernatzky.

Dr. Mario Stein sieht auch in der öffentlichen Darstellung der Kontrollergebnisse mit Blick auf das Verbraucherinformationsgesetzes Vorteile: Wer diese Informationen offensiv kommuniziert, kann einen Teil der Auskunftswünsche vermeiden, die nach Inkrafttreten des Gesetzes zu erwarten sind.


Artikel vom 28.04.2008
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