Baden & Württemberg

Nach dem Motto: Ohne Herkunft keine Zukunft

Mitgliederversammlung des Landesinnungsverbands für das Württembergische Bäckerhandwerk vor der Feier zum 125-jährigen Verbandsbestehen


Stuttgart (wo). Ohne Herkunft keine Zukunft. Frei nach diesem Motto hat Landesinnungsmeister Johannes Schultheiß mit Blick auf das 125-jährige Bestehen des Landesinnungsverbands für das Württembergische Bäckerhandwerk auf der Mitgliederversammlung in Stuttgart einen historischen Exkurs geboten. Die zünftige Jubiläumsfeier findet am 15. Juli 2006 in Deggingen bei Göppingen statt.

125 Jahre wechselhafte

Verbandsgeschichte

Der Verband der gewerbetreibenden Bäckermeister startete 1885 mit 32 Innungen. In Hochzeiten waren es sogar 82 Innungen. Heute sind es noch 18 – Tendenz fallend. Wobei die Landesinnung im Jubiläumsjahr wohl bewusst nicht thematisiert wird. Auslöser des Innungssterbens ist ein dramatischer Mitgliederschwund seit den 40-er Jahren des vergangenen Jahrhunderts von 5900 auf 955 (Stand Ende 2005). Abgenommen hätten in den letzten 125 Jahren auch die Wochenarbeitszeit von (von 70 auf 40) und der durchschnittliche Jahresbrotverzehr pro Einwohner (von 250 auf 80). Zugenommen hat jedoch der Stundenlohn: Von 17 Pfennig auf rund 13 Euro.

Seit dem Wiederaufbau des Verbandsgebäudes 1955 habe sich der Verband konsequent zu einem Dienstleister entwickelt, bei dem die Beratung groß geschrieben wird.

Im Haus des Württembergischen Bäckerhandwerks gingen Tag für Tag 20 Mitarbeiter, 30 Meisterschüler, 80 Azubis und 20 Seminarteilnehmer bzw. Gäste ein und aus, dokumentierte Schultheiß mit einem Anflug von Stolz, dass das Haus lebe.

Der Verband als

moderner Dienstleister

Dem konnte Verbandsgeschäftsführer Andreas Kofler direkt beipflichten. Er präsentierte eine solide Jahresrechnung für das Jahr 2005 mit einem Überschuss von 37.000 Euro. Die Zahl der Lehrlinge habe sowohl bei den Bäckern (auf 2179) als auch im Verkauf (2579) im Berichtsjahr erfreulicherweise zugenommen. Abgenommen hat jedoch laut Statistischem Landesamt der Umsatz im Baden-Württembergischen Bäckerhandwerk. Der Rückgang von 3,7 Prozent scheint jedoch nicht ganz der Realität zu entsprechen und wäre entgegen dem Bundestrend, der für 2005 gegenüber dem Vorjahr ein Plus von etwa 2 Prozent ausweist. Laut Betriebsberater Josef Hartmayer, der Einblick in die Daten zahlreicher Betriebe im Ländle hat, sollten die Umsatzzahlen zumindest stabil gehalten worden sein.

Na ja, man weiß ja, wie in etwa die Pflicht der Datenbereitstellung erfüllt wird. Zum Thema „der Verband als moderner Dienstleister“ konnte Kofler im Jahr 2005 rund 300 Beratungsfälle mit mehreren Beratungskontakten für sein Team verbuchen. Darunter juristische Beratung mit Vertretungen vor dem Arbeitsgericht, betriebswirtschaftliche und technische Beratung, Fachberatung und Mehluntersuchungen. Hinzu kämen noch 183 Seminare an der Württembergischen Bäckerfachschule und über 1000 externe Seminare vor allem im Verkaufsbereich.

Back-on, das online-gestützte Controllingprogramm

Als Besonderheit im Rechenschaftsbericht ist Back-on zu erwähnen, ein vom Verband entwickeltes, online-gestützte Controllingprogramm, das zwischenzeitlich 30 Betriebe in Anwendung haben. Ein Steuerungsinstrument, das aktuelle Daten verarbeitet und liefert und das auch bezüglich des Betriebsvergleichs zum Einsatz kommen kann.

Auch politisch sei man dran, wie die Änderung des Gaststättengesetzes zeige. Außerdem erarbeite der LIV Württemberg zusammen mit den anderen Verbänden an einem Strategiekonzept für die organisationseigenen Aus- und Weiterbildungseinrichtungen, das auf der iba in München präsentiert werden soll. Zur neuen Ausbildungsverordnung für Fachverkäferinnen, die zum 1. August 2006 in Kraft tritt, sei eine Kommission einberufen worden, die für eine einheitliche Prüfung sorgen soll.

Die Kennzeichnungsverordnung, das Vorziehen der Sozialversicherungsbeiträge und die neue Lebenmittelhygiene-Verordnung seien zwar Themen, die eigentlich durch sind, bei denen man aber seitens der Berufsorganisation weiter am Ball bleibe. So sei ein aktualisierter Leitfaden für die neue LMHV in der Mache, der den Betrieben bald zur Verfügung stehe.

Schließlich werde die s+mback aufgelöst, aber die Dienstleistung Marketing und Betriebsvermittlung würden in anderer Form weiter angeboten, ergänzte Geschäftsführer Kofler am Ende seines Rechenschaftsberichts.

Erfolgreich mit Interesse

und Wertschätzung

„Mangelnde Identifikation mit dem Unternehmen kostet den Betrieben jährlich 250 Milliarden Euro“, so Moritz Freiherr Knigge, Nachfahre des Benimmpapstes und Unternehmensberater, in seinem Vortrag auf der Mitgliederversammlung.

Mangelndes Vertrauen, schlechte Behandlung, respektloses Verhalten und geringe Wertschätzung der Mitarbeiter führten laut Knigge zu Fehlzeiten, die sich allein schon zu einem Schaden von 90 Milliarden Euro aufrechneten. Das allein sei schon Grund genug, innerbetrieblich und im Umgang mit den Mitarbeitern für eine vernünftige Atmosphäre zu sorgen. Abgesehen davon, dass die Mitarbeiter in einem anständigen Betriebsklima mit ehrlicher Wertschätzung ihrer Leistung und ihrer Person deutlich motivierter zu Werke gehen.

Das heiße aber nicht, dass man die Zügel schleifen lassen sollte, betonte Knigge. „Menschen brauchen einen Rahmen, in dem sie sich selbstverantwortlich bewegen können.“ Da die Menschen unterschiedlich sind, gelte es, im individuellen Diskurs auf den Einzelnen einzugehen.

Schematische Motivationsaktionen und aufgesetzte Lobhudeleien der Vorgesetzten seien hier geradezu kontraproduktiv. Gefragt sei eine Lebensklugheit, die die Kunst des Umgangs mit den Menschen in allen Lebenslagen beinhalte. Darum gehe es auch in erster Linie im berühmten „Knigge“ – weniger um die detaillierte Einhaltung der formalen Umgangsformen, die dem anständigen Umgang miteinander sicherlich förderlich sein.

Zudem sollte Offenheit und Vertrauen geschaffen werden, um ein für alle Beteiligten konstruktives Miteinander zu gewährleisten. Immer vor dem Hintergrund, dass jeder Mensch Anerkennung und Harmonie suche.

„Viele Führungskräfte kennen ihre Mitarbeiter und folglich auch deren Potenzial nicht“, forderte Knigge die Kollegen auf, stets an den Erfahrungen anderer teilzuhaben. Das gelte auch im Umgang mit Geschäftspartnern und Kunden. Der Leitsatz, den Knigge auch für sich und sein Unternehmen anwende sei folglich:

„Interessiere Dich für andere, wenn Du willst, dass andere sich für Dich interessieren!“


Artikel vom 24.05.2006
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