Baden & Württemberg

Meister jetzt mit Hochschulzugang

Neue Perspektiven für Meister und Betriebe: Neues Zugangsverfahren erstmals ab dem Wintersemester 2006/2007


Stuttgart (p). Für Handwerksmeisterinnen und -meister ohne Abitur lag in Baden-Württemberg bisher die Messlatte sehr hoch: Wer ein Hochschulstudium aufnehmen wollte, musste erst komplizierte Bewerbungsverfahren und Zulassungsprüfungen hinter sich bringen. Mit dem neuen Landeshochschulgesetz hat sich das grundlegend geändert.

Zukünftig können Meisterinnen und Meister unabhängig von der Note ihrer Meisterprüfung und ohne gesonderte Eignungsprüfung ein Studium in einem Fach, das ihrer Ausbildung entspricht, aufnehmen. Unproblematisch ist also beispielsweise das Maschinenbau- oder Betriebswirtschaftsstudium für einen Mechanikermeister. Welcher Studiengang mit welcher Meisterausbildung gewählt werden kann, erfahren Interessenten von den Hochschulen im Frühjahr 2006. So werden sich die Bewerber rechtzeitig zu den üblichen Fristen Mitte Juli in einen Studiengang einschreiben können, denn das neue Zugangsverfahren wird erstmals ab dem Wintersemester 2006/2007 Anwendung finden.

„Die Neuregelung verstärkt die Attraktivität und Wettbewerbsfähigkeit einer handwerklichen Ausbildung. Begabte Jugendliche werden sich leichter für eine praktische Ausbildung entscheiden, wenn klar ist, dass eine Berufsausbildung viele Türen öffnet – auch die der Hochschulen“, betont Hartmut Richter, Hauptgeschäftsführer des Baden –Württembergischen Handwerkstages (BWHT). „Erfreulich ist auch, dass die Änderung des Hochschulgesetzes nicht zuletzt auch den Wissensaustausch zwischen Theorie und Praxis fördert. Und hiervon werden beide Seiten profitieren.“

Wer Meister ist, hat eine anspruchsvolle und langwierige Ausbildung hinter sich. Doch angesichts gestiegener Qualifikationsanforderungen in Handwerk und Industrie kann es durchaus sinnvoll sein, nach der Meisterprüfung noch ein Studium aufzunehmen. Auf diese Weise können beispielsweise betriebswirtschaftliche oder technische Kenntnisse umfangreich vertieft werden. Doch nicht nur der Einzelne wird für den eigenen Berufsweg profitieren – auch die Betriebe werden aus der Neuregelung Nutzen ziehen, denn die hochqualifizierten Meister-Studenten werden mit neuem zusätzlichem Wissen und Können die Betriebe bereichern.

In Niedersachsen Unizugang auch nicht fachbezogen

In anderen Bundesländern, wie beispielsweise Niedersachsen, ist der uneingeschränkte Hochschulzugang für Handwerksmeister sogar in nichtfachbezogenen Studiengängen längst Teil des Hochschulrechts. Bereits seit dem Wintersemester 2002/2003 gilt an allen Hochschulen des Landes die uneingeschränkte Studienzulassung für Meister. „Niedersachsen hat als erstes Land seine Hochschulen umfassend geöffnet für Meister und Techniker und entsprechend Qualifizierte aus der beruflichen Weiterbildung – übrigens ohne dass die Hochschulen seither Schaden genommen hätten“, bemerkt der niedersächsische Minister für Wissenschaft und Kultur, Lutz Stratmann anlässlich einer Veranstaltung, bei der besonders erfolgreiche Meister-Studenten geehrt wurden. Professoren der niedersächsischen Hochschulen stellen außerdem fest, dass Studierende aus dem Handwerk ihre Ausbildung an den Hochschulen – auch aufgrund ihrer fachlichen Vorbildung – überdurchschnittlich schnell und erfolgreich abschließen. Der Grund liegt auf der Hand: Wer eine Berufsausbildung absolviert hat und mitten im Erwerbsleben steht, weiß genau, was in der Praxis wirklich zählt. „Gerade vor dem Hintergrund der Erfahrungen in der Meisterschule, scheinen die Studenten aus dem Handwerk zielstrebiger, eigenständiger und engagierter zu sein als der durchschnittliche Student“, weiß Brigitte John-Psaroudakis von der Vereinigung der Handwerkskammern Niedersachsen.

Ein gutes Beispiel für eine interessante und vor allem erfolgreiche Bildungs- und Berufsbiografie ist Leif Obornik. Nach der Ausbildung zum Schilder- und Lichtreklamehersteller erwarb er 1997 seinen Meisterbrief und arbeitete danach im elterlichen Betrieb in Hildesheim. „Der Entschluss, zusätzlich zum Meisterbrief noch ein Designstudium an der Universität in Hildesheim zu beginnen, war die beste Entscheidung meines Lebens“, so Leif Obornik. Ein Austauschprogramm der Universität mit Amerika führte ihn zusätzlich für ein Jahr an das College of Visual Arts in St. Paul/Minnesota. Nach dem Abschluss seines Studiums plant Leif Obornik, sein Wissen im elterlichen Betrieb einzubringen, und hat bereits heute Einiges vor. „Ich habe schon eine ganze Reihe von Ideen, die ich in unserem Betrieb umsetzen möchte. Durch mein Studium haben wir die Möglichkeit unsere Angebotspalette zu erweitern und sind dadurch unseren Mitbewerbern ein Schritt voraus“, erläutert Leif Obornik.


Artikel vom 05.01.2006
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