Nordrhein-Westfalen

Landesinnungsmeister Miehle verabschiedet

Verbandstag des BIV Westfalen-Lippe: Minutenlange „Standing Ovations“ für Wolfgang Miehle / Der neue LIM heißt Heribert Kamm


Hagen (rh). Als Wolfgang Miehle vor 26 Jahren gewählt wurde, geschah dies in seiner Wahlheimatstadt Dortmund. Ähnlich ging es auch seinem Nachfolger Heribert Kamm. Die Verbandstagung zu seiner Wahl als Miehle-Nachfolger erfolgte in Hagen, wo Heribert Kamm seit langen Jahren Obermeister und Kreishandwerksmeister ist. Bevor Wolfgang Miehle jedoch das Ruder aus der Hand gab, zog er eine Bilanz des vergangenen Vierteljahrhunderts.

Es habe in dieser Zeit vieles gegeben, was das Handwerk in Atem gehalten hat. Daher seien die 26 Jahre seiner Amtszeit schnell vergangen. Vor allem sei es stets wichtig, sich zu verändern, in erster Linie spiele sich dieser Vorgang jedoch im Kopf ab. Ein Prozess, der schwierig, aber notwendig sei, gab er zu. Die Überalterung sei ein generelles Problem, das lange vernachlässigt wurde, ergänzte er.

Gleichzeitig prangerte er die Politik der letzten zehn Jahre an. Der Staat könne nicht alles in Ordnung bringen. Das Antidiskriminierungsgesetz, die Diskussion um Mindestlöhne und andere Probleme seien nicht das, was das Land brauche. Die mittelstandsfeindlichen Regelungen könnten manchem Handwerker die Freude an der Arbeit vergällen. Immer noch sei die Staatsquote zu hoch, die Verwaltung zu breit gefächert. „Noch sind wir stark und handlungsfähig, appellierte er an die Kollegen, etwas zu tun.

Für jeden einzelnen Meister gelte es Verantwortung zu tragen für die Produkte und die Mitarbeiter. Daher sei die Aus- und Weiterbildung der Schlüssel für den Erfolg und die Zukunftsfähigkeit. „Dies zu vermitteln ist uns leider nur zeitweise gelungen“, merkte er selbstkritisch an. Als positiv bezeichnete er das E-learning-Programm des Verbandes. Die Chancen für handwerkliche Bäckereien würden in dem Maße steigen, in dem Angebote der Weiterbildung auch angenommen würden. Dies sei wichtig, nicht nur für die Mitarbeiter, sondern auch für die Meisterpaare. Wer heute am Markt bestehen wolle, dürfe nicht billiger, sondern müsse besser in allen Belangen sein. Nur so könne man sich ein eigenes regional begrenztes kleines Monopol schaffen. Die Warnung vor Teiglingen, die er aussprach, begründete Miehle damit, dass auf diese Weise wesentliche Teile der Wertschöpfungskette aus der Hand gegeben werden. Besser sei es mit Kollegen zu kooperieren. Ein neuer Führungsstil sei gefragt, Mitverantwortung müsse heute so wichtig genommen werden, wie die gerechte Entlohnung. Flexibilität sei in allen Feldern notwendig, um Arbeitsplätze auf Dauer zu sichern. Dies bedeute auch, dass bei den Tarifverhandlungen in dieser Richtung diskutiert werde. Zur Personalsituation merkte er an, dass der Wettbewerb um gute Fachkräfte schon jetzt eingesetzt habe, besonders um guten Nachwuchs.

Nicht der Umsatz, sondern der Gewinn müsse der Maßstab für jeden Betrieb sein. Dies bedeute auch, dass Privatentnahmen das Eigenkapital nicht schwächen dürften. Wer die Betriebsberatung nutze, sei oft auf der sichereren Seite. Sein Appell an die Ehrenamtsträger lautete: „Die Innungen und der Innungsverband dürfen nicht gegen einander ausgespielt werden!“ Ohne Gemeinsinn gehe es nirgendwo lange gut. Sein besonderer Dank galt nicht nur der Geschäftsstelle in Bochum, sondern in aller erster Linie seiner Ehefrau Marlies, die ebenfalls aktiv in das Verbandsgeschehen eingegriffen habe und die Meisterfrauenorganisation ins Leben rief. Minutenlanger stehender Beifall der Delegierten ehrte den verdienten Landesinnungsmeister für dessen Lebenswerk. Einstimmig wurde er zum Ehren-Landesinnungsmeister gewählt.

In den Vorstand des Verbandes rückte Bäckermeister Jürgen Hinkelmann aus Dortmund nach, der ebenfalls das einstimmige Votum der Delegierten bekam. Otto Kentzler hob hervor, dass Wolfgang Miehle nicht nur in der eigenen Organisation, sondern auch im ZDH hoch dekoriert sei. Die Goldabzeichen der Handwerkskammern und des Zentralverbandes trage er schon lange. Ein Glasbaustein aus dem Dortmunder Kammergebäude mit dem Ährenemblem der Brauer übergab er dem langjährigen Weggefährten als Abschiedsgeschenk. Nach den Worten von Landesinnungsmeister Siebers (Rheinland) war Wolfgang Miehle eine Institution in Westfalen. Die Initialen WM stünden auch für die Charaktereigenschaft „wirklich mutig“. Er lobte die Zusammenarbeit der Verbände Westfalen-Lippe und Rheinland und den Charakter Wolfgang Miehles. „Verbindlich und sympathisch, niemals abgehoben und immer ansprechbar“, brachte er die Eigenschaften auf den Punkt.

Sein Nachfolger Heribert Kamm hat ebenfalls lange Erfahrungen in der Handwerksorganisation. Dadurch, dass in Hagen die Welle der Discounter bei Backwaren entstanden ist, verfügte er ebenfalls über Erfahrungen auf diesem Gebiet des Wettbewerbes. „Weshalb sollten wir Bäcker vom Discount-Trend verschont bleiben?“, stellte er in den Raum.

Das Phänomen sei allerdings vom Handwerk lange ignoriert worden. Daher gelte es, auf die Veränderungen zu reagieren und die Herausforderung anzunehmen ( Bericht auf Seite 17).


Artikel vom 16.06.2005
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