Nordrhein-Westfalen

Kostendruck und Nachfolge erfolgreich meistern

Rekordbesuch beim 13. Bäcker-Kongress des Bäckerinnungsverbandes Westfalen-Lippe: Nachfolge und Ertragslage waren Kernthemen


Werl (rh). Landesinnungsmeister Heribert Kamm konnte sich freuen, als er das Rednerpult auf der Bühne der Stadthalle Werl betrat. „Rekordbesuch!“, rief er den Kollegen zu. Dies bescheinige ihm, dass das Konzept des Bäcker-Kongresses vom westfälisch-lippischen Verband goldrichtig ist, andererseits aber auch Probleme vorhanden sind, die allen Bäckern auf den Nägeln brennen. Die neue Situation, die sich für das Bäckerhandwerk heute darstelle, drehe sich um die Beschaffung von Brotgetreide. „Das wird zum Problem.“ Man habe nun fast schon eine wirtschaftliche Lage „wie zu DDR-Zeiten“, bezog er sich auf einen sächsischen Kollegen.

Eine derartige Mangelsituation treibe die Preise für den Rohstoff in die Höhe. Daher sei es für den Bäckermeister längst wichtiger als das Backen selbst, gut zu kalkulieren. Eine Kalkulation dürfe sich nicht mehr im Halbjahresrhythmus vollziehen, sondern müsse zur permanenten Tätigkeit werden. Angesichts von Preissteigerungen bei Mehl von 60 Prozent bis Mitte des Jahres und 100 Prozent bis Ende 2007 sei rechnen mehr denn je von Nöten. Auch bei den Zutaten wie Molkereiprodukten müsse mit Preissteigerungen zwischen 50 und 70 Prozent kalkuliert werden. Die Energiekosten sind mit einem Plus von 80 Prozent bereits heftig zu Buche geschlagen.

„Angesichts dieser wirtschaftlichen Hintergründe sind unsere Brötchenpreise im wesentlichen gleich geblieben“, so Kamm. Wenn die Kostensteigerung wie prognostiziert eintrete, müsse der Betrieb mit einer Mehrbelastung von 10,6 Prozent im Durchschnitt rechnen. Dies erfordere eine Preiserhöhung für Backwaren in derselben Höhe, wenn man kalkulatorisch nicht ins Minus rutschen wolle.

„Wie gehen wir mit dieser Situation um?“, stellte der LIM in den Raum. Hier könne der Discounter Aldi mit seiner bundesweiten Anzeigenaktion rund um die Erläuterung der Preiserhöhungen durchaus als Vorbild gelten. Man müsse seine Existenzgrundlage retten, aber die Preise nicht über Gebühr in die Höhe treiben. Wenn man dies dem Verbraucher gegenüber plausibel erklären könne, sei ein wichtiger Schritt für das Überleben getan. „Die Kosten lassen sich nicht über eine gesteigerte Selbstausbeutung von Meisterehepaar und Mitarbeitern kompensieren“, forderte er.

Der Blick auf die Politik zeige, dass sich die Hoffnungen des Bäckerhandwerks in den Regierungswechsel in Nordrhein-Westfalen nicht erfüllt haben. Die Äußerungen zur Brotkalkulation seitens einiger Politiker seien schlicht und einfach unqualifiziert. Auch Landwirtschaftsminister Eckhard Uhlenberg, der sich zum Mehlanteil im Brot und dessen Relevanz auf den Preis bezog, sei absolut kontraproduktiv für das Handwerk.

Auch die Thematik „Sonntagsöffnung an Feiertagen“ kam zur Sprache. Hier habe man mit allen Politikern im Lande geredet, um eine Chancengleichheit mit den Mitbewerbern zu erhalten. „Tankstellen werben damit, dass das Bäckerhandwerk Ostersonntag nicht öffnen darf“, machte er deutlich. Deshalb sei man im Verband erschrocken, dass Politiker so unwissend mit diesem Punkt umgehen.

Backwaren-Design-Preis

Als besonders positiv bezeichnete Heribert Kamm, dass Brot und Brötchen nach wie vor stark gefragt sind. Auch die Ausbildungssituation an der Olper Meisterschule zeigt sich von der besten Seite. Derzeit sind 39 Meisterschüler dort eingeschrieben, so viele wie lange nicht mehr. „Das spiegelt den Optimismus des Nachwuchses wider“, freute sich der Landesinnungsmeister.

Dass die frisch gebackenen Meister auch äußerst kreativ sind, bewies der „7. Backwaren-Design-Preis“. Als Preisträger für innovative Backwaren wurde Bekim Hehl-Manovi aus Gehlert ausgezeichnet. Er hatte mit dem Produkt „El Quadro“ eine Idee, die zum neuen Snack-Bestseller werden kann. Ein Brotkörbchen gefüllt mit vitaminreichen Salaten spielt dabei die Hauptrolle. Den zweiten Preis erhielt Maik Büdeker aus Dellbrück, der ein „Winzer-Kräuter-Krüstchen“ erfand. „Bronze“ ging an Christoph Schwarz aus Gudensberg für seinen „Schattengauer Demmerling“. Diese Produktinnovationen zeigen, so Heribert Kamm, dass kreatives Schaffen in der Backstube auch ohne das Zutun der Zulieferer mit ihren Fertigmischungen möglich ist. Die Jugend zeige damit den Skeptikern, was in den Meisterschülern steckt. Auch die Vermarktungsstrategien seien beachtlich. „Eine Idee für eine gute Backware endet eben nicht an der Backofentür“, waren auch die Vertreter der Schule stolz.

Generell sei das Thema Regional-Vermarktung für das Bäckerhandwerk immer wichtiger. Dies werde zudem durch Fördermittel des Landes unterstützt. Die „Westfalenbäcker“ mit ihren eigenständigen Produkten marschieren dabei in vorderster Reihe. Die jüngste Erfindung der „Westfalenstollen“ wurde von Fachlehrer Ulrich Jortzik vorgestellt.

Potenzial des Familienbetriebs

Einen „blinden Fleck der Forschung in den Wirtschaftswissenschaften“ beleuchtete Torsten Groth von der Universität Witten/Herdecke. Sehr zu Unrecht, wie er betonte. 65 bis 85 Prozent aller Unternehmen weltweit sind in der Hand von Familien. Auch zwei Drittel aller Arbeitnehmer sind in diesem Unternehmen beschäftigt. Allerdings sei die Nachfolge ein Dauerbrenner, wenn es um die Erörterung der Risiken gehe. Anhand einiger Thesen zeigte er das Tückische dieser Unternehmen auf. So sind Familienbetriebe nicht nur anders und erfolgreicher, intelligenter und längerfristig orientiert, sondern auch in ihrer Existenz gefährdeter. „Zudem stellen sich die meisten Familienunternehmen als ausgesprochen beratungsresistent heraus“, so der Referent. Dennoch seien sie langlebiger als andere Konzerne. Die beiden Funktionsprinzipien eines Familienbetriebes bestehen darin, dass das Unternehmen und die Familie stets vermischt sind. Der Wirtschaftswissenschaftler sieht darin eine einzigartige Chance. Dabei gehe es nicht um Romantik, sondern um Wettbewerbsfähigkeit. Wenn Familienunternehmen wachsen, steigt auch die Zahl der Mitarbeiter, im Gegensatz zum Verhalten von Konzernen. Diesem Argument sollten sich auch Politiker nicht entziehen, wenn es um die Beurteilung dieser Unternehmensformen gehe. Allerdings bestehe bei jedem Familienbetrieb, ob klein oder groß, die Gefahr, dass bei Familienstreitigkeiten das Unternehmen ein Opfer von „Stammeskriegen“ werden könne. Dieser Umstand sei der häufigste Grund, wenn ein Familienunternehmen scheitere. Er wies darauf hin, dass auch die Nachfolger die Chance haben sollten, eigene Entscheidungen zu treffen. Ein langsames Hineinwachsen in die Führungsposition sei wichtig. Daher schlug er vor, dass Inhaber ab Mitte 50 eine Zehnjahresphase beginnen, um den gleitenden Übergang einzuleiten.

Ohne Risiko kein Erfolg

Der zweite Referent des Kongresses, Herman Scherer aus Freising, verglich die Erfolgsfaktoren von Betrieben mit denen von Menschen. „Sexappeal statt Mauerblümchen“, so lautete seine Devise. So lange ein Unternehmen nur das biete, was alle auf der Pfanne haben, werde es auch nicht mehr bekommen als alle anderen. Durchschnittliche Erlöse, durchschnittliche Anerkennung und durchschnittliche Aufmerksamkeit seien dann das Resultat. Wer in Führung gehen wolle, müsse auch Risiken eingehen. Die Wahrscheinlichkeit des Erfolges wachse mit der Bereitschaft, auch einmal Fehler zu machen. Für kontinuierlichen Erfolg sei es sehr wichtig, die eigenen Stärken zu erkennen, konsequent auszubauen und zu nutzen. Nicht nur so gut zu sein wie die meisten anderen, sondern ein wenig besser, ist daher, seiner Ansicht nach, zielführend für den Erfolg.


Artikel vom 27.09.2007
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