Baden & Württemberg

In der Ausbildung engagiert

Fachlehrer Gottlob Munz: 30 Jahre Ausschussarbeit


Reutlingen (rgb). Seit 29 Jahren ist Gottlob Munz (58) Technischer Lehrer für die angehenden Bäckergesellen in der Reutlinger Kerschensteinerschule und seit über 30 Jahren Mitglied im Gesellenprüfungsausschuss. Für diese Arbeit wurde er im Herbst letzten Jahres von der Handwerkskammer Reutlingen mit einer Ehrenurkunde geehrt. Als stellvertretender Prüfungsvorsitzender dürften es mehr als 1000 Bäckerlehrlinge gewesen sein, deren Fähigkeiten er zu beurteilen hatte und wenn er zurückblickt, sieht er einen gewaltigen Wandel in der Ausbildung beim Nachwuchs.

Bevor Gottlob Munz in den Schuldienst wechselte, war er als Bäckermeister bei Karl Friedrich Hornung, Dusslingen, beschäftigt, der heute noch als Vorsitzender des Prüfungsausschusses tätig ist. Der erzählte eher beiläufig nachts bei der Arbeit von der zurückliegenden Innungsversammlung, auf welcher man einen Technischen Lehrer gesucht hatte. Hornung ahnte natürlich nicht, dass er damit seinen Meister verlieren würde. Aber vor der ersten Unterrichtsstunde musste der Bäckermeister Munz noch seine Konditorenmeisterprüfung ablegen und die Mittlere Reife nachmachen – damals Einstellungsvoraussetzungen für den Berufsschuldienst in Reutlingen. Dieses eine Jahr Abwesenheit überbrückte die Schule mit Wolfgang Sautter, dem heutigen Ehren-Landesinnungsmeister.

Munz geht auch heute noch gerne zur Schule und freut sich auf die Arbeit im Prüfungsausschuss, ärgert sich aber, dass es seine Generation versäumt habe, die nachwachsende Generation zu etwas mehr Ehrgeiz, Disziplin und Zielstrebigkeit zu erziehen.

Die handwerklichen

Fähigkeiten sterben aus

Die handwerklichen Fähigkeiten in den Bäckereien sterben aus, stellt er fest, wenn er im Unterricht sieht, welche Fertigkeiten die Lehrlinge in den Betrieben erlernen. Sie lamentieren, wenn der Teig an den Hängen kleben bleibt, statt zu wissen, was zu tun ist. Aber Munz sieht natürlich auch die Diskrepanz zwischen einem angehenden handwerklichen Gesellen und den Anforderungen der Technik, später vielleicht einmal für ganze Backstraßen verantwortlich zu sein. Bereits jetzt könne er bei der Zwischenprüfung sehen, wie automatisiert ein Betrieb sei, denn viel Wissen und Können falle der Technik zum Opfer. Da werde nicht mehr in den Bäckereien gelernt, etwas per Hand zu formen oder zu gestalten.

Bäckergeselle oder

Industriefacharbeiter?

„Die Technik ist eine unverzichtbare Arbeitserleichterung, aber sie befreit uns nicht vom praktischen Fachwissen,“ und Munz fährt fort „wenn man sich nur noch auf die EDV verlässt, dann braucht man auch nicht mehr den Beruf des Bäckers als Handwerker zu erlernen. Es gibt schon lange den Handwerksmeister und den Industriemeister im Backgewerbe, warum eigentlich nicht den Bäckergesellen im Handwerk und den „Industriefacharbeiter“ in der Backindustrie.

Dabei sieht er durchaus den Kostendruck, der die Unternehmen zur Rationalisierung zwingt, möchte jedoch gerne verhindern, dass die Maschinen das Backresultat dem Bäcker um die Ecke vorschreibt. Etwas skeptisch sieht er die neue Ausbildungsreform, die nach Lernfeldern unterteilt. Er befürchtet mit dem Ermitteln einer Gesamtnote ein Vertuschen der Schwächen eines Lehrlings, denn die Einzelnoten in Fachpraxis und Fachtheorie waren für den Arbeitgeber doch aussagekräftiger über das Einsatzgebiet seines Mitarbeiters. Jetzt werde ein Durchschnitt über das theoretische Fachwissen und praktische Können ermittelt und den Arbeitgebern auch fast nur durchschnittliche Mitarbeiter präsentiert. Von Ausnahmen abgesehen.

Das Handwerk braucht Spitzenleute, um sich zu profilieren

Aber das Bäckerhandwerk brauche Spitzenleute, um sich als Handwerk von der Industrie abzuheben. Problemkinder sind für ihn als Technischer Lehrer und Prüfungsmitglied die Migranten. Mit ihren schlechten Deutschkenntnissen, die sich besonders im schriftlichen Teil niederschlagen, drückten sie den Leistungsschnitt und das Image unseres Berufsstandes. Das hat das Bäckerhandwerk nicht verdient! Arbeitstechnisch stünden sie den Deutschen in nichts nach, nur falle es ihm und seinen Kollegen, die Fachtheorie unterrichten, manchmal wirklich schwer, die Antworten auf die Prüfungsfragen zu entziffern. Wenn Texte nicht gelesen und verstanden werden, falle zwangsweise das Prüfungsergebnis schlechter aus.

Die Investition in die Ausbildung lohnt sich immer

Gottlob Munz fordert insbesondere auch für die Ausbildung geregelte Arbeitszeiten, angemessene Bezahlung und auch bezahlte Überstunden, wolle man qualifizierten Nachwuchs und „gute Prüflinge gehen auch heute noch weg wie warme Semmeln.“ Investiert ein Lehrmeister viel Ausbildungszeit in das erste Lehrjahr seines ihm anvertrauten Auszubildenden, so macht sich das im zweiten und dritten Lehrjahr mehr als bezahlt.


Artikel vom 17.02.2006
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