Baden & Württemberg

Gesellenbriefe mit seinem Karl Friedrich

Karl Friedrich Hornung seit fast als 30 Jahren in der Gesellenprüfungskommission


Dußlingen (rgb). Das genaue Datum weiß Karl Friedrich Hornung nach eigenem Bekunden nicht, aber es wird wohl 1977 das erste Mal gewesen sein, dass er als Mitglied des Prüfungsausschusses Lehrlinge prüfte. Seit vielen Jahren ist sein Name im Bereich der Handwerkskammer Reutlingen mit dem Vorsitz der Prüfungskommission untrennbar verbunden und es dürften mehr als 1000 Gesellenbriefe sein, die seine Unterschrift tragen. Ein Drittel von ihnen hat er selbst mit zwei weiteren Kollegen geprüft, denn dass die neunköpfige Prüfungskommission unter sich die drei Prüfungstage aufteilt, erleichtere die Arbeit, stellt der 59-jährige Bäckermeister fest.

Die sehr gute und vertrauensvolle Zusammenarbeit innerhalb der Kommission und auch mit der zuständigen Kreishandwerkerschaft lässt dieses Ehrenamt nicht zur Bürde werden. Noch eine, neuerdings 5 Jahre dauernde, Prüfungsperiode wird Karl Friedrich Hornung mitarbeiten, dann wird altershalber Schluss sein. Eine Arbeit, die er immer gerne getan habe, wie er rückblickend feststellt, und an die er zufällig geraten sei. Damals als Lehrlingswart in den Vorstand der Innung Tübingen gewählt, ergab es sich fast zwangsläufig, auch für die Gesellenprüfungen zuständig zu sein.

Stellt er Vergleiche zwischen den Prüflingen vor 30 Jahren und heute an, so moniert er insbesondere das Fehlen vieler mathematischer Grundkenntnisse, ohne die damals niemand von der Volksschule entlassen worden wäre. Heute aber ist der Griff zum Taschenrechner üblich, der aber in Backstuben, weil nicht staubresistent, unnütz wird. Zudem habe unter der Einstellung der Eltern „meine Kinder sollen es einmal besser haben“ der Bäckerberuf sehr gelitten und es bewerben sich vielfach Schüler, „die sonst nicht untergebracht werden“, aber für den Bäcker wird es wohl noch reichen. Karl Friedrich Hornung bedauert diese Einstellung, denn angesichts der steigenden kritischen Einstellung der Bevölkerung zu Lebensmitteln bedürfte es eigentlich eines größeren Fachwissens als jemals zuvor, aber die Gesellenprüfungen seien heute nicht schwerer abzulegen als vor 30 Jahren. Leider seien aber die Voraussetzungen der Bäckeranwärter schlechter geworden. Was sich letztendlich auch auf die Qualität der Meisterprüfungen niederschlagen müsse. „Zwar wäre es schön, wenn wir mehr Realschüler hätten, aber wir müssen auch den Hauptschülern eine Chance geben.“

Leider sei viel Wissen und Können der Technik zum Opfer gefallen, und in vielen Bäckereien werde nicht mehr gelernt, etwas per Hand zu formen oder zu gestalten, was allein die ÜBA nicht ausgleichen könne. Wenn auch das nicht mehr funktioniere, nur noch „EDV-Knöpfchendrücker“ gesucht würden, „dann brauchen wir es auch nicht mehr Handwerk zu nennen“, resümiert Hornung.

Eine entscheidende Änderung in der Gesellenprüfung werde es bald geben, wenn nach Lernfeldern geprüft wird, d. h. die Lehrlinge nicht „nur“ die Herstellung der Backwaren beherrschen müssen, sondern auch die wirtschaftlichen Zusammenhänge über Rohstoffbeschaffung, Kalkulation und Verkauf wissen sollen und auch erklären können. „Da befürchte ich, dass die Durchfallrate ansteigen wird, wenn das Niveau unserer Berufsanwärter so bleibt oder gar schlechter wird.“

Karl Friedrich Hornung stammt aus einer traditionsreichen Bäckerfamilie im badischen Kehl, die sich bis 1736 nach verfolgen lässt. Vergleicht er die Berufseinstellung seines Onkels, der ihn ausbildete, und den heutigen Anforderungen, so sieht er zwei Extreme.

Einerseits das sture Festhalten an Überkommenen, „das hat schon immer gereicht, und wird noch 50 Jahren reichen“ und einer Produktvielfalt, „die uns heute schier das Genick bricht“. Als er zusammen mit Ehefrau Karin 1970 kurz nach der Meisterprüfung die Bäckerei übernahm, gab es in Dußlingen neben ihm noch drei weitere selbstbackende Betriebe – geblieben sind drei Filialisten.

Ausbildungsbetriebe, in denen der Lehrling „gelegentlich unter dem Tisch hervorschaut“, wie es Karl Friedrich Hornung formuliert, sind das größte Problem der Branche. Denn der Lehrling schlussfolgere, so miserabel wie hier, ginge es ihm in allen Bäckereien und ihm wird die Abschlussnote gleichgültig, denn er wird nicht lange als Bäckergeselle arbeiten.

Hornung: „Nur zufriedene Lehrlinge bleiben uns erhalten.“ Die Freude am Bäckerberuf den Lehrlingen zu vermitteln und die jungen Menschen zu motivieren, hält er für unabdingbar, dann lerne man auch viel leichter und lieber. Diese Freude werde auch nach außen in die Familie, in den Freundes- und Bekanntenkreis getragen und vermittele ein positives Berufsbild.

Karl Friedrich Hornung ist sich sicher, dass qualifizierter Nachwuchs auch morgen noch seinen sicheren Arbeitsplatz haben wird, das bewiesen alljährlich Prüflinge mit guten Noten, die weggingen „wie warme Semmeln.“


Artikel vom 07.09.2006
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