Nordrhein-Westfalen
Die Verbandsfusion ist in NRW kein Thema
Verbandstag Westfalen-Lippe: Die Fachschule in Olpe soll als Akademie des Bäckerhandwerks ausgebaut werden / Verkaufsschulung forcieren
Bocholt (rh). Für Landesinnungsmeister Heribert Kamm war es eine Premiere: Er stand zum ersten Mal nach seiner Wahl zum LIM am Rednerpult, um den Verbandstag zu leiten. Unterstützung hatte er zwar vom Vorstand, jedoch nicht vom Geschäftsführer. Dr. Friedrich Wirsam musste gesundheitsbedingt das Bett hüten, während die Ehrenamtsträger in der deutsch-niederländischen Grenzstadt zusammen kamen. So legte Heribert nicht nur seinen Bericht vor, sondern präsentierte auch den Jahresbericht des Geschäftsführers.
Probleme, Sorgen, Veränderungen und Perspektiven standen auch beim Grußwort des Landesinnungsmeisters aus dem Rheinland, Bernd Siebers, im Mittelpunkt. Es gehe um die Suche nach neuen Wegen, dabei sei es wichtig, Geschlossenheit zu zeigen. In erster Linie appellierte er an die Delegierten, den hohen Organisationsgrad des Bäckerhandwerks zu erhalten. Es gehe auch darum, dem Handwerk wieder jenen höheren Stellenwert in der Gesellschaft zu verschaffen, den es traditionell verdiene. Der Wert des Menschen müsse geachtet werden, dies bedeute, dass die Betriebe und ihre Mitarbeiter als eine Einheit auftreten.
Innungsfusionen seien eine weitere große Aufgabe, die vor allen bei Verbänden liege. Im Rheinland habe man sich das Zusammengehen kleinerer Innungen auf die Fahnen geschrieben. „Wir wollen weiter ein starkes und stolzes Bäckerhandwerk bleiben!“, sagte er. Auch Heribert Kamm sprach sich für Fusionen aus, diese dürften jedoch nicht um jeden Preis vorangetrieben werden. Besonders wenn es darum gehe, mit dem Nachbarverband aus dem Rheinland näher zusammen zu rücken, seien die Kollegen aus Westfalen-Lippe gern dabei. An eine Fusion werde jedoch nicht gedacht.
Tarifverhandlungen
Angesichts der Tarifverhandlungen zeigte der Landesinnungsmeister den aktuellen Stand auf. Die 40-Stunden Woche sei ein Thema, ebenso zwei bis drei Tage weniger Urlaub. Allerdings müsse man auch die Option offen halten, jenen Mitarbeitern, die gute Leistungen bringen, auch adäquat eine höhere Bezahlung anbieten zu können.
Erfreut zeigte sich Heribert Kamm über den Umgang mit der neuen NRW-Regierung. „Wir reden endlich mit einander!“ Außerdem herrsche nun ein anderer Ton mit Minister Eckard Uhlenberg und Professor Heiner David, wenn es um Hygienethemen gehe. Bei der Regelung des zweiten Berufschultages sei ebenfalls eine gute Lösung gefunden worden. „Unsere Betriebe sollen ausbildungsbereit bleiben“, fasste er das Ergebnis zusammen. Gemeinsamkeiten, so Heribert Kamm, solle es auch geben, wenn es um die Ausbildung geht. Derzeit gibt es sieben Fachschulen in Deutschland, die künftig unter einem gemeinsamen Dach agieren sollen. Der Titel „Erste Deutsche Bäckerfachschule“ in Olpe sei nicht nur vom historischen Aspekt, sondern auch vom Stellenwert zu sehen. Die Bundesfachschule sollte nach wie vor ein Aushängeschild sein, derzeit erfülle sie diese Aufgabe jedoch nicht, kritisierte er. Das vorgelegte Sanierungskonzept werde diskutiert.
Mehr Dienstleistungen
Die Schule in Olpe wird als Akademie des Bäckerhandwerk ausgebaut und sich entsprechend in Zukunft präsentieren. Es sei durchaus gewollt, dass sich mehr Betriebe mit der Schule identifizieren. Ein neuer separater Verkaufsraum für die Fachverkäuferinnen sieht Heribert Kamm als ersten Schritt. Auf diese Weise sei es besser möglich, fachspezifische Inhalte zu vermitteln.
Das Team der Fachschule in Olpe wurde demnach aufgestockt, um weitere Dienstleistungen anbieten zu können. Wie diese aussehen, demonstrierte Eva-Maria Lingemann, die für das Marketing zuständig ist. „Begeisterung ist das tägliche Brot der Jugend“, lautet ihre Devise. Was dies in der Praxis bedeutet, zeigte sie anhand eines kurzen Vortrages zur Marketingthematik.
Beim aktuellen Betriebsvergleich hatten sich 120 Betriebe beteiligt. Die daraus resultierenden Zahlen stehen den Betrieben in Westfalen-Lippe jetzt zur Verfügung.
Besondere Sorge, so Betriebsberater Werner Reins, macht die Verkaufsleistung. Die Stundenkosten im Verkauf sind seiner Ansicht nach in vielen Fällen zu hoch. Außerdem zeigt sich bei sehr vielen Betrieben ein Investitionsstau. Wer seinen Betrieb ständig auf dem Niveau der Zeit halten will, sollte sich nicht scheuen, die Hilfen des Verbandes anzunehmen. Nutzen sie die Chance, damit sie auch in Zukunft erfolgreich sind, appellierte er an die Betriebsinhaber.
Die Betriebsberater verstehen sich als „Kompetenzteam“ des Verbandes und somit als Dienstleister für die Mitglieder, erörterte der Landesinnungsmeister. Seiner Ansicht nach werden die Sorgen der Bäckereien nicht weniger. Auch die Mehrwertsteuererhöhung sieht er als eine Klippe für das Handwerk an. Wenn zwischen dem Verzehr vor Ort und der außer Haus verzehrten Ware zwölf Prozent Differenz herrschen, gebe dies einigen Stoff, um Finanzämter aktiv werden zu lassen. Dieser Anreiz, sehr genau hinzusehen, werde für manchen Betriebsinhaber möglicherweise zu Schwierigkeiten führen. Um dem vorzubeugen, gelte es eine sehr präzise Kassenführung zu betreiben.
Noch beherrschen die Bäcker 50 Prozent des Backwarenmarktes. Ein schneller Wandel sei jedoch typisch für diesen Marktbereich. Die Konkurrenz sei daher nicht beim Kollegen zu sehen, sondern bei sämtlichen Fastfood-Ketten, die verstärkt auf den Markt drängen.
Umso wichtiger sei es, bei der Vermarktung der Backwaren mehr Schwung an den Tag zu legen. Der Preis sei dabei ein Teil der Strategie. Die Devise dürfe nicht lauten „wir sind billiger“, sondern „wir sind besser“. Dies gelte ganz besonders bei den Öffnungszeiten an Sonntagen. Wenn an diesen Tagen den Mitarbeitern Zuschläge bezahlt werden, dürfe man dies ruhigen Gewissens auf die Preise umlegen.
Angst vor der neuen EU-Hygienerichtlinie brauchen die Betriebe nicht zu haben. Die Zusage der Landesregierung sei eindeutig. Hier heiße es ganz klar: „Wir werden sehen, wie sich das in der Praxis umsetzen lässt, sodass es für das Handwerk machbar bleibt.“ Auch an der Meistergründungsprämie wird festgehalten. Nach Ansicht von Heribert Kamm und den anwesenden Landtagsabgeordneten handelt es sich hierbei um die beste Subvention, die es derzeit in Deutschland gibt. Auf diese Weise würden Gründungen von Betrieben hervorgerufen und solide Arbeitsplätze in Nordrhein-Westfalen geschaffen.
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