Thüringen
Der Erlebniseinkauf bietet Perspektiven
Verbandstag des LIV Thüringer mit durchwachsener Bilanz / Brötchenumsatz hat sich in Geschäften mit Ladenbackofen mehr als verdoppelt

Geschäftsführer Helmut Münch, Landesinnungsmeister Wolfgang Laudenbach und seine Stellvertreter Joachim Markert sowie Manfred Schmidt (von links) bildeten das Tagungspräsidium. Fotos: Salden
„Auf der einen Seite hatten wir die ersten Insolvenzen einiger handwerklichen Bäckereibetriebe zu beklagen, andererseits konnten jene Unternehmen, die sich auf die sich weiter verändernden Verzehrgewohnheiten der Verbraucher und ihrem verstärkten Wunsch nach einem Erlebniseinkauf einstellen, Umsatzzuwächse verzeichnen“, stellte LIM Laudenbach fest. Auch er habe sich auf diese neuen Entwicklungen am Markt einstellen und einige Fehleinschätzungen aus der Vergangenheit revidieren müssen, räumte er in der Pressekonferenz vor den Beratungen der Vertreter der zwölf Thüringer Bäckerinnungen ein. „Ich habe früher beispielsweise immer abgeraten, als Handwerksmeister in den Vorkassenbereich eines Supermarktes zu gehen“, gestand er. „Doch der Kunde möchte mit seinem Fahrzeug zum Einkauf am liebsten bis an die Kasse fahren. Deshalb hat ein Bäckergeschäft ohne vernünftige Parkplatzangebote künftig kaum noch Überlebenschancen.“
Ladenbacken biete Impulse
Mehr noch: Immer mehr setzt sich der Erlebniseinkauf durch, denn eine gute Qualität und absolute Frische ist für den Kunden bei seinem Einkauf von Brot, Brötchen und Kuchen heute ganz einfach selbstverständlich, wobei er zunehmend Wert auf Erzeugnisse mit Rohstoffen aus der Region legt. „Es muss also im Geschäft auch nach frischer Ware riechen, denn nicht nur das Auge, sondern auch die Nase isst beim Einkauf mit. Wir haben festgestellt, dass wir den Brötchenumsatz in jenen Geschäften, in denen wir frisch im Ladenbackofen backen, mehr als verdoppeln konnten.“ Diese und weitere Überlegungen bergen für das einheimische Bäckerhandwerk weitere Chancen und Reserven, um weiterhin am Markt bestehen zu können.
Veränderte Nachfrage beachten
Dazu gehört auch, dass sich die verbliebenen 272 Mitgliedsbetriebe des Landesinnungsverbandes – 7 weniger als vor Jahresfrist – auch auf die demografische Entwicklung und die daraus resultierende veränderte Nachfrage nach Backwaren einstellen müssen. „Denn grundsätzlich liegen Brot und Brötchen nach wie vor im Trend und nehmen im Rahmen der Ernährung einen wichtigen Platz ein“, stellte Laudenbach fest. „Mehr und mehr wird das gemeinsame Familienfrühstück zum Wochenendvergnügen mit hohem Anspruchsniveau. Jedoch sind die Alternativen zum häuslichen Familientisch keineswegs backwarenfeindlich – sie verlangen ‚nur’ nach neuen Angeboten, die wir Handwerker unterbreiten müssen, bevor es die Mitbewerber tun.“
Dennoch gebe es angesichts der 1100 Backwarendiscounter, der über 20.000 Backstationen im Lebensmitteleinzelhandel, Tankstellen und Kioske sowie der Systemgastronomie, Kaffeehausfilialisten und Angebote Tiefkühl-Backwaren, Backmischungen und Frischteigen weder für ein Mengenwachstum noch für Preiserhöhungen ausreichende Spielräume. „Der Erfolg unserer Bäckereibetriebe wird deshalb maßgeblich davon abhängen, inwieweit es den Meistern und ihren Mitarbeitern gelingt, die sich ändernden Ernährungs- und Lebensgewohnheiten ihrer Kunden im Erscheinungsbild, Sortiment sowie im Beratungs- und Serviceangebote der Bäckereifachgeschäfte anzupassen und die neuen Bedürfnisse zu befriedigen“, ist LIM Wolfgang Laudenbach überzeugt. „Jene Handwerksbetriebe, die zwar qualitativ hochwertige Backwaren herstellen, diese im Verkauf jedoch nicht richtig in Szene setzen können, dürften es am Markt künftig immer schwerer haben.“ Das bedeutet, dass die Verkaufskompetenz der Bäckereibetriebe zunehmend an Bedeutung gewinnt, weshalb die den Verkäuferinnen auch mit professioneller Hilfe vermittelt werden sollte. Die hohen Teilnehmerzahlen an den bislang drei vom Landesinnungsverband des Thüringer Bäckerhandwerks durchgeführten Verkaufsseminaren belegen, dass auf diesem Gebiet dringender Bedarf besteht. „Deshalb wollen wir das Seminarangebot noch erweitern, um den Mitgliedsbetrieben Hilfe und Unterstützung für eine erfolgreiche geschäftliche Zukunft zu geben“, betonte Wolfgang Laudenbach abschließend.
Die Delegierten aus den Innungen, die in ihrer Mitte die Ehrenobermeister Hans-Jürgen Walther, Erich Stöckel, Gerhard Langenberg, Horst Reiche und Volkmar Knoche ebenso herzlich begrüßen konnten wie Geras Finanzdezernenten Norbert Hein und Rainer Strobel als Obermeister der im Saxonia-Landesinnungsverband organisierten Bäckerinnung Altenburger Land, bestätigten die Jahresrechnung 2006 sowie den Bericht des Rechnungsprüfungsausschusses und entlasteten Vorstand und Geschäftsführung für das zurückliegende Haushaltsjahr.
Sonntags früher öffnen?
Die Delegierten beauftragten den Vorstand, sich bei der Landesregierung für eine Veränderung der Verkaufszeiten an den Sonntagen einzusetzen. Bislang dürfen die Handwerksmeister frühestens zwischen 8 und 17 Uhr zusammenhängend höchstens fünf Stunden ihren Kunden frische Backwaren anbieten. „Doch Tankstellen können rund um die Uhr frisch gebackene Brötchen verkaufen“, wurde in der Diskussion Unverständnis laut. Deshalb soll erreicht werden, dass die Bäcker-Fachgeschäfte sonntags früher öffnen dürfen, denn das frische knusprige Sonntagsbrötchen wird zum Frühstück verlangt.
Den Abschluss des Verbandstages bildete ein Abendessen sowie am Sonntag der Besuch der Bundesgartenschau 2007 in Gera und Ronneburg.
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