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„Backwaren schmecken am nächsten Tag noch gut“

Kornelia Philippi, Sabine Schmitt und Joachim Paul (von links) leisten mit ihrem Engagement im Vortagsladen einen wichtigen Beitrag, damit weniger Lebensmittel
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Kornelia Philippi, Sabine Schmitt und Joachim Paul (von links) leisten mit ihrem Engagement im Vortagsladen einen wichtigen Beitrag, damit weniger Lebensmittel verschwendet werden. (Quelle: Ott)

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Bäckerei Welling verkauft Produkte vom Vortag sowie Sondergebäcke in separater Filiale und erreicht damit einen neuen Kundenkreis

Saarland

versetzt es einen Stich, wenn er sieht, was an guten Backwaren weggeworfen wird. Mit einem steuert der Bäckermeister der Verschwendung von Lebensmitteln entgegen. Die Brote, Brötchen und Kuchen, die in den Fachgeschäften der Bäckerei Welling nicht verkauft wurden, finden in der Filiale in Dillingen am nächsten Tag Absatz. Nicht zuletzt durch Preisnachlässe von 50 Prozent und mehr.

„Unsere handwerklich hergestellten Backwaren schmecken am nächsten Tag noch gut“, sagt Paul. Bäckerkollegen kann er das Konzept nur empfehlen, wenn sie auch von der Idee dahinter überzeugt sind. „Es geht uns um Nachhaltigkeit und soziale Aspekte. Es geht nicht darum, dass man den Müll los wird“, erklärt der Bäckermeister und Betriebsleiter.

Im Vortagsladen ist es zu 90Prozent der Überschuss aus den anderen 13 Fachgeschäften der Bäckerei Welling, der angeboten wird; außerdem werden zu dunkel gebackene oder flache Stücke, Bruchgebäcke oder Testgebäcke oder Übungsstücke der Auszubildenden verkauft. Die Produkte sind verzehrsfähig, aber entsprechen nicht den Qualitätsstandards der Frischefilialen. Die Produktentwicklung der Bäckerei Welling läuft mittlerweile über das Geschäft. Hier darf ausprobiert werden – die Kunden wünschen es und geben Feedback zu den Kreationen. Der Vortagsladen offeriert Brote und Stückgebäcke wie Kränze oder Stuten zum halben Preis, Hefeteigteilchen gibt‘s in der 3er Tüte für 1,60 Euro, fünf Brötchen für 0,70 Euro und zehn Brötchen für 1,10 Euro. Manche Produkte sind ausgefallen, wie der Beutel mit Schwarzbrot-Endstücken für einen Euro.

Die Backwaren werden von den Mitarbeitern portionsweise in Tüten verpackt, aus den Filialen geliefert. Für den Montag werden die Samstag-Retouren nach Ladenschluss gefrostet. Zur Ergänzung gibt‘s im Vortagsladen auch einige frische Produkte: Laugengebäck und Croissants, belegte Brötchen, Kaffee und die Bild-Zeitung. „Das ist am nächsten Tag nicht mehr lecker", hat Paul die Erfahrung gemacht. Was im Vortagsladen nicht verkauft wird, wird in einer Altbrotecke gesammelt. Zwei Landwirte verfüttern das alte Brot. Weggeworfen werden nur schnell verderbliche Waren wie Sahnetorte oder Wurstbrötchen.

Das Interieur des Vortagsladens unterscheidet sich nicht von den anderen Welling-Läden. Saubere Ladentheke, gut gefüllte Regale, ein Backofen sowie ein kleiner Sitzbereich. Nur der Namenszug über der Eingangstür erhält eine eigene Farbe und Schrifttype.

Das am Rande der Fußgängerzone von Dillingen gelegene Geschäft zieht zu etwa 50 Prozent bestehende Welling-Kunden an und zu 50 Prozent einen komplett neuen Kunden-Kreis. „Schon immer haben Kunden in den Filialen nach Waren vom Vortag gefragt“, erzählt Joachim Paul. Einen kompletten Laden mit übrig gebliebenen Waren zu füllen, ist selten in der Region.

„Viele ältere Leute mögen das Brot lieber, wenn es einen Tag durchgezogen ist“, so der Bäcker. „Der Verkaufsschlager sind die bunten Kuchenplatten. Vor Ladenöffnung stehen die Kunden schon vor der Tür, um eine zu bekommen.“

Der Umsatz mit den Backwaren vom Vortag macht 5,5 Prozent des Gesamtunternehmens aus. Pro Tag sind das im Vortagsladen in Dillingen zwischen 650 Euro und 750 Euro. Dafür müssen viele Produkte über die Ladentheke gehen - ein Teilchen kostet um die 50 Cent. Der Vorteil: Was hier verkauft wird, muss nicht mehr produziert werden. Die Kosten für Rohwaren entfallen, die übrigen Aufwendungen sind bekannt: Material, Personal und Logistik.

Dazu kommt ein erheblicher Imagegewinn. Nicht nur, weil die Kunden wissen, dass die Produkte in den übrigen Läden tagesfrisch sind. „Wir haben viele Leute, die kommen aus dem ganzen Saarland, um die nachhaltige und billige Ware zu bekommen“, erzählt Joachim Paul. Ihm ist es wichtig, dass die Kunden Bescheid wissen: „Man muss offen und ehrlich an die Sache herangehen und kommunizieren, dass die Produkte nicht frisch gebacken sind.“ Im Prinzip sei es jedoch nichts anderes als das, was der Discount mache. Am Vortag wird gebacken und dann verkauft. Im Vergleich sei der Vortagsladen der Wellings sogar billiger.

Joachim Paul hat das Konzept für den Vortagsladen entwickelt. Fast zehn Jahre hat er darüber nachgedacht, bis die Eröffnung im Juni 2012 gefeiert wurde. Kornelia Philippi ist vom ersten Tag an als Filialleiterin dabei. Sie steht voll hinter dem Laden. „Wir werfen so viele Lebensmittel weg und andere müssen hungern“, sagt sie. „Jetzt können sich viele einfach mal ein Kaffeeteilchen mehr leisten.“ Zu Beginn musste Philippi die Mitarbeiter aus den anderen Filialen noch darauf hinweisen, dass schlechte Ware im Vortagsladen nichts zu suchen hat. „Jetzt läuft die Sache.“

Die Resonanz ist so gut, dass die Bäckerei Welling im vergangenen Jahr einen zweiten Vortagsladen in Saarwelling eröffnet hat. Das Konzept unterscheidet sich kaum vom ersten Laden: Das neue Geschäft ist nur morgens geöffnet, frische Ware gibt es nicht. „Der Vortagsladen 2 ist sehr gut angelaufen. Der Umsatz steigert sich von Woche zu Woche“, freut sich Joachim Paul, dass sein Konzept bei den Kunden ankommt.

Enis Ayari stützt sich auf sein Geschäftskonzept - den Verkauf von Backwaren vom Vortag.
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