Saarland

Brotgetreide ist billiger als Heizöl

aarland will „kein Brot als Brennstoff“ / Sachsen will Getreide energetisch nutzen


Saarbrücken/Dresden (ke). Während Nordrhein-Westfahlen seit Anfang des Jahres per Ministerialerlass das Heizen mit Getreide, das nicht für die Nahrungsmittelproduktion geeignet ist, erlaubt und auch Sachsen eine entsprechende Gesetzesinitiative plant, lehnt der Saarländischer Umweltminister Stefan Mörsdorf die thermische Verwertung von Brotgetreide entschieden ab. Mörsdorf stellte sich damit gegen die aktuell vorgebrachten Überlegungen, Brotgetreide wie Weizen und Roggen als Energieträger zu verbrennen und als Regelbrennstoff in die erste Bundesimmissionsschutzverordnung aufzunehmen Die Agrarpolitik der vergangenen Jahre hat zu einem starken Preisverfall bei Getreide geführt. Seit dem Jahr 1999 liegt der Marktpreis von Getreide deutlich unter seinem Heizwert. So war Getreide im Sommer 2005 nur halb so viel wert, wie die gleiche Energiemenge als Heizöl kostete. Da 2,5 kg Getreide etwa der Energiemenge von einem Liter Heizöl entsprechen, käme derzeit das Heizen mit Getreide nur halb so teuer wie das Heizen mit Öl. Sogar Brotgetreide ist billiger als Heizöl oder trockenes ofenfertiges Brennholz, welches zurzeit mit etwa 100 bis 150 DM/rm, das entspricht zirka 30 DM/dt, gehandelt wird. Diese Situation drängt natürlich die Frage auf, ob man Brotgetreide als Heizmaterial verwenden kann und darf. Laut Mörsdorf handele es sich bei der Diskussion um die thermische Verwertung von Brotgetreide allerdings um mehr als eine energiepolitische Frage. Er hält es „angesichts von niedrigen Marktpreisen für Brotgetreide unter moralischen und ethischen Gesichtspunkten geradezu für verwerflich, die thermische Nutzung eines so wichtigen Grundnahrungsmittels ernsthaft in Erwägung zu ziehen. Brotgetreide zu verbrennen und seinen Wert auf den Brennwert zu reduzieren, hieße zugleich auch, den Symbolwert des täglichen Brotes auszuhöhlen“, so der Saarländische Umweltminister. Es stelle sich bei den „geradezu obszön niedrigen Preise für Getreide und andere Grundnahrungsmittel“ die Frage nach dem tatsächlichen Wert des „täglichen Brotes“. „Ist uns ein Liter Milch tatsächlich nur 49 Cent wert? Und darf ein Kilo bestes Weizenmehl gerade mal nur 25 Cent kosten?“ Wer Brotgetreide verbrenne zerstöre nicht nur ein wertvolles Grundnahrungsmittel, sondern zugleich auch einen für die menschliche Gemeinschaft bedeutsamen Wert: Den Respekt des Menschen vor den Früchten der Erde und den Respekt vor der Frucht der menschlichen – landwirtschaftlichen – Arbeit. Sachsens Umwelt- und Landwirtschaftsminister Stanislaw Tillich hingegen plädiert für die energetische Nutzung von Getreide. Sein Land setze auf Biomasse als Alternative zur Strom- und Wärmegewinnung aus Öl und Gas. Biomasse hätte das Potenzial, sich zum Schrittmacher der Energiewende zu entwickeln. Da Getreide über ein hohes energetisches Potenzial verfüge, könne künftig minderwertiges oder von Krankheiten befallenes Getreide als Energielieferant dienen. Der Minister kündigte an, dass Sachsen sich für die dafür erforderliche Öffnung des Bundesimmissionsschutzgesetzes stark machen werde. Derzeit muss unverkäufliches Getreide noch kompostiert oder in Müllverbrennungsanlagen vernichtet werden, da Körner als Brennstoff noch nicht zugelassen sind. Erst wenn Getreide als Regelbrennstoff anerkannt ist, kann dieses in kleinen und mittleren Anlagen zur Wärmegewinnung genutzt werden. In Sachsen gibt es zurzeit rund 260 Anlagen, in denen Biomasse zur Strom- und Wärmegewinnung verwendet werden kann. Seit Februar 2005 wird im Rahmen eines bundesweiten Forschungsprogramms ein Biomasseheizkessel für Getreide im Lehr- und Versuchsgut der Landeanstalt für Landwirtschaft und Gartenbau in Bernburg-Strenzfeld betrieben. Das vom Bundeslandwirtschaftministerium unterstützte Forschungsprojekt ist auf zwei Jahre angelegt und „dient der Prüfung des aktuellen Entwicklungsstandes der Technik für die Eignung zur umweltgerechten Verwertung von Energiegetreide.“



Artikel vom 10.02.2006
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