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Wohnzimmer für die Generation Z

Gepolsterte Sessel, Fototapeten, Lounge-Atmosphäre: Die Einrichtung soll zum „Abhängen“ animieren. (Quelle: Hoenig)+Zur Fotostrecke
Gepolsterte Sessel, Fototapeten, Lounge-Atmosphäre: Die Einrichtung soll zum „Abhängen“ animieren. (Quelle: Hoenig)

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Die Stadtbäckerei Hagge profitiert von der Nähe dreier Schulen und eröffnet eine Filiale mit frischem Design und „jungem“ Snack-Angebot

Von Dorothee Hoenig

Anders sollte die neue Filiale der Stadtbäckerei Hagge in Schleswig sein: anders als die vier weiteren Verkaufsstellen und anders als die Konkurrenz in der Stadt. „Und das ist uns gelungen“, sagt Tim Vorpahl, dem der Familienbetrieb zusammen mit seinem Vater Horst gehört.

Etwas „Großstädtisches“ soll die neue Filiale in das „verschlafene Nest Schleswig“ bringen. Das Design ist modern und „Lounge-artig“. Daher der Name: „Loaf & Lounge“. Am ersten Oktober war Eröffnung.

Das Hauptpublikum des „Loaf & Lounge“ ist jung: zwischen 13 und 18 Jahren. Denn drei Schulen liegen höchstens fünf Gehminuten von der Filiale entfernt. Und für „Kids“ haben Tim Vorpahl und seine Frau Stefanie gemeinsam mit der Innenarchitektin von Berner Ladenbau die Einrichtung zugeschnitten. Die Fototapeten und die Farbkomposition mit Pink, Grün und Beige wirken modern und freundlich.

Die Beleuchtung reicht aus,

um die Hausaufgaben zu machen

Gepolsterte kleine Sessel laden zum „Abhängen“ ein. Die Raumbeleuchtung ist ausgewogen – nicht zu hell, nicht zu dunkel. Sie reicht, um die Hausaufgaben zu machen, ist aber noch gemütlich. Im hinteren Bereich steht eine lange gepolsterte Bank an der Rückwand. „Hinten treffen sich die Cliquen“, sagt Filialleiterin Stefanie Vorpahl.

An der Wand hängt ein Fernsehbildschirm, dort laufen Musikvideos ohne Ton. Auf dem Bildschirm im vorderen Bereich berichtet ein Nachrichtensender über die „News“ des Tages. „Für die älteren Kunden, die gerne zum Frühstücken im vorderen Bereich sitzen – und die, die am Tresen warten“, erklärt Bäckermeister Tim Vorpahl.

Viele Angebote für

die junge Zielgruppe

Verschiedene Details und Angebote sind auf die junge Zielgruppe zugeschnitten wie Handy-Ladestationen, Ladekabelverleih, freies W-Lan und die Möglichkeit, mit EC-Karte zu bezahlen. Was auch dazugehört: eine Facebook-Seite mit Neuigkeiten und Angeboten. Und auch junge Geschmacksvorlieben werden berücksichtigt: Das „kleine Frühstück“ gibt es zum Beispiel wahlweise mit Marmelade oder Nutella.

An Backwaren ist im „Loaf & Lounge“ die ganze „Bandbreite“ vertreten: Brote, Brötchen, Kuchen und zur Zeit ein Weihnachtssortiment mit Stollen und 15 verschiedenen Keksen. Doch die junge Kundschaft ist „snack-lastig“.

Snack-Anteil

liegt bei 60 Prozent

Insgesamt – beim Hauptgeschäft und den vier Filialen – verteile sich der Umsatz etwa je zu einem Drittel auf die Produktgruppen Brot/Brötchen, Feinbackwaren und Snacks, berichtet der 37-jährige Tim Vorpahl. Im „Loaf & Lounge“ liege der Snack-Anteil bei 60 Prozent.

Am besten verkauften sich dort belegte Brötchen und „Schlemmerstangen“, das sind Käse überbackene Laugenstangen in verschiedenen Varianten, zum Beispiel mit Olive und Schafskäse oder mit Schmand, Zwiebeln und gekochtem Schinken.

„Neu im Angebot haben wir ‚Klimbim‘“, sagt Stefanie Vorpahl. Die 36-jährige Bäckereifachverkäuferin hat sichtlich Spaß an fantasievollen Namen und Produkten: „Klimbim, das ist eine Laugenecke mit Brie, Bacon, Salat, Walnüssen und Cranberries.“ Und die „Maulsperre“ sei beliebt und – wie der Name vermittelt – eine ganze Mahlzeit: ein Käsebrot mit Bacon, Bratwurst, Spiegelei und Salat.

„Geschmiert wird hier den ganzen Tag“, ergänzt Tim Vorpahl. Mehr als 30 verschiedene Snacks gehen täglich über die Verkaufstheke – die eine Hälfte zum Vor-Ort-Essen, die andere „to-go“. „Aber die Snack-Anzahl lässt sich schwer genau beziffern, weil wir, wenn machbar, individuelle Kundenwünsche umsetzen“, sagt Stefanie Vorpahl.

„Schüler sind bereit,

für gute Produkte zu zahlen“

„Klimbim“ kostet für den Kunden 3,80 Euro, die „Maulsperre“ 4,30 Euro. Ist das nicht zu hochpreisig für Schulkinder? „Nein“, antwortet Tim Vorpahl: „Kids haben heutzutage verhältnismäßig viel Geld. Sie sind bereit, und in der Lage für gute Produkte zu zahlen.“ Als „solide“ bezeichnet er die Preise im Familienbetrieb, nicht zu hoch, aber auch nicht zu weit unten angesiedelt.

Bei einer Bratwurst auf dem Brötchen ist es bis zum warmen Mittagstisch eigentlich nicht mehr weit, doch: „Nein, warme Mittagsgerichte anbieten, will ich nicht“, sagt der Schleswiger: „Ich bin Bäckermeister. Ich erweitere gerne meinen Horizont, aber nicht so weit.“

After-Work-Stunde

am Freitag ist denkbar

So hat er zum Beispiel gleich am Anfang eine Schankgenehmigung beantragt, um sich Möglichkeiten offen zu halten. „Eine After-Work-Stunde am Freitag mit Cocktails könnte ich mir vorstellen. Warum nicht?“

Tim Vorpahl schätzt die Möglichkeit, in der neuen Filiale eigene Regeln aufstellen zu können – anders als in den Filialen der Stadtbäckerei Hagge, die in den Vorkassenzonen von Supermärkten liegen. „Hier kann ich die Öffnungszeiten festlegen, wie es für uns sinnvoll ist, und die Regale müssen nicht bis 20 Uhr voll bepackt sein.“

Ein Wochenmarkt in Schleswig, etwa 35 Lieferkunden und Catering für das Krankenhaus, die Sparkasse und die Stadtwerke – das sind die „Nebengeschäfte“ der Stadtbäckerei Hagge.

Cafés mit Größen von

acht bis 60 Sitzplätzen

Der Hauptumsatz wird über die Filialen eingefahren: das Hauptgeschäft bei der Produktion am Gallberg mit acht Sitzplätzen, drei Filialen in Vorkassenzonen mit Cafés in einer Größenordnung zwischen acht und 60 Sitzplätzen.

1921 hatte Tim Vorpahls Ur-Großvater die Familienbäckerei gegründet. Er hatte sie von einem Bäcker namens Walker übernommen. „Daran erinnert noch unser ‚Walker-Streifen‘ mit Marzipan und Mandeln“, sagt Tim Vorpahl: „Mein Lieblingskuchen und der Lieblingskuchen der Kunden.“

25 Mitarbeiter sind bei Familie Vorpahl beschäftigt. Sieben Mitarbeiter plus Chef arbeiten in der Backstube: drei Gesellen, zwei Auszubildende und zwei Ungelernte, 18 Mitarbeiterinnen im Verkauf.

Gute Erfahrungen mit der ersten weiblichen Auszubildenden

Die Personalsituation ist schwierig. Die beiden Ungelernten sind Flüchtlinge. „Am Anfang war ich positiv überrascht, aber einer hat Aggressionsprobleme, der andere ist träge und undiszipliniert.“ Auszubildende und Personal zu finden, sei schwer. Die jungen Leute könnten weder rechnen noch schreiben. „Mittlerweile müssen wir uns damit begnügen, wenn sie motiviert sind“, sagt Vorpahl.

„Früher wollte ich keine Mädchen als Auszubildende, weil bei uns viel Handwerk ist und wir auch noch Mehlsäcke schleppen müssen. Jetzt mache ich aber mit einer Auszubildenden – auch wenn sie nur 1,60 Meter groß ist – sehr gute Erfahrungen.“

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