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Wenn Backen auf dem Lehrplan steht

Die Schüler sollen im wahrsten Sinne des Wortes begreifen, welche Mühe es macht, hochwertige Gebäcke herzustellen. +Zur Fotostrecke
Die Schüler sollen im wahrsten Sinne des Wortes begreifen, welche Mühe es macht, hochwertige Gebäcke herzustellen.

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Schule sensibilisiert Grundschüler mit einem Holzbackofen für hochwertige Lebensmittel und das Bäckerhandwerk

Villingen-Schwenningen (spr). Die Schüler sollten die Arbeitswelt früher kennen lernen, forderte der scheidende ZDH-Präsident Dieter Philipp in einem kürzlich erschienen Interview zur großen Zahl leistungsschwacher Schulabgänger. Schule und Wirtschaft sollten frühzeitig kooperieren und für fließende Übergänge zwischen Schule und betrieblicher Ausbildung sorgen.

Dieser Forderung ist die Haslachschule in Villingen-Schwenningen im Grunde schon gerecht geworden, denn das Unterrichtsfach „Mensch – Natur – Kultur“ steht bei den Schülern ganz hoch im Kurs. Ein Grund für die Begeisterung ist der nagelneue Holzbackofen, über den die Grundschule neuerdings verfügt: Selber Kuchen, Brot, Brötchen oder Kekse backen – das ist für die Kids das Größte.

Wert des Brotes kennen lernen

Wer die Schule betritt wird von einem großen Plakat empfangen: Man bilde vom Landwirt bis zum Astronauten, vom Mediziner bis zum Bäcker alle aus, heißt es. Man muss nur kurz nachdenken, um die Botschaft zu verstehen: Jedes Kind in der Bundesrepublik geht durch die Grundschule, und es ist völlig unbestritten, dass weit reichende Präferenzen für das spätere Leben von der 1. bis zur 4. Klasse gesetzt werden. „Kinder werden heute stark „kopfig“ erzogen. Sie wissen viel, können aber wenig, weil sie selbst wenig erfahren haben“, befindet Rektor Manfred Molicki. Der erfahrene Pädagoge weiß: Kinder müssen im wahrsten Sinne des Wortes begreifen, um es begriffen zu haben.

Die Nahrungszubereitung stellt da ein ganz klassisches Thema dar. Die Schüler der Haslachschule erleben selbst, welche Mühe es macht und welcher Anstrengungen es bedarf, um qualitativ hochwertige Nahrungsmittel zu erzeugen. „Mit dem Holzbackofen erleben die Kinder hautnah, dass die Energiequelle Holz zunächst besorgt werden muss, dass es langer Vorbereitungszeit bedarf, bis der Ofen backfertig ist, dass viel Wissen bei der Teigbereitung notwendig ist, und nur dann schmackhaftes Brot am Ende dieses Prozesses steht“, sagt Molicki.

Den Ofen bekam die Schule von der Firma Albiker aus dem Stadtteil Schwenningen gestiftet. Inhaber Werner Albiker hat das Unikat in Handarbeit gefertigt. Die Entstehung des Holzbackofens wurde Schritt für Schritt in Fotos festgehalten, damit die Kinder auch hier schon die Mühe und das notwendige Wissen ermessen können. Albiker baut in dritter Generation mit derzeit vier Mitarbeitern individuelle Kachelöfen, zunehmend aber auch Holzbacköfen in Größen für bis zu 30 Brote für Handwerksbetriebe: „Das Wärmeumschließungsverhalten ist mit einem anderen Ofen nicht zu vergleichen, weil das Holz ja im Backraum brennt“, erklärt der Ofenbaumeister.

Kooperationen gesucht

Denn das ist heutzutage nicht mehr selbstverständlich. Immer häufiger schlagen Ernährungsexperten Alarm: Es wird zu süß, zu fett, zu wenig ballaststoffreich gegessen. Der eingeschweißte Hamburger ersetzt das Pausenbrot, die Tiefkühlpizza aus der Mikrowelle das Abendbrot, das eben weitgehend nur noch so heißt. Diesen Entwicklungen entgegen zu wirken wäre auch Aufgabe der Standesorganisationen oder einzelner Betriebe, doch bislang arbeitet Molicki auf eigene Faust: „Wir besuchen zwar ab und an eine Backstube, aber eine Partnerschaft hat sich daraus noch nicht entwickelt.“ Dabei liegt das im ureigensten Interesse der Betriebe. Der Sport macht es mit Kooperationen „Schule – Verein“ vor, und auch im wissenschaftlichen oder musischen Bereich gibt es viele Initiativen. Auf den Punkt gebracht: Die Kunden oder Mitarbeiter von morgen erreicht man sehr gut in der Schule, eben auch bereits in der Grundschule, weil dort die Kinder erste Erfahrungen sammeln und entsprechend stark konditioniert werden.

Das Bäckerhandwerk hat sogar den Lehrplan auf seiner Seite, denn die Themenkomplexe Essen und Trinken, gesunde Ernährung und das praktische Herstellen von Backwaren eignen sich bestens dazu, Kompetenzen der Kinder ganzheitlich anzusprechen. Oft fehlt es aber am Know-how der Lehrkräfte und auch am Ofen. Dann wird die Zeit im Werkraum oder am Computer genutzt.

Dass sich Kinder für das Backen begeistern und somit eine Affinität zum Beruf des Bäckers herstellen lassen kann, zeigen die Erfahrungen der Haslachschule. Eine typische Rückmeldung der Eltern sehe so aus, zitiert Molicki: „Mein Sohn hat sich nie für das Backen interessiert. Nachdem er in der Schule selbst Brötchen backen durfte, ist er daheim bei uns Spezialist für das Backen geworden.“

Fazit

Diese Reaktionen zeigen, dass es sowohl für einzelne Betriebe als auch Innungen lohnend sein dürfte, Partnerschaften mit Schulen proaktiv anzugehen. Über den Kontakt können nicht nur Wertschätzung für handwerklich hergestellte Backwaren erarbeitet, sondern über Praktika auch Beziehungen zu künftigen Lehrstellenbewerbern hergestellt werden. Denn eines ist schon heute klar: Mit den demnächst abschließenden geburtenschwachen Jahrgängen wird der Kampf um guten Berufsnachwuchs nicht einfacher.

Hilfestellung für Laien: Jens Scheler sorgt mit den Backkursen für nachhaltig gutes Image.
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