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Handwerkliche Qualität als Marktnische genutzt

Fidelisbäck Wangen: Im Sortiment sind 95 verschiedene Bäckereiprodukte, die an vier Verkaufsstellen angeboten werden, zwei in Wangen, zwei in Lindau am Bodensee. Hier der Laden des Haupthauses in der Wangener Fußgängerzone.+Zur Fotostrecke
Fidelisbäck Wangen: Im Sortiment sind 95 verschiedene Bäckereiprodukte, die an vier Verkaufsstellen angeboten werden, zwei in Wangen, zwei in Lindau am Bodensee. Hier der Laden des Haupthauses in der Wangener Fußgängerzone.

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Betriebsreportage

Fidelisbäck in Wangen feiert 500-jähriges Jubiläum – „Fidi“ eine Institution als Bäckerei und Gastronomie weit über die grenzen des Allgäus hinaus

Wangen (sar) „Wir sind bodenständig und qualitätsorientiert, und bei uns wird Handwerklichkeit groß geschrieben“. Mit diesen Worten formuliert Ursula Mönch, Geschäftsführerin im „Fidelisbäck“ in Wangen, die Philosophie ihres Unternehmens. Gleichzeitig beschreibt die damit auch dessen Erfolg. Denn die im Volksmund „Fidi“ genannte Bäckerei mit Gastronomie gilt seit langem als Institution im Allgäustädtchen Wangen. Jetzt konnte das 500jährige Jubiläum der Bäckerei gefeiert werden.

Höhepunkt war das „Fidelaeum“, ein mittelalterliches Fest kombiniert mit einem Tag der offenen Tür in der neuen Backstube. „Der Erfolg dieser Veranstaltung hat unsere Erwartungen bei weitem übertroffen“, sagt Ursula Mönch: 18.000 bis 20.000 Menschen sind gekommen, um bei Paradewetter in der Wangener Fußgängerzone Kulinarisches, Handwerk, Spiele und Künstler aus dem Mittelalter mitzuerleben. Zehn Monate Vorbereitungszeit haben Ursula Mönch und ihr Mann Volker in dieses Großereignis gesteckt, unterstützt von einer Werbeagentur. Ein Grund für diese Imageoffensive: „Wir machen so viel und sagen es unseren Kunden sonst nie“, meint die Fidelisbäck-Geschäftsführerin. Ein weiterer Anlass war die Sanierung der Backstube vor zwei Jahren, die die Mönchs bei dieser Gelegenheit ebenfalls der Öffentlichkeit zugänglich machten.

Die sanierte Produktion ist in vier zusammengebauten Häusern untergebracht und liegt auf der anderen Straßenseite, gegenüber vom Haupthaus. Die Gäste im „Fidi“-Biergarten sehen, wie die Bäcker das frische Brot über die Straße tragen und haben durch die Backstubenfenster einen kleinen Einblick in die Arbeit der Bäcker. „Diese Transparenz ist uns wichtig. Eigentlich ist die neue Produktion eine Schaubäckerei geworden, aber ohne Show, sondern echt und ehrlich“, meint Volker Mönch. Dass man damit in der Innenstadt geblieben ist, ist sowohl ein Bekenntnis zur Handwerklichkeit als auch ein Marketinginstrument. „Betriebswirtschaftlich hätten wir das nicht machen dürfen. Aber es war eine bewusste Entscheidung, in der Stadt zu bleiben und keine Fabrik auf der grünen Wiese aufzubauen“, ergänzt der Bäckermeister.

Dazu passt auch die Produktionsphilosophie: Handwerklichkeit und Tradition. „Wir arbeiten bewusst sehr viel mit der Hand, auch Dinge, die man mit Maschinen machen könnte“, sagt Volker Mönch. Sogar die Tradition hat Tradition im Hause Fidelisbäck: Schon Vater Anton Heine, übrigens mit 77 Jahren heute noch als Co-Geschäftsführer tätig, habe sich gegen alle Trends im Handwerk durchgesetzt und weder mit Fertigmischungen noch Teiglingen gearbeitet, und in der Herstellung seiner Backwaren immer auf Gärverzögerung und lange Teigruhe gesetzt. Zwar sei man heute Mitglied beim Verein „Slow baking“ - Backen mit Zeit für Geschmack - , so Tochter Ursula, „doch was die erzählen, erzählt mein Vater schon sein Leben lang“. So wird beispielsweise die Spezialität Holzofenbrot mit direkter Befeuerung hergestellt, „so, wie sich’s gehört“, Brezeln von Hand geschlungen und der „Seelenschießer“ für die Kleinbrotsorte Seele von Hand mit Salz und Kümmel bestreut.

Dieses Bekenntnis zur Tradition hat noch eine weitere Dimension: Wettbewerb. „Die handwerkliche Schiene ist unsere Marktnische. So heben wir uns bewusst von den Großen und den Discountern ab“, sagt Ursula Mönch. Zwar hätten sie sicher auch Kunden an Discounter verloren, aber heute herrsche nun mal ein Verdrängungswettbewerb. Ihr Unternehmen reagiere aber auf dem lokalen Brotmarkt nicht mit Preisdumping, sondern mit dem Argument, auf handwerklich Qualität zu setzen, denn „alles andere funktioniert nicht“.

Abgesehen davon spielt das Thema Marketing im Hause Mönch bewusst eine untergeordnete Rolle: „Wir sind eher still und keine Marktschreier“, so Ursula Mönch. „Unser bestes Marketing ist, die handwerkliche Qualität unserer Produkte hoch zu halten. Damit wollen wir überzeugen“. Produktaktionen in der Bäckerei zum Beispiel erteilt sie eine klare Absage: „Aktionen über den Preis verunsichern die Kunden nur“. Die gesparten Werbekosten für solche Aktivitäten würden sich dagegen in den normalen Verkaufspreisen nieder schlagen: „Manchmal wundern sich Kunden von auswärts über unsere niedrigen Preise“, erzählt Ursula Mönch. Verkauft werden die 95 verschiedenen Produkte an vier Verkaufsstellen, zwei davon in Wangen, zwei in Lindau am Bodensee. Im Jahr 1999 eröffneten die Mönchs die erste Filiale in Lindau. Den Impuls dafür gab die Kündigung einer Supermarktkette, in der bis dahin Fidelisbäck-Produkte vertrieben wurden. Auch der Strukturwandel im Einzelhandel und die damit verbundene Schließung vieler kleiner Dorfläden – ebenfalls eine Vertriebsschiene von Fidelisbäck – trug zur Entscheidung bei, eigene Verkaufsstellen zu eröffnen. Die weggebrochenen Umsätze konnten auf dem neuen Absatzweg nicht nur aufgefangen, sondern sogar vergrößert werden, freut sich Ursula Mönch. Wichtige Vertriebspartner sind auch kleine Tankstellen, die die Tante-Emma-Läden ersetzen.

Eckpfeiler in der Unternehmensstruktur ist aber auch die Gastronomie: In der gemütlichen Wirtschaft werden nicht nur 25 Prozent des Jahresumsatzes erwirtschaftet, hier begründet sich auch der Bekanntheitsgrad des Hauses Fidelisbäck. Immerhin kommen sechs von zehn Gästen von auswärts: Wer in Wangen ist, muss auch im Fidelisbäck gewesen sein. Wer es nicht ist, fährt zum Teil noch heute von der Autobahn runter, um an einem der großen Tische mit anderen Menschen ins Gespräch zu kommen. Angefangen hätte diese Entwicklung übrigens mit den Skifahrern und Berglern, die auf dem Rückweg von ihren Ausflügen im Fidelisbäck einkehrten, informiert Ursula Mönch.

Die Unternehmensteile sind gut verzahnt: Bäckerei und Gastronomie liegen räumlich nebeneinander. Auf den rustikalen Holztischen in der Wirtschaft stehen Körbe mit Kleinbrot – Verzehranreiz und Verkaufsförderung für die Bäckerei in einem. Ein Zehntel des Gastronomieumsatzes wird mit Brot gemacht, wobei das Laugenhörnle in der Gästegunst ganz oben steht. Paradeprodukt und Dauerbrenner ist die Portion Leberkäs. Streng betriebswirtschaftlich gesehen sei das „gutbürgerliches Fast Food, denn nach 20 Minuten ist ein Gast wieder draußen“, formuliert Ursula Mönch, übrigens gelernte Hotelfachfrau. Die Geschäftsidee zum Gastro-Konzept Laugenhörnle plus Leberkäs geht auf das Konto von Großvater Josef Heine. Für das Laugenhörnle hat er sich entschieden, weil es wesentlich rationeller herzustellen ist als eine Brezel. Vater Anton Heine hat das großväterliche Hörnle „durch langes Tüfteln und Ausprobieren in punkto Handarbeit und Teigführung“ zum „Fidelisbäck-Hörnle“ gemacht - ein echtes Generationenprodukt also. Auch der Leberkäs hat Geschichte: 1945 suchte ebendieser Großvater nach einer schnellen, einfachen Brotzeit. Da es zu dieser Zeit wenig Därme gab, kreierte man den Fidelisbäck-Leberkäs – ein Produkt zum Aufbacken. Davon werden noch heute 50 Tonnen pro Jahr bezogen, noch immer von derselben Metzgerei ein paar Straßen weiter. An diesem Umsatzbringer schätzen die heutigen Betriebseigentümer auch den geringen Energieverbrauch: „Aufgebacken wird mit der Restwärme vom Ofen“, so Volker Mönch.

Wie geht es weiter im Traditionshaus Fidelisbäck? „Wir haben noch viele Jahre vor uns“, sagt Ursula Mönch, „und außerdem haben wir 13 Nichten und Neffen“.

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