ABZ - Das Fachportal für Bäcker

Geballte Kompetenz zum Wohlfühlen

Zum 230-Jährigen: Lebkuchenkirche von Jettingen. (Quelle: Wolf)+
Zum 230-Jährigen: Lebkuchenkirche von Jettingen. (Quelle: Wolf)

Weitere Artikel zu


Die Bäckerei Wörner beschäftigt gleich zwei deutsche Meister – als Ergebnis einer Betriebskultur mit Vorbildcharakter

Von Reinald Wolf

Wo ist Jettingen? Die Antwort darauf dürfte seit dem 18. September 2018 nicht mehr ganz so schwer fallen – zumindest in Bäckerkreisen. Denn seit diesem Datum sind in dem kleinen Ort bei Herrenberg im Großraum Stuttgart zwei doppelte Deutsche Meister und Mitglieder einer aktiv.

Nicole Mittmann und ihr Cousin Patrick Mittmann haben dieses Jahr ihren Meister im Bäckerhandwerk gemacht, im September auf der Iba die Deutsche Meisterschaft der Bäckermeister gewonnen – und sich somit für die Bäcker-Nationalmannschaft qualifiziert.

Zwei Bäckermeister

mit „Promifaktor“

Seitdem ist die Bäckerei Wörner im kleinen Ort Jettingen um zwei Attraktionen reicher. Diesen Eindruck vermittelt das Medienecho in den örtlichen Blättern und vor auch auch im Fernsehen bei Kabel 1 in der Sendung „Abenteuer Leben“. Fast schon peinlich ist es den jungen Leuten, von Kunden neuerdings auch mal um ein Autogramm gebeten zu werden.

Auch weil sie sich als Teil eines gut funktionierenden Teams sehen und ihr Erfolg auf die „tolle Teamarbeit in der Bäckerei Wörner“ zurückzuführen sei, wie Nicole und Patrick Mittmann übereinstimmend sagen. Das kann Andrea Wörner nur bestätigen: „Das Backstubenteam hat sich richtig ins Zeug gelegt, um die trainingsbedingten Fehlzeiten der beiden mit Blick auf die Deutsche Meisterschaft zu kompensieren.“

Wobei die Ernährungsberaterin mit ihrem Mann Holger Wörner der Meinung ist, dass Nicole und Patrick das nötige kreative, engagierte und kompetente Potenzial von Anfang an bewiesen haben.

Früh das Handwerk

schmackhaft gemacht

Beiden konnte Wörner im jeweiligen Praktikum eine Ausbildung und die anschließende Meisterschaft im Bäckerhandwerk schmackhaft machen – mit dem bekannten Ergebnis.

Aber auch wenn nicht jeder der zahlreichen Auszubildenden in der Kaderschmiede Wörner so groß rausgekommen ist – die motivierenden Maßnahmen müssen Methode haben.

Das legt auch eine Aussage von Holger Wörner nahe, die die Kollegen aufhorchen lassen dürfte: „Ich habe keine Probleme, Auszubildende zu bekommen. Mir rennen sie fast die Bude ein.“

Dass da nicht alle Kandidaten geeignet sind und im Moment kein Ausbildungsplatz frei ist, steht auf einem anderen Blatt.

Aber was ist nun das Besondere an der Ausbildung und der Personalführung? Welche Maßnahmen tragen dazu bei, einen offensichtlich ausgeprägten Teamspirit, das effektive und motivierende Miteinander zu fördern?

„Keine Ahnung. Ich mache eigentlich nichts Besonderes“, sagt Holger Wörner mit einem etwas gequälten Lächeln. „Na, du achtest zum Beispiel schon darauf, dass wir mit Spaß ans Werk gehen und gehst dabei mit gutem Beispiel voran“, kommt Nicole Mittmann dem Unternehmer zur Hilfe.

Aufs Duzen angesprochen ergänzt er, dass das selbstverständlich sei, weil sich die Belegschaft auf Augenhöhe begegne, er sich als Teil des Teams sehe – und praktisch alle Entscheidungen gemeinsam getroffen würden. Das bedeute aber nicht, dass er nichts verlange.

Chef und Belegschaft

begegnen sich auf Augenhöhe

Im Gegenteil, auch Azubis werden früh in die Verantwortung genommen, das habe er schon im Praktikum gemerkt, bestätigt Patrick Mittmann. Das sei übrigens obligatorisch. So könne der Chef sehen, ob die Chemie stimme, ob das Interesse und Engagement vorhanden seien. Wie im Mannschaftssport eben, wo der Teamgeist entscheidend für den Erfolg ist. Wohl dem, der die Auswahl hat: Wörner hat sich über Jahre einen guten Ruf als Ausbilder und Arbeitgeber erworben.

Motivierendes Miteinander

ist Programm

Das manifestiert sich bereits im Eingangs- und Thekenbereich im Umgang mit den Kunden. Die Verkäuferinnen grüßen gut gelaunt, helfen und verlassen bei Bedarf zügig den Point of Sale, um zum Beispiel mit Stöcken und Rollatoren bewehrten Kunden beim Betreten oder Verlassen der Bäckerei behilflich zu sein. Ein Entgegenkommen, das ehrlich wirkt. Hier wird Spaß an der Arbeit verkauft. Offensichtlich schwappt die wertschätzende, die fordernde und fördernde Atmosphäre, das motivierende Miteinander auch in den Verkaufsraum über. Klar ist, das motivierende Miteinander ist Programm.

Mit übertariflicher Bezahlung allein ist das nicht zu erklären, auch nicht mit der Möglichkeit, bei Interesse Fortbildungskurse zu machen. Und die zwölf geleasten E-Bikes für Mitarbeiter sind Ausdruck für das gemeinschaftlich nachhaltige Vorwärtskommen.

„Wir machen seit Jahren regelmäßig etwa zehn Prozent Umsatzplus – auf bestehender Fläche“, sagt Holger Wörner, der nichts von Expansion hält.

Geballte Kompetenz

in der Backstube

Immerhin kann sich Wörner in der Backstube geballte Kompetenz leisten – mit zwei Konditormeistern, drei Bäckermeistern und vier Gesellen. Im Verkauf sind zwölf Mitarbeiterinnen und Aushilfen im Einsatz.

Diese Verkaufspower ist nötig. So kämpfen meist fünf Verkäuferinnen darum, dem Kundenansturm auch sonntags Herr zu werden. Da werden rund 500 Kunden bedient und gehen unter anderem 1000 Brezeln über die Theke – innerhalb von drei Stunden.

Brezeln drei mal täglich

frisch aus der Kühlung

Weitere Artikel aus Praxis vom 01.12.2018:

 

Bisher keine Leser-Kommentare zum Artikel