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Die Rückkehr der Seelen-Wärmer

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Die Rückkehr der Seelen-Wärmer (Quelle: SYSTEM)

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Vermeintlich angestaubte Heißgetränke wie Irish Coffee, Pharisäer oder Rüdesheimer Kaffee erleben aktuell ein Revival, bei dem auch jüngere Gäste mitfeiern wollen. Voraussetzung ist die gelungene Zubereitung.

Von Bérengère Thumm

Cocktails und Longdrinks haben eines gemeinsam: den Schuss Alkohol. Klassisch kalt serviert, finden sie viele Abnehmer. Doch es gibt auch Heißgetränke mit Schuss. Gerade Kaffeeheißgetränke wie Irish Coffee und Co., die früher von den Großeltern nach einem langen Herbstspaziergang geschätzt wurden, verschwinden immer mehr in der Versenkung.

Denn wer trinkt heutzutage überhaupt noch Getränke wie Irish Coffee? „Niemand“, kommt von Kaffee-Experte Dr. Steffen Schwarz zurück. Aber nicht, weil sie keiner mag, sondern „weil sie allesamt grausam zubereitet werden.“

Dabei seien Kaffeeheißgetränke richtig zubereitet einfach klasse. „Wenn ich meinen Irish Coffee gut mache und optisch ansprechend serviere, dann hat er das Potenzial, jeden Kaffeeliebhaber anzusprechen und einen Aha-Effekt auszulösen“, sagt Schwarz. „Knochenheißer Kaffee, obendrüber kalte Sahne, die Süße des Zuckers in Verbindung mit dem erwärmten Alkohol – das ist wie selbstgemachter Kartoffelbrei mit Butterflocken. Danach kannst du nie wieder einen aus der Tüte essen.“

Die Basis ist immer

gleich: Kaffee und Alkohol

Es gibt zahlreiche Kaffeeheißgetränke mit Alkohol. „Letztlich sind sie alle gleich, die Basis ist meist Kaffee. Nur die Spirituose ist jeweils eine andere“, erklärt Schwarz. Der Pharisäer enthält Rum, der Rüdesheimer Kaffee Asbach Uralt, ein in Deutschland hergestellter Weinbrand. Die Österreicher haben sogar noch mehr Heißgetränke mit Kaffee und Alkohol in petto. Wiener Kaffeehäuser verfeinern ihren Fiaker mit Kirschwasser oder den Advocat, den „Fliegenden Holländer“, mit Eierlikör.

Alle Heißgetränke werden mit Sahne serviert. Die Sahne sollte dabei angeschlagen sein, das heißt, gerade soweit flüssig, dass sie sich nicht mit dem Kaffee verbindet. Die Kunst ist es, die Sahne nicht zu steif werden zu lassen. Sie sollte dem Schaum eines Guinness ähneln und zumindest bei Irish Coffee und Rüdesheimer Kaffee mit dem Glasrand abschließen.

Sehr viel opulenter sollte die Sahne auch beim Pharisäer und Fiaker nicht ausfallen. „Ich bin in der Hinsicht Purist“, sagt Schwarz. „Die Getränke sind toller ohne Schnickschnack. Irish Coffee sieht besser aus ohne Schokoraspeln, und Dekor macht die Getränke unnötig teuer.“

„Gute Lebensmittel

brauchen keine Deko“

Wenn Deko dennoch gewünscht ist, dann sollte sie dezent wie feiner Kaffeepuder und ganz wenig Zucker auf der Sahne sein. „Letztlich ist natürlich erlaubt, was einem gefällt. Aber gute Lebensmittel brauchen keine Deko“, sagt Schwarz.

Irish Coffee enthält üblicherweise irischen Whiskey, schottisch „Whisky“. Ungetorfte Sorten wie Jameson oder Bushmills ohne starke Rauchnoten harmonieren besonders gut mit Kaffee und Sahne. Sie sind milder im Geschmack, enthalten häufig Vanille- und Karamellnoten, sind nussig oder erinnern an Toffee. Dasselbe gilt für den Pharisäer. Er braucht einen milden, aromatischeren sowie süßeren braunen Rum.

Im Rüdesheimer Kaffee hingegen ist immer Asbach Uralt enthalten. Soll es für den Irish Coffee doch mal etwas Ausgefalleneres sein, dann könnte ein Versuch mit Bourbon-Whiskey mit Orangennote passen.

Alle Getränke basieren auf Kaffee, hier empfiehlt sich Filterkaffee. Nussige Kaffeesorten sind den extrem fruchtbetonten Sorten vorzuziehen.

Kräftige Röstaromen, die ins Schokoladige und Karamellige gehen, harmonieren gut mit Whiskey und Rum. Kaffee mit eher cerealen Noten wie Getreide, Hafer und Popcorn passt gut zum fruchtigen Charakter des Weinbrands im Rüdesheimer Kaffee.

Die perfekten

Begleiter sind süß

Die Heißgetränke können bestens mit Spritzgebäck und Keksen serviert werden. „Englisches Shortbread mit Salz harmoniert gut mit dem süßen, cremigen Irish Coffee“, sagt Schwarz. „Vielleicht auch eine kleine Pralinenauswahl oder Törtchen mit Schokolade, und im Sommer passen Beeren.“ Braungebackenes mit Malznoten oder Rübenzucker, das in Richtung Spekulatius geht, passt zum Pharisäer. Aber auch Bienenstich ist vorstellbar.

„Jeder Bäcker und Konditor hat bestimmt eigene Vorstellungen und Ideen parat, was ein guter Begleiter für das jeweilige Getränk ist“, sagt Experte Schwarz. Und er warnt: „Servieren Sie diese Getränke niemals und auf gar keinen Fall mit Strohhalm. Da verbrennt man sich die Zunge.“

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