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Geschnittenes Sortiment bei Hansen. (Quelle: Liebig-Braunholz)+
Geschnittenes Sortiment bei Hansen. (Quelle: Liebig-Braunholz)

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An der nur 400 Meter langen Waitzstraße in Hamburg verkaufen zehn Geschäfte Brot. Die Suche nach den Gründen für recht gedeihliche Koexistenz bringt unerwartete Antworten.

Von Silke Liebig-Braunholz

Es ist 14.30 Uhr. Vor der Bäckerei Hansen an der Waitzstraße 10 stehen die Kunden Schlange. Der eine möchte ein Brot, der andere einen Kaffee, der nächste ein Stück Zitronenschnitte. Verkäuferin Alina Kock kann an diesem Tag keine Pause machen. Sie bedient im Sekundentakt.

„Wir spüren überhaupt nicht, dass sich Anfang des Jahres das neue Bäckerei-Café von Junge hier niedergelassen hat“, sagt sie. Direkt gegenüber, an der Waitzstraße 9, geben sich im selben Augenblick aber auch die Kunden die Klinke in die Hand.

Bäckerei Junge

setzt aufs Ambiente

Bei Junge, dem Lübecker Hansebäcker, sitzen die Gäste gemütlich im Café. Zwei Damen haben sich einen Kaffee geholt und ins Eck verzogen. Andere lesen Zeitungen, schauen in ihre Mobilfunkgeräte oder unterhalten sich.

„Wir sind zufrieden mit der Resonanz auf unser Café. Allerdings ist dieser Laden mit seinen 60 Sitzplätzen in so nirgends wiederzufinden. Eines der Erfolgsfaktoren ist das Ambiente“, sagt Junge-Sprecher Gerd Hofrichter.

Viele Geschäfte –

viele Meinungen

Einige sagen, dass dies noch gefehlt habe an der Waitzstraße, wo es generell wenige Möglichkeiten gibt, einen Kaffee im Sitzen zu genießen. Andere finden die Ansammlung der vielen , die auch Kaffee anbieten, zu massiv.

Letztendlich überwiegt jedoch die positive Haltung zum Wettbewerb: „Wir wollen unseren Gästen in der Straße Vielfalt bieten. Wenn neue Betriebe eine vernünftige Ergänzung darstellen, ist das gut“, sagt die 1. Vorsitzende der Interessengemeinschaft Waitzstraße, Veronika Glaab-Post.

400 Meter geballte

Angebotsvielfalt

Die Kunden sehen das ähnlich und schlendern gern durch die nur 400 Meter lange Einkaufsstraße, in der sechs reine Handwerksbäcker (Schmidt, Dat Backhus, Nur Hier, Hansen, Junge und Gaues) sowie ein weiteres Café (Newport), ein Hofladen und ein Naturkostladen mit Demeter-Brot im Angebot sowie das Feinkostgeschäft Lindner mit seiner Feinbäckerei um die Kundschaft buhlen.

„Deutschland ist bekannt für seine vielen Brotsorten, und deshalb finde ich es angenehm, dass ich hier in der Straße wählen kann“, sagt Kunde Hans Kraus.

Die Bäckerei Hansen beispielsweise fährt täglich neben Brötchen, Snacks und Kuchenstücken etliche Brotsorten auf. Besonders beliebt sei das Gutsherrenbrot, das Hamburger Schwarzbrot oder das Angeschobene, sagt Alina Kock.

Zudem schreibe die Bäckerei den Servicegedanken sehr groß. Die Verkäuferinnen kennen ihre Kunden beim Namen. Vorbestellungen werden in Tüten verpackt und jeweils mit dem Namen der Kunden versehen im Ladengeschäft ausgelegt.

Hans Miksch ist Stammkunde bei Hansen und regelmäßig in der Waitzstraße zu Gast. Er und seine Frau genießen die Vielfalt und das breite Angebot. Neben den Bäckereifachgeschäften und Ärzten sind andere Fachgeschäfte ansässig.

An der Waitzstraße

ist Tradition ganz wichtig

„Das hier ist gewachsen. Wir sind seit 1986 vor Ort und einer der alteingesessenen Läden“, sagt Thomas Sass vom Naturkost-Fachgeschäft, Waitzstraße 32. Er verkauft Demeter-Brot und kennt die Kunden gut.

„Das ist hier eine besondere Kundschaft. Wir dienen noch. Es ist für uns selbstverständlich, den Kunden die Waren ans Auto zu bringen oder in einem Beutel an die Tür zu hängen, wenn wir geschlossen haben“, sagt er.

Es gilt, hohe

Ansprüche zu befriedigen

Bärbel Ahrens vom Café Schmidt am Beselerplatz 10 (direkt gegenüber der Waitzstraße) teilt die Ansichten von Thomas Sass, wenn es um die gehobene Kundschaft und ihre Ansprüche geht.

Das Café ist eine Institution an diesem Standort mit vielen Alleinstellungsmerkmalen. „Uns kann man nicht kopieren“, sagt Geschäftsführer Falk Hocquél. „Wir müssen aber täglich darauf achten, dass wir unsere hohe Fachkompetenz in der Herstellung präsentieren“, erklärt er. Der Anspruch der Kunden sei hoch. „Am Samstag geht man zum Café Schmidt. Das war schon immer so“, sagt er.

Seit 2010 ist Bärbel Ahrens Filialleiterin an diesem Standort, an dem neben Torten, Tartes, Keksen und Schokoladen sowie den Frühstücksangeboten seit etwa einem Jahr auch bis zu zehn Brotsorten angeboten werden.

Brotsommelier macht

Gebackenes „hoffähig“

„Seitdem unser Bäckergeselle Daniel Probst Brotsommelier ist, bieten wir auch Brot in unserem Café an“, sagt Hocquél. Der Renner sei das Ankerbrot mit 70 Prozent Roggen und 30 Prozent Weizen. Daneben laufen aber auch das Weizenkuddel und das Chia-Samen-Brot gut.

Derartige Spezialprodukte lieben die Kunden in der Waitzstraße. Deshalb ist auch Bäcker Gaues seit Ende 2015 hier präsent – in Nr. 19. „Das läuft hervorragend hier“, sagt Verkäuferin Maren Otto. Der Laden ist nicht besonders groß, aber originell und auf das wesentliche Produkt eingerichtet.

Die Filiale von „Nur Hier“ an der Waitzstraße Nummer 7 hingegen scheint es nicht geschafft zu haben, sich ein eigenes Profil aufzubauen: Im Laden ist an diesem Nachmittag sporadisch ein Kunde zu sehen.

Bewusste Suche nach

hartem Wettbewerb

Anders bei den Nachbarn – das Café Newport mit ebenfalls einigen Backwaren und Kuchenstücken im Angebot sowie einem kleinen Terrassenplatz vor dem Haus – oder bei Neuzugang Junge, wo das Geschäft brummt.

„Wir suchen uns keinen Standort ohne Wettbewerb. Gerade wenn so viele aufeinander sitzen, muss ich mich fragen, was ich dem Kunden bieten kann, weil er es woanders nicht bekommt“, sagt Gerd Hofrichter.

Neben Backwaren, Torten und Kuchen bietet Junge daher Kaffeespezialitäten, Gebäcke, Snacks, Suppen, Salate und kalte Getränke an.

Selbstbewusstsein

aus Überzeugung

Dat Backhus an der Waitzstraße Nummer 2 setzt auf Nähe. „Wer, wenn nicht wir, muss hier vor Ort sein“, sagt Verkaufsleiterin Renate Suda. Die Nähe zu „meinem Bäcker“ spiele eine große Rolle. „Wir sind der regionale Bäcker und bieten unser Sortiment hier genauso an wie an anderen Standorten.“


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