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Der „Löwe“ findet durchs Bäckerhandwerk seinen Platz im Leben

Haydar Suna (oben links) beim Tag der Ausbildung (oben rechts) und bei der täglichen Arbeit. (Quelle: Salden)+
Haydar Suna (oben links) beim Tag der Ausbildung (oben rechts) und bei der täglichen Arbeit. (Quelle: Salden)

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Haydar Suna „rockt die Meisterprüfung". Dabei kommt ihm unter anderem seine Zielstrebigkeit zugute. Auch sein Arbeitgeber unterstützt und fördert ihn

Von Peter Salden

Die weiße Arbeitsjacke ist ganz neu, Haydar Suna trägt sie selbstbewusst und mit Stolz. Neben seinem Namen steht darauf der Titel „Bäckermeister“. Der 25-jährige Deutsche türkischer Abstammung hat erst vor wenigen Wochen seinen Meisterkurs in Teilzeit – neben der Arbeit in der Backstube der Sächsischen Backunion Emil Reimann in Chemnitz – beendet.

„Das war keine leichte Zeit – nicht nur, weil ich im Kurs der jüngste Meisteraspirant war, sondern weil mir nach dem erfolgreichen Lehrabschluss vor gerade einmal zwei Jahren im Vergleich zu den älteren Teilnehmern viele praktische Erfahrungen zwangsläufig fehlen mussten.“

Der junge Mann hat sich mit Unterstützung seines Betriebes im wahrsten Sinne des Wortes durchgekämpft – und damit seinem türkischen Vornamen Haydar (auf Deutsch: Löwe) alle Ehre gemacht. Und das nicht zum ersten Mal. Denn Haydar Sunas Voraussetzungen für eine erfolgreiche Berufsausbildung als Grundlage für den Karrierestart im Bäckerhandwerk waren nicht gerade die besten: Nach dem frühen Tod des Vaters verschlug es den im Kölner Raum geborenen jungen Mann zu seinem Onkel nach Dresden – auch weil er nach dem Realschulabschluss im Rheinland keine Perspektive gesehen hat.

„Es ist sehr schwer, ohne Vater aufzuwachsen. Entweder man landet auf der Straße oder packt das Leben am Schopf.“ Haydar entschied sich für Letzteres und lernte an einem zweiten Weihnachtsfeiertag in Sachsen seine Pflegemutter kennenlernte, die ihm fortan Sicherheit und Halt gab und ihn bei seinen ersten Schritten ins Berufsleben stärkte.

Kunden zufriedenstellen

Dieser Start war mehr als holprig, denn als Gehilfe in einer kleinen Handwerksbäckerei „war ich absolut der letzte Pumpel“, blickt der Jungmeister zurück. Dennoch war er damals froh, überhaupt eine Arbeit zu haben. „Ich wollte unbedingt Bäcker werden, um die Kunden mit meiner Arbeit und meinen Produkten zufriedenzustellen, und deshalb schnell lernen, wie beispielsweise die Gärung im Teig oder die Backprozesse ablaufen – aber das wollte mir niemand ‚verraten‘.“

Der bessere Weg war eine fundierte Lehre, für die er sich beim Traditionsbetrieb Emil Reimann GmbH in Dresden bewarb, der Lehrlinge jedoch nur in der Sächsischen Bäckerei Union am Standort Chemnitz ausbildet.

Dort fiel der aufgeschlossene und wissbegierige junge Mann sofort auf: im Betrieb als fleißiger und strebsamer Lehrling, um mit allen Sinnen die Feinheiten der sächsischen Backkunst zu erfassen; in der Berufsschule als absoluter „Streber“, den die Klassenkameraden bald geschnitten haben. „Aber das war mir auch egal, denn ich weiß, wie es ist, wenn man gar nichts hat – ich musste mich erst einmal um mein eigenes Leben kümmern und einen ordentlichen Beruf erlernen, der mir immer mehr zur Berufung wurde“, erinnert sich Haydar Suna.

Auf die Möglichkeit, seine Lehre wegen sehr guter Leistungen vorzeitig zu beenden, verzichtete er bewusst, „um die ganze Ausbildungszeit richtig auszukosten und so viele Erfahrungen wie möglich zu sammeln und mir von gestandenen Meistern praktische Kniffe abzuschauen“. So unterstützte er mit seiner unkomplizierten und direkten Art beispielsweise Konditormeisterin Anja Donner, die bei Emil Reimann für die Nachwuchsförderung zuständig ist, bei der Präsentation des Unternehmens zum „Tag der Bildung“ in der Chemnitzer Handwerkskammer, „um mit den Erklärungen und Vorführungen möglichst viele Schüler für diesen tollen Handwerksberuf zu begeistern“. Selbst an diesem Tag versäumte er es nicht, dem Chemnitzer Innungs-Obermeister Wolfgang Meyer und den Mitgliedern des Bäckerfachvereins beim Flechten von Teigzöpfen genau auf die Finger zu schauen und die verschiedenen Techniken auch gleich selbst zu üben: „Das konnte ich damals noch nicht so gut, obwohl ich keine zwei linken Hände habe.“

Für Sunas gute Leistungen während der Berufsausbildung hat ihn sein Betrieb zu einem dreiwöchigen Lehrlingsaustausch nach Paris geschickt, wo er nicht nur die „tolle französische Esskultur“ kennenlernte, sondern viele gute Anregungen und Ideen für hochwertige Backwaren erhalten hat, die vielleicht auch das Reimann-Sortiment erweitern könnten. So war es kaum ein Wunder, dass Haydar seine Lehre 2013 als jahrgangsbester Junggeselle abgeschlossen hatte und bei der sächsischen Meisterschaft der Bäckerjugend immerhin den zweiten Platz belegte. „Die Konkurrenz war sehr groß, und ich war auch ein wenig froh, nicht zum Bundeswettbewerb nach Weinheim fahren zu müssen, denn der Meisterkurs war schon avisiert“, gesteht er.

Die Meisterausbildung hat Haydar Sunas Horizont in Sachen Betriebswirtschaft, Fachtheorie und Fachpraxis sowie seine pädagogischen Fähigkeiten beispielsweise im Umgang mit Lehrlingen um ein Vielfaches erweitert. „Obwohl die Doppelbelastung aus Arbeit an der Brotlinie und Meisterschule eine regelrechte Tretmühle war – aber wenn man im Leben etwas erreichen will, muss man sich durchbeißen und eben auch einmal 200 Prozent geben.“

Die Sächsische Backunion hat sich im Gegenzug „revanchiert“, indem sie die gesamten Kosten für die Meisterausbildung übernahm und zudem die Gestaltung des Meisterstückes unter dem Titel „Mühlenfest“ unterstützte – für die Dekoration und das Schaustück gab es folgerichtig die Bestnote. „Für diese Förderung und die mir gegebene Chance, meinen Handwerksberuf ordentlich zu erlernen, bin ich meinen Mentoren unendlich dankbar und werde dies dem Unternehmen in den nächsten Jahren zurückgeben“, so Haydar Suna.

Dazu wird es vielerlei Gelegenheit geben, denn die Personaldecke in der Backstube mit 65 Mitarbeitern, darunter drei , ist relativ dünn, weiß Betriebsleiter Uwe Dehne. „Deshalb konnten wir Haydar auch nicht für ein halbes Jahr zum Vollzeit-Meisterkurs abstellen, weil seine Kenntnisse und Fertigkeiten hier bei der Brot- und Brötchenherstellung dringend gebraucht wurden und werden, um unsere gute Produktqualität noch weiter zu verbessern“, sagt der 50-jährige Konditormeister und ist noch immer davon beeindruckt, dass Haydar sehr schnell erkannt habe, dass man aus dem Berufsbild des Bäckers viel machen kann – mit dem stets absoluten Willen, so viel wie möglich zu lernen. „Er hat die Meisterprüfung so richtig gerockt.“

Auch deshalb hat Geschäftsführer Thomas Wohlgemuth den jungen Mann nach Kräften gefördert und gefordert, damit er an seinen Aufgaben weiter wachsen kann. „Wir Handwerksbäcker müssen doch die jungen Leute, die am Anfang ihrer beruflichen Entwicklung stehen, dort abholen, wo sie von ihrem Wissen und ihrem Entwicklungsstand her stehen, und behutsam begleiten, damit sie ihren Platz im (Berufs-)Leben finden.“

Beruflich weiter voran kommen

Um junge Leute zusätzlich zu motivieren, prämiert Emil Reimann einen guten Lehrabschluss inzwischen mit einem kleinen Auto, wobei die Quote der Inanspruchnahme bei derzeit nur zwei Lehrlingen im ersten Ausbildungsjahr recht überschaubar bleibt. Dennoch: „Wer sich der Berufsausbildung nicht bewusst stellt, darf sich dann auch nicht über den fehlenden Berufsnachwuchs beklagen, denn von allein finden die wenigen Schulabgänger kaum zum Bäckerhandwerk“, ist Wohlgemuth überzeugt.

Längst arbeitet Haydar Suna wieder an der Brotlinie, die täglich 10.000 Laibe der verschiedensten Sorten produzieren. In diesem Bereich ist er entsprechend seiner Qualifikation auch für die Einhaltung von Sauberkeit und Hygiene verantwortlich. „Aber das ist erst der Anfang“, sagt Betriebsleister Dehne. „Wir wollen die fachliche Kompetenz des Jungmeisters erweitern und nutzen, denn wir haben in absehbarer Zeit Bedarf, die Führungsebene zu ergänzen.“ Doch zunächst wird der Jungmeister im September bei der Meisterfeier der Handwerkskammer Chemnitz offiziell seinen „Großen Qualifizierungsnachweis“ erhalten. Dann geht’s weiter.

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