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Der Kumpel und sein Brot

„Unter Tage“: Robert Siebers im Besprechungsraum mit Fototapeten von Stollen. (Quelle: Heck)+
„Unter Tage“: Robert Siebers im Besprechungsraum mit Fototapeten von Stollen. (Quelle: Heck)

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Der „Borbäcker“ in Essen setzt bei Auftritt und Produkten auf die Identität des Ruhrgebiets als frühere Region des Kohleabbaus

Von Rainer Heck

Im Ruhrgebiet definiert sich immer noch vieles über die Kohle. Auch wenn dort schon längst nicht mehr Zechen und Stahlwerke den Ton angeben und die Optik prägen, so sind diese Attribute der Industriekultur für die Menschen ein Stück Heimat. „Die Zechen prägen die Kultur und den Charakter“, sagt Robert Siebers.

Der Zusammenhalt der Kumpel unter Tage schlägt die Brücke zum Brot. So leitet sich die Bezeichnung für den Kollegen „auf Zeche“ vom „Kumpan“ ab und soll seinen Ursprung im Lateinischen haben: „Cum = mit und Pan = Brot“. Kumpel sind also Menschen, die bei der Arbeit ihr Brot miteinander einnehmen.

Eltern lassen den

Söhnen freie Hand

Als die beiden Brüder Robert und Stephan Siebers den Betrieb von den Eltern in Essen übernahmen, erhielten sie nicht nur die Regie über einen modernen Backbetrieb mit einigen Filialen, sondern auch freie Hand bei der Gestaltung ihrer Zukunft. „Das hätte auch anders aussehen können mit der Karriere“, sagen die Brüder.

So erlernte Robert (27) zunächst einmal den Beruf des Industriekaufmannes und arbeitete im Vertrieb der Rolandmühle. Heute ist er für Marketing und Vertrieb verantwortlich und studierter Bachelor of Business Administration. Nebenbei schließt er gerade seine Master-Arbeit in Wirtschaftspsychologie ab. Stephan Siebers (30) zeichnet für die technische Seite des Betriebes verantwortlich und leitet die Backstube.

Weitere Expansion

fest eingeplant

Als feststand, dass die Söhne das Familienunternehmen weiterführen und sich der Erfolg des neu gebauten Produktionsgebäudes abzeichnete, war es zur weiteren Expansion ein fast selbstverständlicher Schritt, eine Erweiterung auf das Nachbargrundstück ist ebenfalls bereits geplant.

Dabei wird aber nicht in erster Linie an die Erweiterung der nun elf Filialen umfassenden Verkaufsstellen gedacht. „Wir wollen uns breiter aufstellen und sind seit der Übernahme der Bäckerei Matschke auch mit fünf Marktwagen auf den Wochenmärkten der Umgebung unterwegs“, erläutert Robert Siebers. „Hier ist die Absatzstruktur anders als in den festen Verkaufsstellen. Wer auf dem Markt einkauft, hat ein anderes Bedarfsschema, und die Wertschätzung besonderer Backwaren auf den Märkten ist höher.“

Auch der Anteil der Großkunden und Caterer hat in den vergangenen Jahren zugenommen. Rund ein Drittel der Backwaren werden an Lieferkunden verkauft. Diese Entwicklung stellt nach Ansicht der Familie eine gesunde Mischung und die Chance für einen Absatz ohne große Schwankungsrisiken dar. Abgesehen vom Wetter, das sich wesentlich auf die Marktumsätze auswirkt.

Heimat wird zum

Firmennamen

Mit der Weitergabe an die Söhne von Bernd und Doris Siebers änderte sich nach über 100-jähriger Bäckereigeschichte in der fünften Generation auch der Auftritt. Die Heimat als Identifikationsanker sollte sich auch im Firmennamen wiederfinden. Der „BorBäcker“ lehnt sich zum einen an den Essener Stadtteil Borbeck, zum anderen an das Bäckerhandwerk an. Die Junioren machten sich Gedanken über die Ausrichtung als regionale Handwerksbäckerei und die Möglichkeiten, die Kernaussagen zu transportieren und eindeutig zu kommunizieren.

Bergbautraditionen

treffen Backhandwerk

Die Namensgebung war ein wichtiger Schritt auf diesem Weg. Es galt zunächst einmal, die Brücke zwischen Kohlenpott und den damit verbundenen Traditionen und positiven Attributen zu dem aktuellen Einkaufsverhalten zu schlagen. Die Identifikation mit Brot, Bäcker und Region ließ sich am Besten durch die Einbeziehung der Bergbaugeschichte erzielen.

Das erste erfolgreiche Produkt, das Bergbau und Bäcker zusammen brachte, war das „Barbara-Brot“. Dieses auf einem Weizenteig basierende Brot erhält seine typischen sensorischen Eigenschaften durch eine Teigruhe von 48 Stunden und bringt damit eine bessere Bekömmlichkeit an den Tag.

100 Stunden Teigruhe

fürs Malocher-Brot

Benannt ist dieses Brot nach der Schutzheiligen der Bergleute und Tunnelbauer, von denen es im Ruhrgebiet bei den lange ansässigen Familien mindestens ein Familienmitglied gibt. Auch das „Malocher“-Brot vereinigt die schwere Arbeit unter Tage mit einer extralangen Teigruhe von 100 Stunden. Dieses mit Olivenöl gebackene Brot gibt es nur einmal in der Woche zu kaufen.

Dass sich das Hauptprodukt einer Bäckerei, das Brot, nicht verstecken muss, ist ein weiterer wichtiger Aspekt für das Marketing. Große, vier Kilo schwere Laibe stellen die Attraktivität unter Beweis.

Waren sie eigentlich in erster Linie als Schaustücke gedacht, fanden sich schnell Fans für die XXL-Brote. „Wer ein wagenradgroßes Brot zur Party mitbringt, sorgt für einen Hingucker, über den noch geredet wird, wenn von dem Laib nichts mehr übrig ist“, meint Robert Siebers.

Manche Kunden bestellen die Riesen in der knusprigen Kruste inzwischen mit ihrem in Mehl aufgetragenen Namen oder Firmen-Logo.

Backwaren mit

Persönlichkeit

Für die Backwaren, die mehr Zeit und Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen, werden schon montags die Kapazitäten und Zutaten im Lager und Kühlhaus disponiert.

Zudem werden alle Brote per Hand aufgemacht. „Wir wollen den Produkten eine Persönlichkeit geben, nicht nur eine Seele“, charakterisiert die Familie ihr Ziel.

Die Dekoration der Filialen ist mit Accessoires aus dem Bergbau gestaltet. Grubenlampen, historische Fotos, schwarz gefärbtes Brot mit dem Namen „Grubengold“, und Sitzgelegenheiten in den Cafés, die ebenfalls den Eindruck der Zechen-Atmosphäre vermitteln, locken auch ehemalige Kumpel in die Läden.

Brotfahrplan

schafft Dynamik

Das Prinzip basiert darauf, durch einen „Brotfahrplan“ stetig den Eindruck eines abwechslungsreichen Sortiments zu schaffen. Diese Dynamik macht Kunden neugierig. Auf diese Weise steht der Preis nicht mehr an erster Stelle, wenn es gilt, Brot und Brötchen einzukaufen.

Und Bier. Denn zum zünftigen Feierabendbrot gehört in der Region der Gerstensaft. Dieser kommt per Kooperation von der Craft-Brauerei „Mücke-Bier“.

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