Aus- & Weiterbildung

Virtuelles Lernen auf dem Vormarsch

Weiterbildung mit e-Learning nimmt immer breiteren Raum ein / BIV Westfalen-Lippe seit Jahr 2000 dabei


Stuttgart (leo). Am Computer interaktiv Warenkunde, Verkaufsgespräch oder Betriebsführung trainieren – im eigenen Lerntempo und zu selbst bestimmten Zeiten. Diese Möglichkeit findet in der Bäckerbranche immer mehr Anhänger. Je 200.000 Euro hat der Bäckerinnungsverband Westfalen-Lippe in zwei e-Kurse investiert, um das Thema in der eigenen Branche voran zu bringen.

Beim Thema e-Learning ist Dr. Friedrich Wirsam gespalten: Einerseits ist der Geschäftsführer stolz auf seinen Bäckerinnungsverband Westfalen-Lippe, der 2000 den Kraftakt unternommen hatte, virtuelles Lernen auch im Bäckerhandwerk einzuführen. Andererseits ärgert ihn die Ignoranz, mit der selbst viele Fachschulen, die den Nachwuchs prägen, das Thema noch immer verschlafen.

Immer breiteren Raum nimmt e-Learning in der bundesdeutschen Arbeitswelt ein, weil nur informierte Mitarbeiter im Hochlohnland Deutschland ihr Geld wert sind. Zugleich verändert sich Wissen über Ernährung, Warenpräsentation und Kundenorientierung fast ebenso schnell wie Gesetze über Hygienerichtlinien oder Kennzeichnungspflicht fortgeschrieben werden. Da kommt e-Learning als schnelles Medium gerade recht, um Wissen mit einem Update zu aktualisieren und ohne große Kosten einer breiten Nutzerklientel zur Verfügung zu stellen.

Und längst hat sich der Trend zum virtuellen Lernen auf Grund seiner Vorteile von der Industrie kommend auch in Mittelstand und Handwerk durchgesetzt, wo dessen Weiterbildungsanteil aber noch immer nur fünf Prozent beträgt. Meist mit dem Generationenwechsel duchdringt der PC seit Jahren auch das einst computerferne Bäckerhandwerk, wo die e-Quote der Weiterbildung sicher unter einem Prozent liegt. Aber: Kassen in den Filialen sind immer häufiger EDV-gestützt und mit der Zentrale vernetzt; der Warenbestand wird im Computer verwaltet und Rechnungen online bezahlt.

„e-Learning kann im Bäckerhandwerk zur Imageverbesserung beitragen, weil der Umgang mit PC und Internet bei jungen Leuten als cool gilt“, sagt Stephan Janssen von e-Learning-Anbieter Thomson NETg. Janssens Beobachtung: „E-Learning wird nie das Präsenztraining in Kursen ersetzen, es aber ergänzen, präzisieren und beschleunigen.“

Das belegen Beispiele von Bäckereien, die mit den Kursen des Bäckerinnungsverbandes Westfalen-Lippe arbeiten. Die meisten der bislang rund 3000 User (Nutzer), von denen gut die Hälfte aus Nordrhein-Westfalen kommt, war in der Meisterausbildung mit der alternativen Lernform in Kontakt gekommen und hatte sie für seine Verkäuferinnen übernommen. Rund zwei Stunden dauert die Verkäuferinnenschulung, wenn man sie am PC absolviert. Diese ist unter www.biv-wl.de sogar kostenlos im Internet abrufbar.

PC-Ferne als falsches Klischee

Treibende Kraft, den 200.000 Euro teuren Kurs zu realisieren, den das Land NRW und der Europäische Sozialfonds 2000 finanzierten, waren die Dozenten der Berufsfachschule Olpe, die Meisterfrauen sowie der damalige Landesinnungsobermeister Wolfgang Miehle. „Die PC-Ferne unserer Branche ist ein falsches Klischee“, sagt Verbandsgeschäftsführer Wirsam.

Im Januar 2004 folgte der e-Kurs für Meister, der 15-stündig Themen rund um die Betriebsführung behandelt von der Standortanalyse über Marketing bis zur Mitarbeiterführung. Seine bislang gut 100 User, die lediglich 60 Euro Schutzgebühr einmalig entrichten, stammen vorrangig aus den Meisterlehrgängen in Olpe und der Bundesfachschule in Weinheim, wo die Lektionen teils im Unterricht vorgestellt und eingesetzt werden.

Berthold Henke ist ein Chef neuen Typs. Mit der Übernahme des elterlichen Betriebs in Warburg vor vier Jahren, führte er die EDV ein. Vor zwei Jahren machte der 29-Jährige dann seinen 25 Verkäuferinnen in acht Verkaufsstellen das virtuelle Verkaufstraining schmackhaft. Wer zuhause nicht die technischen Voraussetzungen hatte, konnte im Büro des Chefs die Lektionen durcharbeiten. Binnen eines halben Jahres hatten zwei Drittel der Mitarbeiterinnen den Kurs absolviert. Alle neuen machen das Zertifikat mittlerweile in ihrer Probezeit.

Lernform mit hohem Potenzial

An den monatlichen Verkäuferinnen-Treffen für jedes Filialteam hält Henke dennoch fest. Zum einen werden hier mittels Rollenspiel kritische Kunden- und Beratungssituationen thematisiert, zum anderen kommen zwischenmenschliche Reibungspunkte zur Sprache, die das e-Learning nicht abdecken könnte.

Ähnlich sieht Gerd Benslips aus Delbrück das Thema. Der 44-Jährige muss sich selbst alle PC-Kompetenzen erarbeiten, sieht aber deren Chancen in der Betriebsführung. Seinen 50 Verkäuferinnen bot er je 30 Euro Prämie, wenn sie den e-Kurs mit einem Zertifikat absolvieren. 35 Mitarbeiterinnen holten sich die Gratifikation. Aktuell führt der Chef ein, dass Rezepte digital erfasst werden, um Veränderungen rasch aktualisieren zu können.

NETg-Mann Stephan Janssen hält dies für den richtigen Weg: „Das Rezept, das zum Nachlesen nicht mehr in einem Buch steht, sondern in einem Word-Dokument, das via Intranet zugänglich gemacht werden kann, ist bereits eine einfache Form des e-Learning.“ Er hofft, dass die Bäcker, die sich derzeit bei der Personalsuche wieder leichter tun, die Gelegenheit nutzen, das e-Learning auszubauen. Janssens Beobachtung: Qualifiziertere Mitarbeiter sind bildungswilliger und der Effizienzdruck hält an.

www.biv-wl.de


Artikel vom 21.07.2005
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