Unternehmensführung
Singapur: Deutsches Brot frisch aus dem Ofen
Thomas Biesewig aus Bassen bei Bremen backt in Südostasien Backwaren wie in der Heimat / Backstube ist in Bürokomplex untergebracht

Eine Auswahl fast wie in der deutschen Heimat: Auf diese Brote freuen sich die Gäste in Südostasien.
Die Hitze ist nicht das Problem. Aber die Luftfeuchtigkeit macht den Menschen in Singapur zu schaffen. Durchschnittlich liegt sie bei 85 Prozent, häufig höher. „Da hatte ich anfangs schon Bedenken wegen des Sauerteigs“, sagt Thomas Biesewig. Doch seine Sorge war unbegründet – wie so viele andere. Seit Beginn des letzten Jahres ist der Bäcker aus dem norddeutschen Örtchen Bassen in der fernen Finanz- und Handelsmetropole tätig. Sein Backofen steht im fünften Stock des German Centres. Etliche deutsche Unternehmen haben hier ihren ostasiatischen Sitz. „Ein exzellenter Standort“, freut sich der 41-Jährige. Morgens kaufen die Nomaden der modernen Arbeitswelt Brezeln und Vollkornbrötchen im kleinen Laden im Erdgeschoss des Bürokomplexes, abends nehmen sie Walnussbrot oder Frankenlaib mit nach Hause.
Noch vor vier Jahren hätte es sich der Niedersachse nicht träumen lassen, einmal am anderen Ende der Welt seinen Teig zu kneten. Die alteingesessene Familienbäckerei in Bassen lief gut. „Wir hatten bis zu 17 Mitarbeiter“, erinnert er sich. Dann aber trat die Billigkonkurrenz auf den Plan. „Dagegen waren wir ohne Chance.“ Biesewig schloss die Backstube und verdiente seine Brötchen fortan im Ausland. In San Francisco half er, die „Sterntaler Bakery“ aufzubauen, in London belieferte er sogar die Queen mit deutschem Brot.
Und dann meldete sich eines Tages Karl-Heinz Minten aus Singapur bei ihm. Der ehemalige Asien-Manager eines großen Sportartikelherstellers hatte genug von Turnschuhen und Trainingsanzügen und war von der am Stammtisch in Saigon entstandenen Idee beseelt, die authentische europäische Backtradition in die Region zu importieren: „Rund 8000 Deutsche leben allein in Singapur, sie alle haben irgendwann genug vom ewigen Weißbrot und wollen mal wieder richtig zubeißen.“ In Thomas Biesewig fand Minten den idealen Mitstreiter – „zuverlässig und erfahren, handwerklich versiert und auch bereit, voll mitzuziehen“. Die fehlende Asien-Erfahrung macht er durch Flexibilität und Fleiß mehr als wett.
Die Arbeit bei „Ofenfrisch“ beginnt nachts um 23 Uhr. In den benachbarten Büros sind die letzten Lichter erloschen. Das German Centre schläft. Doch schon bald zieht der typische Bäckereiduft durch die Flure. Biesewig schwört auf Roggenmehl aus Deutschland. Roggenvollkorn- und Weizenmehl stammen aus Kanada, die Sonnenblumenkerne aus China. In Singapur ist alles international. Gebacken indes wird ausnahmslos nach originalen Rezepten aus der Heimat und ausschließlich von Hand. Den Sauerteig pflegt der Bäckermeister natürlich selbst. Die Brötchen backt er nur halb, weil sie durch die hohe Luftfeuchtigkeit sowieso schnell weich werden. Während die deutschen Kunden herzhaft rustikale und gesunde Zwei- und Dreipfünder bevorzugen, verlangen die einheimischen Käufer das weiche Rosinenbrot.
Wegen des anhaltenden Erfolges – auch der Online-Shop läuft bestens – trägt sein Chef sich mit dem Gedanken, in weiteren asiatischen Städten aktiv zu werden. „Aber dafür müssen alle Voraussetzungen stimmen“, sagt er. Erste Bedingung wäre eine ausreichend große deutsche Gemeinde vor Ort. Zunächst konzentriert Minten sich darauf, Verstärkung für das Team in Singapur zu verpflichten, möglichst einheimische. Das gestaltet sich allerdings komplizierter als vermutet: „Wenn ich den Bewerbern erzähle, dass sie nachts backen müssen, wollen sie den Job nicht mehr haben.“
Thomas Biesewig lässt sich davon nicht schrecken. Der Junggeselle hat sich inzwischen bestens eingelebt. Man kann hier lange draußen sitzen, das gefällt ihm gut. Bedauerlich nur, dass kulturell eher wenig geboten werde. „Aber das muntere Treiben im arabischen oder im indischen Viertel entschädigen dafür“, meint er. Und sonst? Vermisst er etwas? Biesewig grübelt einen Moment, schüttelt dann den Kopf: „Nein, eigentlich nicht.“ Andere Weltenbummler würden wahrscheinlich „deutsches Brot“ antworten.
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