Betriebsreportage
Seit 155 Jahren am Markt aktiv
Heute machen der Bäckerei Schultze die vielen Verkaufswagen der anderen Anbieter schwer zu schaffen
Breddin (ec). Gern denkt Eckhard Schultze an die Zeit der Wende zurück. „Da stand die Kundschaft noch hinter dem Handwerk und wir konnten schwarze Zahlen in unsere Bilanzen schreiben.“ 16 Jahre später sieht die Situation jedoch etwas dunkler aus. Eine strukturschwache Region, viele Arbeitslose und immens gestiegene Energiekosten machen dem Bäckermeister, wie vielen seiner Kollegen, schwer zu schaffen. Hinzu kommt ein enormes Überangebot an „fliegenden Händlern“, die mit ihren Verkaufswagen teilweise aus Entfernungen von bis zu 100 Kilometer anreisen und in der Region frische Backwaren verkaufen. „Wir sind dagegen machtlos. Manchmal sind es bis zu fünf Verkaufswagen verschiedener Kollegen, die hier Station machen.“
Das drückt den Gesamtumsatz und auch die Preise. Denn Großbäckereien, die ihre Wagen über Land schicken, locken die Kunden mit Dumpingpreisen, „bei denen wir einfach nicht mithalten können“, so Eckhard Schultze. Er selbst war zur Wende der erste Bäcker, der einen Verkaufswagen besaß. „Damals standen die Menschen Schlange und warteten auf uns.“ Um sich wenigsten ein Stück vom hart umkämpften Verkaufskuchen abzuscheiden zu können, investierte der Bäckermeister vor einiger Zeit in einen zweiten Verkaufswagen.
Gestiegene Energiekosten von mehr als 30 Prozent innerhalb von zwei Jahren drücken mächtig auf den Gewinn. An ein Anheben der Preise für Brot, Brötchen und Feinbackwaren ist nicht zu denken. „Dann laufen uns ja noch die letzten Kunden weg“, so sein Argument.
Bereits seit 155 Jahren wird in der Familie Schultze Brot gebacken. 1851 legte Friedrich Schultze den Grundstein. Ein Haus in der Mitte des Ortes gefiel ihm gut. Kurzerhand wurde es gekauft. Es blieb bis heute der Ort wo Brot und Brötchen produziert werden. Noch vor der vorletzten Jahrhundertwende übernahm Sohn Karl zusammen mit seiner Frau die Bäckerei. Aus der Ehe gingen fünf Kinder hervor. Zwei eiferten dem Vater nach und wurden Bäcker. Während es den älteren, Gerhardt, nach Rathenow zog, blieb Wilhelm Schultze der Familie treu. 1915 trat er in die Fußstapfen seines Vaters. Unter seiner Regie wurden erste Änderungen am Gebäudekomplex vorgenommen und Teile des Hauses durch einen Neubau ersetzt. 1959 wechselte erneut der Besitzer. Sohn Dietrich, er hatte zwei Jahre zuvor die Meisterprüfung erfolgreich abgelegt, löste den Vater ab und konnte das Familienunternehmen nach 31 Jahren an den heutigen Besitzer abgeben. Damit war die 5. Generation gesichert. Der wollte eigentlich mit dem Handwerk nichts zu tun haben. „Als ich jedoch sah, dass kein Nachfolger in Sicht war, habe ich mich anderes entschieden.“
So oft wie beim Vater früher steht Eckhard Schultze heute allerdings nicht mehr in der Backstube. „Büro und Organisation nehmen sehr viel Zeit in Anspruch.“ Ehefrau Petra kümmert sich um den Verkauf und steht selbst hinter der Ladentheke.
Fünf Filialen wurden in den vergangenen 12 Jahren aufgebaut. Havelberg, Glöwen und Kyritz konnten als sichere Standorte etabliert werden.
Direkt nach der Wende hat Eckhard Schultze mit gut einer halben Million DM den Betrieb in ein modernes wirtschaftliches Unternehmen verwandelt. 16 Angestellte, darunter Teilzeitbeschäftigte und 4 Auszubildende, haben heute in der Bäckerei einen festen Arbeitsplatz. Mit Blick in die Zukunft plagen den Firmenchef aber auch Sorgen. „Bei immer weiter steigenden Kosten muss ich ans Überleben des Betriebes denken.“ Bis jetzt konnten Entlassungen vermieden werden. „Eine Garantie für jeden Arbeitsplatz in der Zukunft kann ich jedoch nicht geben.“ Stillstand kommt für den Bäckermeister trotz der angespannten wirtschaftlichen Lage nicht in Frage. Vor einiger Zeit wurde in eine neue kleine Brotanlage investiert.
In der modernen Backstube werden wöchentlich 7 Tonnen Mehl verarbeitet. 700 Kilogramm Brot und 4000 Brötchen gehen täglich über die Ladentheken. Im kleinen Rahmen gehören auch Kindergärten und Altersheime zum Kundenkreis von Eckhard Schultze. Die Filialen werden auch heute noch alle mit frischer Ware von Breddin aus beliefert. Auf Ladenbacköfen hat der Meister bisher verzichtet, denkt aber darüber nach, in einer Filiale damit in Zukunft zu arbeiten.
Die Sauerteigführung fürs Brot erfolgt heute so, wie sie bereits der Großvater praktiziert hat. Brötchen werden per Hand bearbeitet. Nur eine ständige Sortimentserweiterung und der hohe qualitative Anspruch an die Ware hat zu einer einigermaßen konstanten Situation mit einem großen Kundenstamm geführt.
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