Erfolgskonzepte

Mit provokativen Aktionen am Markt profiliert

Bäckerei Decker in Bodnegg arbeitet seit 22 Jahren biologisch / Andreas Decker bleibt durch eigenwilliges Marketing immer im Gespräch


Bodnegg (sar). „Hinter unserem Bio-Sortiment steckt eine ganze Einstellung zum Leben“, sagt Andreas Decker aus dem oberschwäbischen Bodnegg bei Ravensburg. Dass ein biologisches Bäckereiangebot mehr bedeutet, als in schwierigen Zeiten an zusätzliche Umsätze zu kommen, darauf legt der Bäckermeister enormen Wert: „Bio ist für mich die gebackene Überzeugung!“, formuliert er gerne. In seinem Fall ist diese Überzeugung auf natürliche Art gewachsen: Vor 22 Jahren fing er mit dem Bio-Backen an, nach einem halben Jahr stellte er den ersten Mitarbeiter ein und kaufte den zweiten Holzofen. Heute verarbeitet die Bio-Bäckerei Decker pro Jahr 100 Tonnen biologisch produziertes Getreide. Darauf, dass es seit der Betriebsgründung „umsatzmäßig nie rückwärts“ ging, ist der Bio-Bäcker besonders stolz.

Eigenwilliges Marketing

Das Konzept, das hinter dieser Entwicklung steckt, umschreibt Andreas Decker mit offenkundiger Freude als „ziemlich eigenwillig“. Allem voran nennt er die Vermarktungsstrategie: „Ich gehöre zu den Fans eines gewissen Guerilla-Marketing“. Zum Beispiel wird gezielt mit witzigen Fotomotiven gearbeitet, etwa als Inserat im Programmheft eines Kulturzentrums oder als Kinowerbung. „Damit treffe ich genau die Zielgruppe, die ich haben will, nämlich den kulturell interessierten Bildungsbürger“, begründet Decker. Darüber hinaus mache seine Werbung auch mehr Spaß, als zum Beispiel konventionelle Zeitungsinserate, „die nur kosten und deren Wirkung ins Nichts verpufft“. Die verwendeten Fotomotive sind beabsichtigte Hingucker mit Tendenz ins Provokative. Beispiel: Zwei (fast) nackte Männer hocken im Schnee. Slogan: „Brot und Suppe – ehrlich bis auf die Haut“. Ehrensache, dass Andreas Decker bei solcher Gelegenheit selbst posiert, denn „wir wollen, dass ein persönlicher Bezug entsteht“. Nicht weniger „eigenwillig“ ist das Motiv „nur bio – capito!“: Das Backstubenteam, in bester Mafioso-Manier mit schwarzen Sonnenbrillen als feindseliger Haufen, der nur „Bio“ gelten lässt. Neben dem hohen Erinnerungswert schätzt Decker an seiner Art der Werbung die Effektivität: „Das ist bezahlbar und auf jeden Fall eine gute Ausgabe“.

Auch die Öffentlichkeitsarbeit ist in der Bio-Bäckerei nicht von der Stange: In Sachen Schaufensterdekoration etwa werden gerne mal weltpolitische Themen aufgegriffen, „um bei den Leuten ins Gespräch zu kommen“. So konnten Kunden und Passanten während des Irakkrieges im Schaufenster des Ravensburger Ladens Spielzeugpanzer und eine Armee aus Gummihamburgern bestaunen. „Das war ein totaler Hingucker, damit rechnet bei einer Bäckerei niemand“, freut sich Decker über den hohen Aufmerksamkeitswert seiner Dekoidee. Dagegen muten die übrigen PR-Aktivitäten fast brav, aber nicht weniger unternehmungslustig an: Der überzeugte Bio-Bäcker nimmt in Sachen Bio-Image an Infonachmittagen für Senioren oder an Podiumsdiskussionen teil.

Vertrieb über Wiederverkäufer

Das Etikett „eigenwillig“ gilt durchaus auch für die Vertriebsstruktur: An den Mann gebracht werden die Bio-Produkte nicht über die klassische Vertriebsschiene des Filialverkaufs, sondern zu 70 Prozent über Wiederverkäufer: Naturkostläden, Hofläden, Reformhäuser, eine Klinik ist auch dabei. „Das minimiert mein Risiko in der Produktion“, erläutert Andreas Decker, der mit den meisten seiner Wiederverkäufer schon seit 20 Jahren zusammen arbeitet. Derzeit versucht er, mit zwei Waldorfschulen in Sachen Schulverpflegung ins Geschäft zu kommen. Die restlichen 30 Prozent des Umsatzes werden im Ladengeschäft, auf dem Wochenmarkt und über einen Imbisswagen erwirtschaftet.

Hergestellt werden die biologischen Backwaren derzeit noch in einer 100-Quadratmeter-Backstube auf einem Demeterhof in der Nähe von Bodnegg. Vier Fünftel des Getreides vermahlen die Backstubenmitarbeiter selbst. Dafür stehen 13 Zentrofanmühlen für eine besonders feine Mahlung zur Verfügung. Dass weder Vormischungen noch TK-Teiglinge aus der Industrie den Weg in die Backstube finden, versteht sich bei einem Demeter-Vertragsbäcker von selbst. Letzteres ist übrigens für Andreas Decker „ein klares Bekenntnis zu einem Erkenntnisweg“.

Da muss auch der Einkauf stimmen: 98 Prozent der verarbeiteten Rohstoffe stammen aus einem Umkreis von 30 Kilometern. Das ist nicht nur ein klares Ja zur Regionalität, sondern hat einen beabsichtigten wirtschaftlichen Aspekt: „Das Geld bleibt hier und fließt auch wieder zu uns zurück“, meint der Bäckermeister. Deshalb arbeitet man in seiner Bäckerei in punkto Getreidelieferung seit zehn Jahren mit denselben drei Landwirten zusammen.

Mit allen Konsequenzen: „Auch wenn die Bauern ein schlechtes Jahr haben, gibt es für uns keinen schnellen Einkauf jenseits der Landesgrenzen, denn wir verbacken, sofern es irgendwie machbar ist, das gelieferte Getreide“. Zu diesen Konsequenzen gehört auch, dass keine exotischen Getreidearten wie Kamut oder Amaranth verarbeitet werden: „Das hat mit der Solidarität mit den Bauern hier zu tun“, sagt Decker.

Dazu passen auch die in der Backstube verwendeten Rezepturen, die „so einfach wie möglich“ sind und ausschließlich die „klassischen Zutaten“ enthalten. Begründung: „Es ist nicht gut für den menschlichen Organismus, wenn er mit komplexen Zusammenhängen konfrontiert wird“, weiß der Bio-Bäcker, denn „das führt nur zu Irritationen“. Allem voran nennt er Allergien. Er spricht aus eigener Erfahrung. Aufmerksam auf das Thema Bio wurde er, als er „während der üblichen Wanderjahre nach der Ausbildung“ und der Arbeit mit konventionellen Zutaten die Mehlallergie bekam. Bis dahin hätte er übrigens noch nichts mit Bio zu tun gehabt, das sei erst „in der Auseinandersetzung mit der Branche“ passiert. Diese Entwicklung hin zum Thema Bio ist für ihn wichtig. Umso mehr kritisiert er „Seiteneinsteiger“, die Bio nur unter Umsatzaspekten sehen.

Vernetzung der Bio-Branche

In eine ähnliche Kategorie fallen auch umsatzfördernde Verkaufsaktionen, für die Andreas Decker – auch in diesem Punkt abseits der gängigen Meinung – nur ein Kopfschütteln übrig hat: „Das Lebensmittel Brot ist mir zu wertvoll, als dass ich es verramschen würde!“ Über den Preis wird grundsätzlich nicht verkauft, denn „unsere Produkte sind so knapp kalkuliert, da ist einfach kein Spielraum drin“. Den in letzter Zeit allerorten erwähnten Konsumstau hält er für ein „vorgeschobenes Argument“: „Geld ausgeben ist immer auch eine Frage der Gewichtung und davon, welche Priorität bei den Ausgaben gesetzt wird“.

Seine Bio-Bäckerei sieht Andreas Decker übrigens nicht als isoliertes Unternehmen, sondern als gewollter Bestandteil der regionalen Bio-Branche: Er setzt auf Vernetzung mit anderen Anbietern biologischer Lebensmittel. So hat er zusammen mit dem Betreiber einer Suppenküche die regionale Messe „Ravensburg isst Bio“ initiiert. Aus der Teilnehmergruppe ist auch der gemeinsame Imbisswagen „Bioblitz“ hervor gegangen. Darüber hinaus sichert man sich gegenseitig durch Warenabnahme oder durch gemeinsame Werbung auf Verkaufstüten.

Gemeinschaftsprojekt geplant

Deshalb ist auch die neue Backstube, die gerade in Planung ist, als Teil eines Gemeinschaftsprojektes angelegt: Bäckerei, Suppenküche und ein weiterer Anbieter, der noch gesucht wird, sollen künftig in einem Industriegebiet bei Ravensburg unter einem Dach arbeiten. Auch für andere Bereiche hat der Bio-Bäcker Pläne in der Schublade: Zum Thema gesunde Lebensführung will er Seminare geben und Gesundheitskonzepte für Firmen erarbeiten. Erste Erfahrungen sind bereits gemacht, eine langfristige Ergänzung der bestehenden Unternehmensstruktur sei denkbar.

Angesichts all dieser Eigenwilligkeiten in Sachen Betriebsführung liegt es nahe, dass Andreas Decker die Frage nach der unternehmerischen Identität so beantwortet: „Viele Bäcker sind angsterfüllt, weil sie nicht wissen, wie sie sich am Markt profilieren sollen. Damit haben wir überhaupt kein Problem, denn wir sind nicht stromlinienförmig!“


Artikel vom 18.05.2006
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