Betriebsreportage

Mit kleinem Feinem dem Zeitgeist Paroli bieten

In nordbadischen Hambrücken setzt Konditormeisterin Doris Rothermel-Peters wieder auf Gebäcke, die längst schon vergessen schienen


Hambrücken (it). „Unsere Kuchen sind rund und schmecken wie hausgemacht“, sagt Doris Rothermel-Peters entschieden, „das war schon immer so und so soll es auch bleiben.“ Was da nach mangelnder Flexibilität klingt, ist in Wirklichkeit ein Teil des Konzepts, mit dem die junge Konditormeisterin und ihr Mann Björn Peters ihr Café Rothermel führen. Das wiederum blickt auf eine lange Tradition zurück: Seit 100 Jahren backen die Rothermels in Hambrücken, einem kleine Ort im nördlichen Landkreis von Karlsruhe in der Nähe der Kleinstadt Bruchsal.

Im Jahr 2004 übernahm die Urenkelin der Gründer, Doris Rothermel-Peters die Verantwortung. „Ich habe schon in der Schule gesagt, dass ich die Bäckerei weiterführen will“, berichtet die heute 31 Jährige. So schloss sie an ihren Realschulabschluss eine Konditorenlehre an und übernahm schon bald den Bereich der Feinbäckerei in der väterlichen Backstube. Nach und nach habe sie auch die Werbung übernommen, die Bestellungen und schließlich den ganzen Familienbetrieb. Vorsichtig wurde das Café renoviert, wobei Doris die Einrichtung nicht verändert hat, um den klassischen, gemütlichen und familiären Charakter zu erhalten. Auch die Tradition der Rothermelschen Bäckerei möchte sie fortführen: „Wenn der Kunde einen Wunsch hat, erfüllen wir ihn“, sagt Doris. Nicht zuletzt deshalb ist die Bäckerei Rothermel weit über die Ortsgrenzen hinaus bekannt für ihre ausgezeichneten Festtagstorten. Weil Björn Peters aus Bremerhaven stammt, wird nun auch in Hambrücken norddeutsches Schwarzbrot verkauft, außerdem spezielle Dinkelbrote für Allergiker und Diabetiker-Gebäck.

„Die Leute sparen am Kuchen“

Aber auch eine engagierte, traditionsreiche Bäckerei- und Konditorei-Familie kann es schwer haben: Hambrücken hat etwa 5000 Einwohner, vier Bäckereien und zwei Konditoreien. „Die Leute sparen am Kuchen und an den Pralinen“, hat Doris beobachten müssen. Besonders schwierig sei die Situation geworden, als ein Supermarkt mit Bäckerei eröffnet habe. „Nach drei Monaten haben wir unsere kleine Filiale im Ort zugemacht“, berichtet sie weiter. Nun versuchen sie und Björn immer wieder, trotz der notwendigen traditionellen Werte etwas Neues zu bieten.

„Die jungen Leute kaufen kein Brot mehr“, sagt Doris. „Sie essen, wo es gerade was gibt.“ Erst mit Kindern setze sich ein Paar zu Hause wieder an einen gemeinsamen Esstisch. So habe sie in der Konditorei ihr Ziel weitgehend erreicht, in der Bäckerei gebe es jedoch noch eine ganze Menge zu tun. „Die Leute haben keine Stammbäckerei mehr“, sagt sie. „Wir versuchen, ihnen viel zu bieten.“ Mit Anzeigen, Faltblättern und besonderen Angeboten wirbt sie für ihre hochwertige Ware. Besonders Senioren kommen gerne ins Café. In Hambrücken werde nicht viel für sie getan, sagt Doris, „da freuen sie sich, wenn sie bei uns wie in einer Familie zu Hause sind.“ Auch um die Jüngsten bemüht sie sich und lädt regelmäßig Kindergarten-Kinder zum Backstuben-Besuch ein.

Auswahl wird ständig verändert

Schon vor zehn Jahren hatte Doris Pralinen aus eigener Herstellung auf dem Dorf eingeführt, und zwar ohne aufwändige Präsentation in Keramik. „Ich möchte Pralinen verkaufen und nicht das Geschirr“, sagte sie damals sinngemäß. Auch jetzt liegt sie mit ihren Ideen wieder vorn, befriedigt das Bedürfnis nach feiner, kleiner Ware im Gegensatz zu billiger, großer. Derzeit wächst das Sortiment um traditionelles Gebäck. „Wir machen wieder Wiesbadener Ananastörtchen, Löffelbiskuit und Knäckebrot“, berichtet sie. Grundsätzlich bietet sie täglich acht bis zehn Sorten Kuchen und Torten an, dazu Sahnedesserts, Obsttörtchen, Petits Fours, Florentiner. Die Auswahl ist ständig in Bewegung, damit die, die regelmäßig kommen, immer wieder Neues finden. Sonntags hat der Betrieb zwei Stunden länger auf als früher, so dass die Kunden die Chance haben, bereits zur Brötchenzeit Kuchen zu kaufen. Torten- oder Kuchenschnitten allerdings gibt es grundsätzlich nicht. „Wir machen richtige Torten“, sagt Doris Rothermel-Peters.


Artikel vom 02.02.2006
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