Reportage

Mit Liebe zum Detail

Entgegen dem Trend profitiert die Bäckerei Vetter-Faig in Schönaich von einem großen Backwarensortiment– allerdings mit Top-Qualität


Von Dieter Kauffmann

Schon beim Betreten des Ladens am Stammsitz der Bäckerei Vetter-Faig in Schönaich bei Böblingen wird man in verschiedener Hinsicht positiv überrascht. Zum einen durch die angenehm freundliche Atmosphäre, die über den laufenden Verkaufsgesprächen liegt und zum anderen durch die enorme Breite und sichtbare Qualität des Sortiments, die man in einer Bäckerei/Konditorei an diesem Standort nicht erwarten würde. Die Bäckerei liegt abseits vom Ortszentrum des 10.000 Einwohner zählenden Städtchens Schönaich an einer unübersichtlichen Stelle einer Ortsausfahrtsstraße.

Dieser über Generationen gewachsene – nach modernen Analysenmethoden aber doch benachteiligte – Standort ist letztlich der Grundpfeiler für die enorme fachliche und wirtschaftliche Leistung, die die Familie Vetter-Faig zu einem fachlich sehr versierten und erfolgreichen Unternehmen gemacht hat. „Ein kleines Sortiment ist zwar gut zu handhaben“, so Bäcker- und Konditormeister Norbert Faig, „für uns ist das aber wie ein Spagat. Wenn wir nur ein kleines Angebot haben, kommen die Leute nicht extra zu uns heraus.“

Viele traditionelle Backwaren

Und dies ist angesichts mehrerer starker Wettbewerber, die zum Teil auch mit Filialen am Ort sind, eine große Herausforderung. Denn jeder muss immer besser werden, um eine Abwanderung der Kunden zu verhindern. „Wir stellen viele Backwaren her, die in anderen Betrieben schon dem Rotstift zum Opfer gefallen sind“, so Faig, „denn wenn die Kunden bei uns beispielsweise selbstgemachten Nudelteig kaufen, nehmen sie immer noch was anderes mit und dann rechnet es sich.“

Der Preis ist dabei für die Kunden aber nicht das entscheidende Kriterium, da die Faigs wissen, was ihre Backwaren wert sind. So liegen Standardartikel im gehobenen Durchschnitt und Spezialitäten im oberen Preisniveau.

Vom Angebot her gibt es außer Speiseeis alles, was Bäcker und Konditoren herstellen können. Bei Broten beispielsweise kommen zum Standardsortiment monatlich und saisonal ausgerichtete Sorten ins Programm. Im Sommer zur Fest- und Grillzeit vor allem verschiedene Weizenbrote, im Winter erhält man Brotspezialitäten mit Gewürzen, Mandeln und Nüssen.

Lieferung an Wiederverkäufer

Auch ein Bio-Sortiment steht in diesem Bereich zur Verfügung. Aus dem im Laden ausliegenden Bio-Brotfahrplan kann der Kunde dann ersehen, an welchem Tag sein spezielles Brot hergestellt wird. Aus der Konditorei kommen Torten, Desserts, Pralinen, Dauergebäck, Schautorten und auf Bestellung auch Halbgefrorenes. Die Füllungen für die Backwaren werden alle selbst gemacht und der Sauerteig für Brot sowieso.

Mit diesem großen Sortiment werden nicht nur die fünf eigenen Fachgeschäfte versorgt, die Faigs bedienen auch einen großen Lieferanteil. So werden noch Wiederverkäufer mit ausgesuchten Backwaren beliefert. Verkauft wird dort wie in allen eigenen Geschäften unter dem Namen „Vetter“ – dem Namen der Gründerfamilie.

Catering mit Bäckerprodukten

Sogar ein Catering-Angebot ist auf Wunsch bzw. Bestellung verfügbar. Hier werden dann kleine edle Snacks angeboten – auch mit Shrimps und Lachs – aber nur in Darreichungsformen, wie sie ein Bäcker liefern kann. Das heißt, es gibt bei diesem Angebot kleine Häppchen als Kanapees, Quiches, gefüllte Teigtaschen und ähnliches, sozusagen alles, was in der Backstube zubereitet werden kann, denn eine separate Küche steht nicht zur Verfügung. Diese Gebäcke werden dann gerne bei Hochzeiten, Jubiläen und Geburtstagsfeiern geordert.

Backen auf beengtem Raum

Solch ein breites Angebot muss natürlich organisiert und vor allem in bester Qualität hergestellt werden. Die Backstube hinter dem Laden ist räumlich sehr beengt, verschärft noch durch die Zusammenlegung von mehreren umgebauten Häusern. Eine Halle im Industriegebiet kommt für Norbert Faig aber nicht in Frage, „denn dann wären wir der Industriebäcker“.

Das Erreichen und die Sicherstellung der Qualität kommt bei Faigs aber nicht von ungefähr, schon der Gründer vor hundert Jahren hat dieses Motto auf seine Fahnen geschrieben. Ausgebaut und präzisiert haben das die nachfolgenden Generationen, auch Hans Faig, der Vater des jetzigen Inhabers, hat sich damit in der Branche einen Namen gemacht. Er war, wie jetzt Sohn Norbert, als Prüfgruppenleiter bei den jährlichen Prüfungen der DLG aktiv und konnte dieses Wissen voll auf seine eigenen Backwaren übertragen. Die Bestätigung dafür ist die wiederholte Auszeichnung mit dem Preis der Besten in Gold.

Mitarbeiter haben Freiräume

Dieses Wissen und Können wird natürlich auch auf die Mitarbeiter übertragen, die teilweise schon sehr lange im Unternehmen sind. In Verbindung mit der schriftlich niedergelegten Firmenphilosophie und der sogenannten Hausordnung, die jeder unterschreiben muss, genießen die Mitarbeiter große Freiräume für die Sicherstellung von Qualität und Abläufen.

Dies führt soweit, dass die Inhaber im normalen Tagesgeschäft nicht eingebunden sind, sondern sich auf die Organisation und die Entwicklung neuer Ideen konzentrieren können. Dazu gehört beispielsweise, auf „Info-Tour“ zu gehen, wie Norbert Faig das Informieren bei leistungsstarken Kollegen nennt. Hierzu fahren die Inhaber drei- bis viermal im Jahr in Richtung Schweiz, schauen sich Betriebe an und überlegen, wie sie neu Gesehenes in ihr Unternehmen einbringen können.

Ausbildung ist Chefsache

Sehr am Herzen liegt der Familie Faig die Ausbildung des fachlichen Nachwuchses und die Weiterbildung der Mitarbeiter. Zu den 65 Mitarbeitern gehören 11 Auszubildende, deren fachliche und menschliche Entwicklung forciert wird. Jeder ausgelernte Mitarbeiter ist gehalten, die besonderen Schwierigkeiten von jungen Menschen beim Übergang von Schule zu Beruf zu respektieren und sie nicht als Aushilfskraft oder Putzfrau zu behandeln. „Von einer guten Ausbildung und vor allem dem schnellen Erlernen des Gezeigten kann ich doch nur profitieren“, erklärt Norbert Faig seine Einstellung, „Je schneller ein Azubi etwas kann, desto schneller haben sie Spaß am Beruf und sind uns eine wirkliche Hilfe.“

Die Weiterbildung der Mitarbeiter liegt in den Händen von Ehefrau Suse. Sie veranstaltet hausinterne Schulungen und organisiert die regelmäßigen filialinternen Besprechungen.

Dass die Familie Vetter-Faig das traditionelle Handwerk mit jeder Faser lebt, macht Norbert Faig abschließend noch mal deutlich. In der heutigen Zeit gar nicht mehr selbstverständlich, aber für ihn enorm wichtig ist das kollegiale Miteinander der Bäcker am Ort. Man hilft sich gegenseitig, denn man weiß ja nie, was noch kommt. Neben dem Engagement für die DLG ist Norbert Faig auch im Meisterprüfungsausschuss und der Innung aktiv, sein Vater war bis vor wenigen Jahren auch Obermeister.


Artikel vom 23.09.2009
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