Ernährungs- & Warenkunde

Kunststoffverpackung als Dickmacher?

Umweltgifte – z. B. Bisphenol A – können laut Wissenschaftler zu Übergewicht führen


Parma (ke). Während Wissenschaftler manchen in Kunststoffen und Verpackungen eingesetzten Stoffen die Wirkung von Hormonen bescheinigen, und jetzt gar für das weltweit wachsende Übergewicht verantwortlich machen, hat die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa) in Parma gerade die tolerierbare tägliche Aufnahmemenge (TDI-Wert) von Bisphenol A durch den Verzehr von Lebensmitteln deutllich erhöht. Ende Januar legte die Efsa den TDI-Wert von bislang 0,01 auf jetzt täglich 5 Milligramm/kg Körpergewicht fest.

Menschen nehmen Bisphenol A (BPA) u. a. auf, weil er in bestimmten Kunststoffen und Materialien verwendet wird, aus denen z. B. Flaschen und Konservendosen hergestellt werden. In Tierversuchen störte BPA die Embryonal- und Gehirnentwicklung, verursachte Unfruchtbarkeit, Krebs und Verhaltensstörungen.

Als Grund für die Erhöhung des TDI-Wertes nannte der Wissenschaftliche Ausschuss für Lebensmittel der Europäischen Kommission, dass nach einer umfassenden Überprüfung, die sämtliche verfügbaren Daten der letzten fünf Jahre beinhaltete, weit weniger BPA durch die Nahrung aufgenommen werde, als selbst der neue Höchstwert erlaubt. Außerdem schlussfolgerte das Gremium, dass Berichte über die Wirkung von niedrigen BPA-Dosen auf das Hormonsystem von Nagetieren nicht auf Menschen übertragbar sei.

Das Bundesinstitut für Risikoberwertung (BfR) in Berlin äußert sich ähnlich, fügt aber am Schluss seiner Stellungnahme an, dass es ein Verbot für den Einsatz von Bisphenol A aus zwei Gründen selbst dann nicht aussprechen könnte, wenn es das wissenschaftlich für nötig hielte, weil es nur den Auftrag habe Risiken zu bewerten.

BPA-Moleküle werden als robuste und vielseitige Polykarbonat sowohl für die Herstellung von Autoteilen, Brillengläser, DVDs, Babyflaschen, Mikrowellengeschirr oder Lebensmittelverpackungen verwendet. Außerdem wird BPA bei der Herstellung von Epoxidphenolharzen eingesetzt, die als Innenbeschichtungen für Konservendosen und Metalldeckel sowie Beschichtungen für Wasserspeichertanks und Weinfässer dienen. Beim Erwärmen oder unter Einwirkung säurehaltiger Stoffe können sich Moleküle herauslösen und in Lebensmittel oder in die Umwelt gelangen.

Nun vermuten amerikanische Wissenschaftler, dass die wachsende Zahl übergewichtiger Menschen in den Industrienationen nicht allein durch persönliches Fehlverhalten der Betroffenen wächst, sondern u. a. eine zivilisatorische Vergiftungserscheinung sei, die beispielsweise durch Chemikalien ausgelöst werden kann. Frederick vom Saal, Neurobiologen von der University of Missouri, sprach Mitte Februar auf der Jahrestagung der Amerikanischen Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften (AAAS) in San Francisco über den Einfluss von fremden hormonartigen Substanzen auf das Körpergewicht. Und er geht davon aus, dass ausgerechnet die Substanz Bisphenol A, die bekanntlich im Organismus ähnlich wie das weibliche Geschlechtshormon Östrogen wirkt, bereits in kleinen Dosen die Gewichtszunahme fördert: Frauen mit hohen Bisphenolkonzentrationen im Blut sind im Schnitt schwerer als Frauen mit niedrigen Werten. Kinder von stark BPA-belasteten Frauen werden dicker als die von unbelasteten.


Artikel vom 06.09.2007
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