Ernährungs- & Warenkunde
Keine Entwarnung beim Acrylamid
BfR bestätigt dringenden Handlungsbedarf / Verbraucherschützer fordern Farbskala
Berlin (kke). Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) weist in seinem jüngst veröffentlichten Jahresbericht2004 weiterhin auf ein „großes gesundheitliches Risiko für den Verbraucher“ durch Acrylamid hin. Die Bundesbehörde mahnt eine „rasche Lösung“ an und fordert die Absenkung des Acrylamid-Gehalts in Lebensmitteln. Flankierend fordern Verbraucherschützer härtete Maßnahmen von Seiten der Regierung.
So würden andere Länder bereits viel schärfer gegen belastete Lebensmittel vorgehen. Schweizer Behörden etwa nahmen Anfang September einen Getreideriegel von Milupa vom Markt, weil der Acrylamidgehalt des Produkts weit über dem offiziellen Signalwert lag.
Im US-amerikanischen Kalifornien sollen Kartoffelchips und Pommes frites künftig mit einem Warnhinweis versehen werden. Justizminister Lockyer erhob Klage gegen sieben Fast-Food-Ketten, die er auf diese Weise zwingen will, vor Acrylamid in ihren Produkten zu warnen. Auch für Deutschland fordert die Verbraucherschutzorganisation Foodwatch eine produktbezogene Kennzeichnung auf der Verpackung.
Mit Hilfe einer Vergleichsskala von dunkelrot für hohe bis grün für niedrige Werte sollten die Produkte je nach ihrer Acrylamid-Belastung eingestuft werden. Die Verbraucherschützer glauben, dass durch die Kennzeichnung der marktwirtschaftliche Druck auf die Erzeuger steige, ihre Produkte zu verbessern.
Das scheint dringend geboten, denn die Belastung der Menschen mit Acrylamid hat sich in Deutschland noch immer nicht verringert. Das vor drei Jahren von der Bundesregierung ins Leben gerufene Minimierungsprogramm für die krebserregende Chemikalie Acrylamid ist, so das ARD-Magazin „Plusminus“ offensichtlich gescheitert. Möglichkeiten zur Verringerung von Acrylamid in Fritten, Chips und anderen Lebensmitteln würden noch immer nicht von allen Herstellern genutzt. Einige Chipssorten seien heute noch 30 mal höher belastet, als andere und bei Kartoffelpuffern, Keksen aus Mürbeteig, Cornflakes und Müsli, Knäckebrot und löslichem Kaffee habe sogar die durchschnittliche Belastung mit Acrylamid seit 2003 wieder zugenommen.
Ein Hinweis auf ein Scheitern des Minimierungsprogramms sei auch eine neue Studie, die Prof. Jürgen Angerer von der Uni Erlangen im Auftrag des Bayerischen Gesundheitsministeriums durchgeführt habe. „Wir haben eine große repräsentative Gruppe von Personen, etwa 1000 Personen in Bayern untersucht und stellen fest, dass offensichtlich die Acrylamidaufnahme der Allgemeinbevölkerung in den letzten Jahren nicht abgenommen hat. Dies deutet aus unserer Sicht darauf hin, dass die Minimierungsstrategie der Bundesregierung bisher offensichtlich nicht den gewünschten Erfolg hatte.“
Gleichzeitig haben sich, so das ARD-Wirtschaftsmagazin, die Hinweise auf eine krebsauslösende Wirkung von Acrylamid bei Menschen weiterhin verdichtet. So hätten neuere Untersuchungen ergeben, dass im menschlichen Organismus die gleichen Abbauprodukte entstünden, die man bei Versuchstieren für die krebsauslösende Wirkung verantwortlich mache. Im Tierversuch löst die Substanz Krebs aus und schädigt Erbgut wie Nerven. Die von der Bundesregierung beauftragten Gesundheitsexperten nehmen an, dass in Deutschland jährlich 10.000 Krebsneuerkrankungen durch den Verzehr von Acrylamid verursacht werden.
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