Unternehmensführung
Energie-Checker treten auf die Kostenbremse
EU-Projekt zur Reduzierung der Energiekosten: Umweltberater kommen in Bäckereibetriebe / Verbesserungsvorschläge umfassen 3 Ebenen
Leipzig (ad). Gleich neun Besucher machten Meisterfrau Antje Perduß vor wenigen Tagen in der Backstube des Familienbetriebes ihre Aufwartung. Bei den Männern, die buchstäblich in jeden Winkel des Betriebes spähten, handelte es sich um willkommene Gäste: So genannte Energie-Checker schauten sich das Unternehmen an, um Vorschläge für die Reduzierung der Energiekosten zu machen.
Bei der Aktion „Energie-Check für Handwerksbetriebe“ handelt es sich um ein Projekt, das im Rahmen des Programmes „Intelligente Energie für Europa“ durch die EU gefördert wird. Ziel des Projektes ist es, einen einfach zu handhabenden, europaweit standardisierten Energie-Check für kleine und mittelständische Unternehmen zu entwickeln. Die Besonderheit der Aktion liegt in ihrer europaweiten Ausrichtung. So wird in Griechenland der Check für Ziegeleien, Fensterbauer und Farbenhersteller erarbeitet, in Spanien der für Fleischer, während in Bulgarien die Tischler im Fokus stehen. Irische Energie-Checker nehmen in ihrem Heimatland kleine Lebensmittelproduzenten unter die Lupe. In Deutschland wird hingegen der Energie-Check für das Bäckerhandwerk erarbeitet. Nach Abschluss des Vorhabens werden die gewonnenen Erkenntnisse europaweit zusammengeführt und genutzt.
Neutrale Beratung mit dabei
Insgesamt 300 Unternehmen sollen während der zurzeit laufenden Pilotphase durch die Energie-Checker überprüft und auf Reserven „abgeklopft“ werden. „Wir wollen durch unsere Arbeit dazu beitragen, in den Bäckereien den Energieverbrauch und damit die Kohlendioxidemissionen zu senken“, macht Projektmanagerin Maren Kornmann das Anliegen ihrer Arbeit deutlich. „Durch die Kostenreduzierung soll zugleich die Wettbewerbsfähigkeit der untersuchten Betriebe gestärkt werden.“
Bei den Energie-Checkern handelt es sich um Elektriker, Klimatechniker und andere Handwerker, die bereits eine Weiterbildung als Energieberater absolviert haben. Um sie für ihren Einsatz in den Bäckereien fit zu machen, absolvieren sie einen 25-stündigen Zusatzlehrgang, in dem sie Besonderheiten des Bäckerhandwerks und die Arbeit mit einem speziell entwickelten Software-Tool kennen lernen. „Die Besonderheit liegt darin, dass hier Handwerker zu Handwerkern kommen, um sie zu beraten“, betont Maren Kornmann. „Auf diese Weise ist sichergestellt, dass sie die gleiche Sprache sprechen.“
Als wesentliches Plus wertet Energieberater Sven Börjesson vom Umweltzentrum der Handwerkskammer zu Leipzig, dass die Beratung neutral erfolgt. „Wenn es für den Bäcker von Vorteil ist, können unsere Energie-Checker auch zum Wechsel des Energieträgers raten – ein Mitarbeiter des zuständigen Energieversorgers würde so etwas kaum tun.“ In die Entwicklung des Prüfverfahrens war auch der Landesinnungsverband Saxonia des Bäckerhandwerks Sachsen eingebunden. Dieser habe das Anliegen unterstützt, da der LIV nicht über eigene Energieberater verfügt.
Untersuchung in drei Stufen
Für die Suche nach Einsparmöglichkeiten wenden die Energie-Checker rund zehn Stunden je Betrieb auf. Nach einer eingehenden Besichtigung von Backstube, Büro und Ladengeschäft(en) nehmen sie technische Unterlagen und Energierechnungen unter die Lupe und erarbeiten ein Konzept, das Einsparpotenziale aufzeigt. „Dabei unterscheiden wir in den Bäckereien drei Ebenen“, macht Sven Börjesson deutlich. Ebene 1 umfasst Sparmaßnahmen, die ohne Investitionen genutzt werden können. Hierbei handelt es sich vor allem um die Änderung betrieblich-organisatorischer Abläufe, die zum Beispiel eine verbesserte Ofenauslastung bewirken sollen. Ebene 2 fasst Maßnahmen mit geringem Investitionsbedarf auf. Dazu zählt u.a. der Einsatz von Energiesparlampen. In dritter Instanz fassen die Energie-Checker hochinvestive Maßnahmen zusammen, die bis hin zu dem Rat reichen können, den Backofen auszutauschen.
Kostenbeitrag bis 400 Euro
Während die „Testkandidaten“, die ihre Bäckerei in der Pilotphase unter die Lupe nehmen lassen, die Dienste der Energie-Checker kostenlos nutzen können, sind für die Beratung seit Ende März zwischen 300 und 400 Euro fällig. Angesichts der erwarteten Energieeinsparungen von etwa 10 Prozent seien diese Kosten gut angelegt, betont Börjesson.
Auf den Besuch der Energie-Checker in ihrer Bäckerei hatte sich Meisterfrau Antje Perduß gut vorbereitet. Als Sven Börjesson und seine Mitstreiter eintrafen, lagen bereits Energieabrechnungen, Geräteunterlagen und wirtschaftliche Eckdaten bereit (siehe auch neben stehenden Kasten). Der Familienbetrieb befindet sich seit 75 Jahren an seinem Standort in der Leipziger Scharnhorststraße. „Wir produzieren auf 110 Quadratmetern, haben drei Filialen und insgesamt 12 Mitarbeiter. Der Jahresumsatz liegt bei rund 470.000 Euro“, erläuterte Antje Perduß. Die Kostenreduzierung sei für den Betrieb wichtig, da durch den Strukturwandel im unmittelbaren Einzugsbereich des Hauptgeschäftes ein Umsatzrückgang zu verzeichnen war, den die beiden Filialen nur mit Mühe kompensieren können.
Betriebsabläufe unter der Lupe
Zugleich machte die Meisterfrau eine Besonderheit des Betriebes deutlich: Da sich die Bäckerei in einem Leipziger Fernwärmevorranggebiet befindet, war sie praktisch der einzige Erdgaskunde. Die Leipziger Stadtwerke stellten aus diesem Grund die Belieferung mit diesem Energieträger ein, sodass der Familienbetrieb kräftig investieren und die beiden Öfen – einen Etagen- und einen Stikkenofen – auf Flüssiggas umstellen musste.
Die Abwärme der Öfen wird bisher per Lüftung ungenutzt ins Freie entlassen. In ihren Vorschlägen rieten die Energie-Checker deshalb zum Einbau einer Anlage zur Wärmerückgewinnung für die Warmwasserbereitung und wiesen auf die Möglichkeit hin, durch ein kleines Blockheizkraftwerk kostengünstig elektrischen Strom und Wärme für die Gebäudeheizung zu erzeugen. Ob sich diese Vorschläge realisieren lassen, hängt neben den finanziellen Möglichkeiten der Bäckerei auch von der Zustimmung des Vermieters ab: „Da wir hier zur Miete sind, haben wir auch unsere Pläne für den Einsatz von Solartechnik zurückgestellt“, berichtet die Meisterfrau.
Eingehend erkundigten sich die Energie-Checker nach den Abläufen in der Backstube. „Wir legen Wert auf hohe Auslastung unserer Backfläche“, sagte Antje Perduß. „Allerdings lassen sich manche Abläufe nicht anders gestalten.“ Da die Bäckerei einen hohen Anteil Natursauerteigbrot herstellt, hat dieses sensible Produkt großen Einfluss auf die Belegung des Stikkenofens. Bei den Spezialbroten setzt die Bäckerei Perduß hingegen auf die Unterbruch-Backmethode. Auf diese Weise werden die Brote vorgebacken, wenn der Ofen ohnehin auf Temperatur ist und später bei Bedarf kurzfristig und energiegünstig abgebacken.
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