Aus- & Weiterbildung

Die Zinshöhe ist vom Wohnort abhängig

Mit einer undurchsichtigen Punktevergabe werden alle Lebensbereiche rund ums „Zahlen“ bewertet / Personen werden in Klassen eingeteilt


Stuttgart (dk). Beurteilung der Kreditwürdigkeit oder Rating – das betrifft doch nur den unternehmerischen Bereich oder beim Hauskauf, so die allgemeine Meinung in der Bevölkerung. Dass es aber auch schon längst ein bestens ausgeklügeltes System zur Überprüfung der privaten Liquidität gibt, überraschte alle Zuhörer beim Referat „Banken-Scoring“. Denn der gläserne Bürger ist schon da, so der Betriebsberater des Landesinnungsverbandes Württemberg, Dipl. Kaufmann Franz E. Kunkel, bei der Jahreshauptversammlung des Bäckerfachvereins Stuttgart.

Legaler Zugriff auf Daten

Mit dem Scoring-System haben Banken und über Datenhändler auch andere Wirtschaftszweige ganz legal Zugriff auf intime personenbezogenen Daten, die über Zinshöhe und allgemeine Kreditwürdigkeit entscheiden.

Hier ist nicht nur das Darlehen der Bank gemeint. Die Bewertung der allgemeinen Kreditwürdigkeit erfasst alle Lebensbereiche – vom Autokauf, Telefonvertrag oder Versandhandel, Versicherungen und Mietvertrag, kurz alles, was irgendwie mit der persönlichen Zahlungsfähigkeit und -willigkeit zu tun hat.

Der Begriff „Scoring“ kommt vom englischen Wort score (Zählen von Punkten) und meint ein mathematisch technisches Verfahren zur Beurteilung der Kreditwürdigkeit. Dieses Verfahren, das vom Prinzip her ähnlich wie die bekannte ADAC-Pannenstatistik funktioniert, wird von einem Typus, der in ein bestimmtes Raster passt, auf alle ähnlichen Fälle geschlossen.

Bewertet bzw. gewichtet wird nach Punkten und davon abhängig wird man wiederum in Klassen eingeteilt. Bei der persönlichen Bewertung werden beispielsweise nicht nur der Familienstand, Anzahl der Kinder, Alter, Geschlecht, Beruf oder das Beschäftigungsverhältnis und -dauer bewertet. Entscheidend zum persönlichen Punktekonto tragen auch die Verhältnisse am Wohnort, die sogenannte Mikrolage, bei. Dazu gehört die örtliche Arbeitslosen- und Scheidungsquote, die örtlichen durchschnittlichen Lebenshaltungskosten, die Mischung der Wohnbebauung – ob Eigenheime oder Mietskasernen – die regionale Wirtschaftskraft, das Zahlungsverhalten der Bürger am Ort und die örtliche Bevölkerungsstruktur nach Alter, Geschlecht, Einkommen.

Schubladendenken

Diese Daten werden nach einem bestimmten Verfahren zusammengetragen und nach Punkten bewertet. Dabei gilt, je höher die Punktzahl, desto niedriger das Ausfallrisiko, desto niedriger der zu zahlende Zins. Dieses „Schubladendenken“ macht es für den einzelnen unheimlich schwer, sich anders darzustellen, denn er wird am Verhalten einer bestimmten Gruppe gemessen, zu der er zufällig dazu gehört.

Dieses Scoring-Verfahren ist mittlerweile so ausgefeilt, dass hausnummerngenau die persönliche Scoring-Zahl ermittelt werden kann. Wenn der Kunde das Pech hat, in einer Gegend mit hoher Arbeitslosigkeit und schlechtem Zahlungsverhalten zu wohnen, hat er von vorn herein schon mal schlechtere Karten, da sich dies in einem niedrigeren Punktestand ausweist. Und noch einen weiteren Haken hat diese Art der Bonitätsprüfung: Wenn sich nun der Kunde gegen seine Bewertung wehren will und bei dem potenziellen Kreditgeber danach fragt, sinkt automatisch sein Scoring-Wert. Dies geht sogar soweit, dass wenn man nach Art des guten Kaufmanns mehrere Kreditangebote einholt, der Scoring-Wert heruntergestuft wird.

Individuelles Kundenprofil

Doch woher kommen die Daten, die über Wohl und Wehe des Kunden entscheiden? Zum einen werden sie von Marktforschern geliefert. Hier sind bundesweit Firmen tätig, die von über 90 Prozent der deutschen Haushalte jeweils über 400 Einzeldaten zur Verfügung haben. Dies sind dann 50 Mio. Privatadressen mit 10 Mrd. Zusatzinformationen. Aber auch der Staat liefert über seine ausführlich geführten Statistiken genügend Informationen. Und letztendlich liefern die Konsumenten die Daten selbst – beispielsweise durch die Teilnahme an Bonusprogrammen, Gewinnspielen oder Kundenkarten, selbst Kleinanzeigen und Autoannoucen werden ausgeschlachtet. Die Datenhändler verknüpfen die so gewonnenen Informationen mit weiteren statistischen Daten und erstellen hausnummerngenau individuelle Kundenprofile: Wie alt sind die Bewohner? Wohin reisen sie? Bezahlen sie ihre Rechnungen? Und sogar die individuelle Kaufkraft wird bestimmt.

Das Bundesdatenschutzgesetz (BDSG) definiert zwar strenge Auflagen, die Datensammler bestreiten jedoch, dass ihre „Kundenbenotung“ unter das BDSG fällt. Sie berufen sich darauf, dass ihre Vermischung von individuellen und allgemeinen Daten ganz legal sei. Auch aus dem Verbraucherschutzministerium kommt Kritik. In einer Studie zu Scoring-Systemen kommt das Ministerium zwar zum Schluss, dass die Aussage der Scoring-Merkmale fragwürdig für die Bewertung der Kreditwürdigkeit ist, aber letztendlich ist der Staat hier machtlos.

Bei dem Datenhandel sitzt meistens auch die bekanntere Schufa, die Schutzorganisation für allgemeine Kreditsicherung, mit im Boot. Für ihre Partner, die Banken, Kreditkartenunternehmen, Versicherungen, Einzel- und Versandhandel, Telefongesellschaften, Energieversorger und Vermieter verbindet sie die Kundenbenotung der Datenhändler mit ihrem eigenen System.

Über 5000 Vertragspartner und die öffentlichen Schuldnerverzeichnisse der Amtsgerichte liefern die Daten, wobei die positiven und negativen Merkmale gespeichert werden. Insbesondere alle persönlichen Daten, bestehende oder erledigte Kreditverträge, fällige Forderungen und Missbrauch von Giro- oder Kreditkonten stehen den Partnern zur Verfügung. Vor allem auch die Negativmerkmale bleiben mindestens drei Jahre gespeichert, selbst wenn sich diese erledigt haben. Aber im Gegensatz zu den anderen Datenhändlern dürfen von der Schufa keine Angaben über Arbeitgeber, Einkommen oder sonstige Vermögensverhältnisse gesammelt werden.

Schufa-Selbstauskunft

Auch kann man sich bei der Schufa im Wege der Selbstauskunft einen Überblick über die zur eigenen Person vorhandenen Eintragungen verschaffen. Dies ist beim persönlichen Erscheinen auf der Geschäftsstelle kostenlos, geht aber auch online über www.meineschufa.de. Hier wird aber eine Bearbeitungsgebühr von 7,60 Euro verlangt. Im Gegensatz zu Anfragen bei anderen Datenhändlern wirkt sich die Score-Selbstauskunft nicht negativ auf die Gesamtbeurteilung aus. Bei der Selbstauskunft nicht mitgeteilt wird der persönliche Score-Wert, der sich zwischen 0 und 1000 bewegt und bei jeder Anfrage aus den vorhandenen Informationen neu berechnet wird. Da dieser Wert nicht gespeichert wird, besteht nach dem BDSG auch keine Auskunftspflicht.

Einen schwachen Trost gebe es, wenn man als Kunde einen niedrigen Score-Wert habe, so Franz Kunkel abschließend. Ein schlechter Score bedeutet auch weniger Werbezusendungen, da die Unternehmen vermeintlich unattraktive Kunden ausfiltern.

www.meineschufa.de


Artikel vom 24.05.2006
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