Unternehmensführung
Das Delegieren wurde zur Tugend gemacht
Bäckermeister Erich Petershans setzt auf Mitarbeitermotivation und macht sich selbst gerne überflüssig / Aus- und Weiterbildung hat Vorrang
Ludwigsburg (pgö). Im Gegensatz zum althergebrachten Unternehmensmodell, bei dem der Chef für alles und jeden zuständig ist, hat Erich Petershans sich das Delegieren zur Tugend gemacht. Er will bewusst im Betrieb nicht unverzichtbar sein und gibt Führungsaufgaben gerne an seine Mitarbeiter ab. Viele der 65 Mitarbeiter im Hause Petershans sind für ihre Position in Produktion oder Büro eigentlich überqualifiziert.
Trotzdem halten sie seit 20 oder fast 30 Jahren dem Betrieb die Treue. Erich Petershans führt das einerseits auf die faire Behandlung der Mitarbeiter zurück, auf das Angebot einer betrieblichen Altersversorgung und auf das seit 25 Jahren bewährte Entlohnungssystem. Leitende Mitarbeiter in Verkauf und Produktion erhalten eine Effizienzprämie, die dann bezahlt wird, wenn die pro Mitarbeiter und Arbeitsplatz individuell festgelegte Stundenleistung erreicht wird.
Weitere Motivationsfaktoren sind fachliche Schulungen, für deren Besuch die Mitarbeiter viel Zeit zur Verfügung gestellt bekommen.
Mitarbeiter aktiv gefördert
Weiterbildung wird im Hause Petershans nicht nur gefördert, sondern auch aktiv unterstützt. „Wir bezahlen jeden Kurs, den einer machen will“ bestätigt Erich Petershans. Die Angst vieler Kollegen, ihre Mitarbeiter durch externe Kontakte zu anderen Kollegen und Betrieben zu verlieren, teilt er nicht. Auch nicht die Sorge, dass sein Personal durch wachsende Qualifikation an Arbeitsplatzwechsel denken oder sich beruflich verändern könnte. Er kennt keine Berührungsängste und vermittelt sogar immer wieder Besichtigungen von Kollegenbetrieben für seine leitenden Mitarbeiter. Auch Messen, wie die Bio-Fach und die Südback, werden gemeinsam besucht, um dort zu lernen, Kontakte zu knüpfen und Anregungen für den heimischen Arbeitsalltag zu gewinnen. Eigene Ideen, Verbesserungsvorschläge und Ablaufoptimierungen werden im Hause Petershans nicht nur gefördert, sondern auch honoriert. Es gibt dafür Geschenke, Geldpräsente oder Gutscheine für den Besuch von Fortbildungsveranstaltungen.
Devise: „fünf müssen raus“
Um sein Personal optimal führen zu können, hat Erich Petershans eine Ausbildung als Verkaufstrainer gemacht. Lange Jahre hat er dieses Wissen genützt, um sein Verkaufsteam im 4-Wochenabstand selbst zu schulen. Ein Mal im Monat ist in der Bäckerei Petershans eine Meister-Besprechung angesetzt, an der alle Büroangestellten und die Verkaufsmitarbeiter teilnehmen.
Diese Besprechungen dienen auch der Sortimentsbereinigung. Die Devise lautet: „fünf müssen raus“, gemeint sind damit fünf Artikel, die nicht den geforderten Abverkauf haben, werden aus dem Sortiment gestrichen. Zwei der fünf „Penner“ können auf Wunsch des Verkaufsteams wieder in das Sortiment aufgenommen werden. Dieses Vetorecht ist den Verkäuferinnen ausdrücklich eingeräumt, da sie „das Sprachrohr des Kunden in der Backstube“ sind. Die Verkaufsteams der Filialen kennen ihre Stammkunden, ihre Wünsche und Vorlieben und votieren immer wieder für bestimmte Produkte, um ihre Kunden nicht zu enttäuschen.
Damit bleiben manche Artikel, „selbst wider die Vernunft, im Sortiment und tragen zur Kundenzufriedenheit und Kundenbindung bei“.
Ausbildung als Verpflichtung
Unter den 65 Mitarbeitern des Hauses befinden sich immer eine Reihe Auszubildende. In diesem Jahr wurden drei Verkäuferinnen-, eine Konditorin- und drei Bäcker-Azubis neu eingestellt. Insgesamt werden momentan 10 Auszubildende beschäftigt. Ein im eigenen Haus ausgebildeter Geselle befindet sich gerade auf der Schule und wird bereits mit dem Meisterbrief in Händen freudig an seinem neuen Arbeitsplatz als frisch gebackener Meister zurück erwartet.
Bei der Einstellung der Azubis werden gerne Realschüler, aber auch ganz bewusst lernschwache Hauptschüler, gewählt. „Ich sehe darin eine soziale Verpflichtung“ unterstreicht Erich Petershans und bestätigt, dass er die Investition in einen „schwachen“ Azubi noch selten bereut hat. Für wichtig erachtet er den guten und direkten Kontakt zur Schule und die interne Förderung der Jugendlichen im Betrieb.
Praktisch ausgebildet werden die Jugendlichen von entsprechend qualifizierten Mitarbeitern im Büro, beziehungsweise von drei Bäckermeistern und einem Konditormeister. Die Ausbilder haben das Sagen, wenn es um die Einstellungsentscheidung für die neuen Azubis geht.
Das ist sinnvoll, unterstreicht Erich Petershans, denn schließlich sind sie es, die im betrieblichen Alltag mit dem Nachwuchs zurecht kommen müssen. Sich selbst sieht Erich Petershans mittlerweile als großenteils verzichtbar in seinem Unternehmen.
Die qualifizierte Führungsmannschaft hat das Ruder fest in der Hand und kann den betrieblichen Alltag auch ohne ständige Präsenz des Chefs bewältigen. Deshalb wundert es niemanden, wenn der Betriebsinhaber nicht bei Morgengrauen in Berufskleidung in der Backstube steht, sondern gegen neun Uhr im Anzug im Büro erscheint.
Entwickeln von Konzepten
Für falsch hält es Erich Petershans, wenn der Inhaber eines Betriebes seiner Größe glaubt, alle Fäden alleine in der Hand haben zu müssen. Damit ist eine einzelne Person nicht nur überfordert, sondern auch für die eigentlichen unternehmerischen Aufgaben blockiert. Zu diesen gehört die Pflege von Kontakte, das Entwickeln von Strategien und das Finden von Ideen und Konzepten.
Erich Petershans verteilt deshalb nicht nur die Pflichten und Lasten, sondern auch die Verantwortung auf mehrere Schultern. Seine eigene Rolle im Unternehmen definiert er vor allem als koordinierend und repräsentierend. Damit ist seine Anwesenheit, wenn auch nur bedingt, verzichtbar und einem ausgiebigen Jahresurlaub des Chefs steht nichts im Wege.
Informationen:
www.petershans.de
Weitere Nachrichten aus Praxis vom 21.10.2005:
Adressen rund um Hygiene
Technologie in Detmold
Clever fahren – 25 Prozent Sprit sparen
Trinkjoghurt wird immer beliebter
Tücher monatlich waschen
Anschriften von Veranstaltern
Seminare Oktober bis Dezember 2005
Mit dem „Flechtwagen“ flechten lernen
Die Reinheit der Rohstoffe ist oberstes Gebot
Daten & Fakten


RSS

Zur Bildergalerie "Backkongress 2011"