Aus- & Weiterbildung
Bewerbermangel offensiv angehen
Lehrlingswartetagung des LIV Saxonia: Trotz sinkender Zahlen auf Qualität achten / Schulen sensibilisieren
Dresden (ad). Die Ergebnisse der Zwischenprüfungen bei den Bäckerlehrlingen und der Rückgang der Zahl der Schulabgänger waren zwei Schwerpunkte der Lehrlingswartetagung des LIV Saxonia des Bäckerhandwerks, die Ende März in Dresden stattfand.
Matthias Brade, der Vorsitzende des Berufsbildungsausschusses des LIV Saxonia, sagte für die kommenden Jahre einen drastischen Rückgang der Zahl der Bewerber für eine Berufsausbildung im Handwerk voraus. „Wir müssen von einer Halbierung ausgehen“, machte er bei der Lehrlingswartetagung deutlich.
Matthias Brade geht aus diesem Grund in die Offensive und führt mit den Schülern einer Riesaer Mittelschule Bewerbungstrainings durch. Dabei stellte er fest, dass den jungen Leuten der Bezug zur Wirtschaft weitestgehend fehlt. „Um die Lehrer für unsere Arbeit zu sensibilisieren, will ich die Lehrer dieser Schule für einige Tage in die Produktion holen.“
Seinen Meisterkollegen empfahl Brade, trotz sinkender Bewerberzahlen auf Qualität zu achten. „Stellt nicht jeden ein, zur Not muss eine Lehrstelle eben unbesetzt bleiben“, sagte er. Lutz Krumme, der Leiter der sächsischen Bäckerfachschule, riet den Meistern zur rechtzeitigen Bewerbersuche. „Viele Betriebe beginnen damit zu spät, dann sind die besten Jugendlichen schon weg“, warnte Krumme.
Engagement zahlt sich aus
Mit den von der Arbeitsagentur in die Bäckereien geschickten Lehrstellenbewerbern habe er zumeist schlechte Erfahrungen gemacht, räumte Matthias Brade ein. „Das Amt schickt zuerst diejenigen, die dort am längsten registriert sind und kümmert sich kaum um den Bedarf der Bäcker“, beklagte Brade. Bewährt hätte sich hingegen das Engagement im Rahmen der „Woche der offenen Unternehmen“. Die Teilnahme an dieser Aktion habe ihm den Besuch von 30 recht interessierten jungen Leuten in seinem Betrieb beschert. Von Vorteil seien auch die Ausbildungsbörsen der Kreishandwerkerschaften. „Dabei findet man Leute mit Interesse am Beruf“, so Brade.
Mit großer Spannung blicken die Lehrlingswarte des LIV Saxonia den Gesellenprüfungen im Sommer des laufenden Jahres entgegen. Die Auswertung der nach der neuen Prüfungsordnung durchgeführten Zwischenprüfungen habe zu einigen Überraschungen geführt, erklärte Matthias Brade. „Ich bilde in meinem Betrieb seit Jahren aus, aber nun ist mir zum ersten Mal ein Lehrling durch die Zwischenprüfung gefallen“, räumte Brade ein.
Durchfallerquote gestiegen
„Die neuen Lernfelder stellen an die Lehrlinge ganzheitliche Anforderungen, die komplexer gewordenen Aufgaben bereiten vielen von ihnen Schwierigkeiten“, betonte Bäckermeister Matthias Graf. Der direkte Bezug zwischen theoretischer und praktischer Prüfung sei eine Herausforderung, die geforderte Herstellung eines verkaufsfähigen Endproduktes von der Planung über die Kalkulation bis hin zur Produktion überfordere so manchen Lehrling. Das wird auch durch den Vergleich der Ergebnisse der praktischen Zwischenprüfung der Jahre 2005 und 2006 deutlich. So ist in den Innungen Meißen und Dresden die durchschnittliche Durchfallerquote von 12,5 auf 33,9 Prozent gestiegen. „Viele unterschätzen ganz einfach den Schwierigkeitsgrad der ihnen gestellten Aufgabe“, beklagt Matthias Graf.
Das bestätigt auch Berufsschullehrerin Hella Helbig. Als traurig schätzte sie ein, dass ein großer Teil der Bäcker in spe nichts über ihre Produkte sagen können. „Hier hängt es in der Ausbildung.“ Den Lehrlingswarten des LIV Saxonia riet sie, die bei den Zwischenprüfungen hergestellten Arbeitsproben der Lehrlinge in den Betrieben eingehend unter die Lupe zu nehmen. „Die jungen Leute brauchen auch mal einen Dämpfer! Bei der Gesellenprüfung wird es dann so richtig interessant. “
Wie interessant es werden kann, können zwei Bäckergesellen in der Innung Meißen schon jetzt berichten. Beide haben ihre Lehre ein halbes Jahr vorfristig abgeschlossen und die Gesellenprüfung mit Erfolg absolviert.
Matthias Graf riet beim Fachgespräch dazu, das Prüfungsgespräch so zu führen, dass der betreffende Lehrling dadurch nicht aus dem „Tritt“ gebracht wird. Als positiv wertete Graf, dass die Prüfungsordnung keine Vorgaben macht, wie das Gespräch in die Note eingehen soll. „Das eröffnet uns einen gewissen Handlungsspielraum“, lobte er. Passiert einem Lehrling bei der praktischen Prüfung ein Fehler und das Brot bleibe zum Beispiel zu lange im Ofen, dann lasse sich gesprächsweise feststellen, ob Unwissenheit oder Unachtsamkeit zum verbrannten Brot geführt haben. „Auf diese Weise kann ein Lehrling, der im Prüfungsstress die richtige Zeit verpasst hat, zwar kein ‚sehr gut’ mehr erzielen, die Prüfung aber noch bestehen.“
Fit für die Gesellenprüfung
Bäckermeistern, die ihren Lehrlingen vor der Gesellenprüfung noch etwas Gutes tun wollen, riet Schulleiter Lutz Krumme zur Teilnahme am eintägigen Seminar „Fit für die Gesellenprüfung“, das in diesem Jahr jeweils am 14. und 15. Mai stattfinden wird. Bei dieser Veranstaltung vermitteln die Bäckermeister Thomas Mittmann und Oliver Lübke den Teilnehmern viele Informationen, schließen Wissenslücken, geben Tipps zum Backen bei verschiedenen Wetterlagen und bieten ihnen zudem die Möglichkeit, die in der Bäckerfachschule vorhandene Technik, insbesondere die Öfen, ohne Prüfungsstress kennen zu lernen.
Landesobermeister Michael Wippler bat seine Kollegen, die jungen Gesellinnen und Gesellen für die Teilnahme an Berufswettbewerben zu sensibilisieren. Landes- und Bundesentscheid seien gute Möglichkeiten, sich zu erproben, sein Können zu verfeinern und das Image des Bäckerhandwerks weiter zu verbessern. „Spätestens im Mai wird das Programm für den Bundesentscheid fertig sein“, sagt Wippler. „Wir sollten unser Programm für den Landeswettbewerb daran ausrichten, um unsere jungen Leuten gut auf Weinheim vorzubereiten.“
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