Verkauf

Kerniges für Diabetiker

In der gesunden Ernährung von Diabetikern sollen Brot und Backwaren einen festen Platz einnehmen.


Von Barbara Krieger-Mettbach

Gibt es bei Ihnen Diätbrot?“, fragt eine ältere Kundin leise. Die Verkäuferin denkt nach, zögert. „Für welche Diät brauchen Sie es denn?“ „Ich bin zuckerkrank. Darf ich überhaupt normales Brot essen? Man muss doch BE berechnen, oder?“ Die Verkäuferin zuckt die Achseln. „Spezielles Diätbrot haben wir nicht. Fragen Sie doch bitte ihren Arzt, was Sie stattdessen essen dürfen.“ Eine Szene, wie sie im Alltag viel zu oft vorkommt: Nicht informierte Diabetikerin trifft auf ahnungslose Verkäuferin. Wäre Letztere geschult gewesen, hätte sie der Kundin aktiv Vollkornbrot, dunkle Mehrkornbrote oder Roggen-Sauerteigbrot empfohlen. Weltweit steigt die Zahl der Diabetiker. Angesichts dessen lohnt es sich für Bäcker und Verkaufspersonal, sich über den Diabetes mellitus, wie Mediziner die Zuckerkrankheit nennen, zu informieren. Eine positive, sichere Produktempfehlung fördert das Vertrauen der Kunden in Bäckerei, Backwaren und Beratung.

Strenge Diäten sind passé

Vorbei sind die Zeiten, in denen Diabetiker sechsmal täglich essen und auf Zucker komplett verzichten mussten. Ausgewogene, gesunde Ernährung lautet die aktuelle Diätempfehlung. Drei bis fünf Mahlzeiten täglich reichen aus. Weitere Säulen der Therapie sind Bewegung und eine individuell angepasste Medikation. Diese richtet sich primär nach der Art des Diabetes: Typ1 oder Typ2. Im Zentrum steht das Insulin, ein Hormon aus der Bauchspeicheldrüse. Es wird benötigt, um den Zucker aus dem Blut in die Zellen einzuschleusen. Anders formuliert: Insulin senkt den Blutzucker. Der Typ 1 Diabetiker produziert kein Insulin. Er muss es spritzen. Dieser Typ erkrankt meist in jüngeren Jahren. Die Diabetes tritt schnell und massiv auf. Betroffene werden intensiv geschult, um Insulin und Kohlenhydrate (Zucker, Stärke) im Alltag aufeinander abzustimmen. Zur Berechnung verwenden sie die Broteinheit (BE). Eine BE entspricht 12Gramm verdauliche Kohlenhydrate. Brot, Reis, Nudeln, Kartoffeln, zuckerhaltige Lebensmittel, Hülsenfrüchte und Milch enthalten Zucker oder Stärke. Fisch, Fleisch, Eier, Käse, Fette und Öle sowie die meisten Gemüsesorten gelten als BE-frei.

Beim Einkauf in der Bäckerei fragen Typ 1-Diabetiker nicht nach. Sie sind informiert. Beratung braucht der Typ2. Rund 90Prozent aller Diabetiker gehören zu diesem Typ. Die meisten sind älter als 40Jahre. Bei mehr als neun von zehn Erkrankten liegt Übergewicht vor. Diese Diabetiker produzieren zwar Insulin, das Körperfett jedoch reduziert dessen Wirksamkeit. Anfänglich besteht die Therapie meist aus Gewichtsreduktion und Tabletten, später ist oft zusätzlich Insulin erforderlich. Brote mit einem hohen Vollkorn- und Saatenanteil unterstützen das Abnehmen. Sie sind reich an Ballaststoffen und sättigen lange. Brot enthält Stärke, die im Verdauungstrakt zu Traubenzucker abgebaut wird. Ballaststoffe und Fette verzögern den Abbau. So steigt der Blutzucker mäßig, und es wird wenig Insulin benötigt. Diabetiker, die kein Insulin spritzen, müssen keine BE berechnen.

Trendthema Low-Carb

Bereits fünf bis zehn Kilo dauerhaft abgespeckt verbessert die Blutzuckereinstellung bei übergewichtigen Typ 2-Diabetikern. Die Empfehlung, Brote mit Vollkorn und Saaten statt Weißbrot zu bevorzugen, lässt sich einfach realisieren. Doch allein der Austausch reduziert keine Pfunde. Diese Erfahrung teilen Diabetiker mit anderen Übergewichtigen. Bei ihrer Suche nach einer erfolgreichen Abspeckmethode stoßen sie auf sogenannte Low-Carb-Diäten. Bekannte Beispiele: Glyx-Diät, Logi-Methode, Schlank im Schlaf. Alle Konzepte basieren auf der Tatsache, dass der Verzehr von Kohlenhydraten eine Insulinausschüttung nach sich zieht. Je einfacher die Kohlenhydrate, desto mehr Insulin bildet die Bauchspeicheldrüse. Insulin senkt den Blutzucker, aber fördert auch den Appetit und hemmt die Fettverbrennung. Um den Insulinspiegel im Blut niedrig zu halten, enthalten Low-Carb-Diäten wenig Kohlenhydrate. Diese bestehen aus komplexen Verbindungen wie Vollkorn, Obst, Gemüse. Auf den ersten Blick scheint es vor allem bei Diabetes mellitus sinnvoll, genau den Nährstoff zu reduzieren, der einen Blutzuckeranstieg bewirkt. Eine starke Reduktion von Kohlenhydraten jedoch erhöht unweigerlich die Mehraufnahme von Eiweiß. Anders gesagt: Wenn das Brot zu dünn ist, wird mehr magerer Schinken oder Käse daraufgelegt. Weil eine hohe Eiweißzufuhr die durch Diabetes ohnehin stark beanspruchten Nieren zusätzlich belastet, sollten Diabetiker Eiweiß maßvoll konsumieren.


Abnehmen mit Mischkost

Kohlenhydrate nutzt der Organismus als Brennstoffe. Daraus gewinnt er Wärme- und Bewegungsenergie. Keine Low-Carb-Diät wirkt allein aufgrund der Kohlenhydratreduktion, sondern weil weniger Energie aufgenommen als verbraucht wird. Und nicht jedem schmecken die brotarmen Mahlzeiten. Ideal zum Abnehmen ist eine energiereduzierte Mischkost mit 1200 bis 1500Kilokalorien täglich. Besteht Letztere aus 45Prozent Kohlenhydraten entspricht das rund 170Gramm täglich. Wenn aus medizinischer Sicht möglich, werden die auf drei Mahlzeiten verteilt. So könnten zum Frühstück und Abendbrot jeweils 100Gramm Brot, bevorzugt Vollkorn, und mittags 200Gramm Kartoffeln eingeplant werden. Daraus errechnen sich 109Gramm Kohlenhydrate. Die restlichen gut 60Gramm sind enthalten in 250Gramm Apfel, 200Gramm Milch oder Joghurt ohne Frucht und 20 Gramm Zucker.


Artikel vom 19.01.2012
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