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Wie viel Boulangerie verträgt die Bäckerei?

Französische Wirklichkeit: Nur wo „Boulanger“ dransteht, ist in den Produkten echtes Handwerk drin. (Quelle: Archiv /Wolf)+
Französische Wirklichkeit: Nur wo „Boulanger“ dransteht, ist in den Produkten echtes Handwerk drin. (Quelle: Archiv /Wolf)

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Der Zentralverband fordert Namensschutz für den Begriff „Bäckerei“, den es für französische Betriebe längst gibt

Von Reinald Wolf

, Boulanger, – in Frankreich sind die Begriffe Bäcker, und Handwerksbäckerei seit etwa 20 Jahren geschützt. Wesentliche Kriterien: Nur wer alles selbst herstellt und dort produziert, wo die Backwaren auch verkauft werden, darf die oben genannten Bezeichnungen führen. Außerdem darf der „Boulanger“ keine TK-Teiglinge einsetzen – auch keine selbst hergestellten.

Hat diese gesetzliche Regelung geholfen, das in Frankreich vor dem auch dort zunehmenden Konkurrenzkampf zu schützen? „Auf jeden Fall“ sagt Materne Hauk, Präsident der Fédération de la Boulangerie du Bas-Rhin. Rund 33.000 Bäckereien gebe es in Frankreich.

In Berlin gibt‘s

1000 Backshops

Anders als in Deutschland, wo die Zahl der Betriebe jährlich um rund 500 abnimmt. Auch der Zentralverband des Deutschen Bäckerhandwerks (ZV) will daher „Bäckerei“ und „Bäcker“ schützen lassen.

„Selbstverständlich wäre es sinnvoll, den Begriff Bäckerei schützen zu lassen“, sagt Johannes Kamm. Als Geschäftsführer der Bäckerinnung Berlin hat er vor allem auch die schätzungsweise 1000 Backshops der Bundeshauptstadt im Blick, die mehr oder weniger als Bäckereien in Erscheinung treten – und Konkurrenz fürs klassische Bäckerhandwerk sind.

Wunsch nach

klarer Abgrenzung

Da sei eine klare über die Begrifflichkeit absolut nötig – auch im Sinne der Verbrauchererwartung. Denn finde kein Differenzierung statt, lauteten doch die allseits bekannten Botschaften: „Bäcker kann jeder“ und „Bäcker backen nur zugekaufte Teiglinge auf“.

„Das ist schlecht fürs Image und eindeutig geschäftsschädigend“, betont Kamm. Hinzu komme noch der Aspekt der Wettbewerbsverzerrung.

Schließlich habe das Bäckerhandwerk durch die erforderliche Qualifikation und zahlreiche Auflagen deutlich mehr Aufwand und finanzielle Belastungen als „Bäckereien“, die eigentlich nur mit aufgebackenen Teiglingen handeln.

Kriterien für

die Einzigartigkeit

Aber welche Abgrenzungskriterien gibt es, um die „Bäckerei“ im Sinne des Bäckerhandwerks schützen zu lassen? Der Eintrag in die Handwerksrolle könne als entscheidender Aspekt genannt werden. Wichtig seien außerdem, die eigene Teigherstellung und dass nach vorwiegend eigenen Rezepturen selbst gebacken werde. Auch Christa Lutum ist überzeugt, dass der Schutz der „Bäckerei“ sinnvoll wäre. Allerdings gibt die Berliner Bäckermeisterin zu bedenken, dass „wir eigentlich schon zu spät damit am Start sind. Die Franzosen sind uns da um einiges voraus.“

Wobei ihr klar ist, dass diese reine Lehre, bei der sich nur Handwerksbäcker nennen darf, der vor Ort auch produziert, in Deutschland nicht sinnvoll ist. „Wie gehen wir mit den Filialisten um?“ Da müsse man auf einen gemeinsamen Nenner kommen. Klar müsse aber sein: „Wer nur zugekaufte Teiglinge aufbackt, der darf sich nicht Bäckerei nennen.“

Richter erweisen der

Branche einen Bärendienst

Dass es schwierig sein wird, sich den Begriff Bäckerei rechtlich schützen zu lassen, da sind sich die Kollegen auch mit Hinweis auf eine Entscheidung des Landgerichts Wuppertal vom Mai 2013 einig, das keinen Wettbewerbsverstoß darin sieht, wenn Backwaren in einer sogenannten „Bäckerei“ nur aufgebacken werden. Lapidare Begründung: Verbraucher erwarteten nicht mehr, dass Bäcker auch tatsächlich die Backwaren noch selbst herstellen.

Das wiederum sei gerade ein weiterer Grund dafür, dem Bäckerhandwerk durch den Schutz der „Bäckerei“ zu einem Markenzeichen gegenüber den Backshops und Discountern zu verhelfen, meint Anke Kähler. „Ich finde es nicht verkehrt, den Begriff Bäcker schützen zu lassen“, sagt die Bäckermeisterin und Vorsitzende des Vereins „Die Freien Bäcker“.

Handwerk mit

Convenience und TK

„In eine Bäckerei gehört ein gelernter Bäcker, und das sollte schon in der Firmenbezeichnung klar werden“, sagt sie.

Dass der Zentralverband Probleme hat, klare Abgrenzungskriterien für alle Mitgliedsbetriebe zu definieren, ist Kähler bewusst.

Schließlich arbeiteten auch viele Handwerksbäcker – anders als die rund 40 Mitglieder ihres Vereins – mit zugekauften Convenience-Produkten, auch mit TK-Backwaren.

Kähler ist skeptisch, ob es der Zentralverband schafft, den Begriff Bäckerei schützen zu lassen. Aber sie sieht in der Diskussion eine Chance fürs Bäckerhandwerk, sich gegebenenfalls neu aufzustellen.


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