ABZ - Das Fachportal für Bäcker

Themenkanal Recht & Steuern

Wenn der Eintrag in die Handwerksrolle die Justiz beschäftigt

Weitere Artikel zu


Umtriebige Geschäftsleute bringen Back- und Konditorwaren an den Mann, ohne eine entsprechende Ausbildung zu haben. Das stößt Handwerksmeistern sauer auf

Von Dorothee Hoenig

Zwei Fälle gab es in jüngster Zeit, in denen das Thema Eintrag in die Thema vor Gericht war. Zwei Frauen wurde vorgeworfen, das Konditoreihandwerk auszuüben, ohne in die Handwerksrolle eingetragen zu sein. Die beiden Fälle werfen Fragen auf: Wie zeitgemäß ist der Eintrag in die Handwerksrolle? Und: Schauen Verbraucher beim Kauf tatsächlich nach dem Meisterbrief?

Die Streitfälle

„SugarheART“ ist ein kleines Geschäft im beschaulichen Lübeck. Es bezeichnet sich als „Fachgeschäft für Motivtortenzubehör und Motivtortenkurse“. –„Tortendesign auf Bestellung“ heißt es außerdem auf der Internet-Seite. Und die Torten waren in den vergangene Wochen Stein des Anstoßes, denn die Besitzerin, Sylvia Zenz ist weder gelernte Konditorin noch Bäckerin noch ist sie in eine Handwerksrolle eingetragen. Das Angebot, gegen eine Gebühr von 108 Euro und jährlich 220 Euro mit einer Ausnahmeregelung in die Handwerksrolle eingetragen zu werden, hatte sie abgelehnt. Deshalb hatte das Ordnungsamt ein Bußgeld von 633,50 Euro gegen sie verhängt. Sylvia Zenz wehrte sich und bekam Recht: Ihre Begründung, sie sei Künstlerin, keine Handwerkerin, hatte das Amtsgericht überzeugt.

„Ich teile meinen Laden mit einer Konditorin“, erzählt Sylvia Zenz: „Ich kaufe ihr Torten ab und designe diese.“ Am Anfang waren es drei bis vier Torten in der Woche, jetzt sind es nur noch zwei bis drei im Monat. Es sei eben ein künstlerischer Prozess, der seine Zeit und die passende kreative Stimmung verlange. Für wie zeitgemäß sie den Eintrag in die Handwerksrolle hält? „Das ist mittelalterlich. Eine gute Ausbildung ist wichtig, aber die Bindung an die Handwerkskammer nicht.“ Sie möchte sich nicht schmücken mit einer Berufsausbildung, die sie nicht hat und informiert ihre Kunden darüber: „Die Information, dass ich keinen Meisterbrief habe, muss ich den Kunden fast aufdrängen. Die interessiert das gar nicht.“ Auf der Visitenkarte von Sylvia Zenz steht: „individuelles Tortendesign“. Andere Tortendesigner nennen sich zum Beispiel Catering-Service, sagt sie, und treten in die IHK ein: „Dann haben sie vor der Kammer ihre Ruhe.“

Im zweiten Fall geht es um ein ähnliches Problem. Seit 2014 verkauft Kristina Kolenkovic ohne entsprechende Ausbildung im Internet Kuchen und Torten. Die Handwerkskammer bietet ihr eine Ausnahmebewilligung an, die sie etwa 1100 Euro, dazu jährlich 140 Euro Gebühren kosten würde.

Kristina Kolenkovic ist Franchisenehmerin von „KuchenKlatsch“. Geschäftsführerin des Unternehmens mit Sitz in Hamburg ist Christiane Schollmayer. Schauen Verbraucher beim Kauf nach dem Meisterbrief? „Den Verbraucher interessiert es überhaupt nicht, ob die Torte von einem gebacken wurde oder nicht. Er interessiert sich ausschließlich für Geschmack und Qualität“, sagt Christiane Schollmayer. Auch ihr ist Transparenz wichtig. Auf der KuchenKlatsch-Internet-Seite steht: „Wir backen aus Liebe & Leidenschaft und sind keine Mitglieder der Handwerkskammer, keine gelernten Konditoren oder Meister.“

Christiane Schollmayer sagt: „Ich habe nichts gegen den Beruf, sondern gegen den Meisterzwang und den Pflichteintrag in die Handwerksrolle.“ Die Meisterpflicht sei überholt und außerdem bremse sie viele gute Gesellen aus, die nicht genug Geld hätten, um ihren Meister zu machen und in die Selbstständigkeit zu gehen. Und: „Warum ein Meisterbrief? In Hotels und Restaurants ist das auch nicht nötig. Ich könnte ein Sushi-Restaurant aufmachen, darf aber keine Torten verkaufen.“

Das sagen Konditoren

„Der Kunde schaut nach dem Meisterbrief und will eine fachkundige Beratung“, sagt dagegen der Obermeister der schleswig-holsteinischen Konditoren, Peter Czudaj: „Wir sind für die Lebensmittelsicherheit verantwortlich, müssen zum Beispiel Allergene ausweisen und uns mit Unverträglichkeiten auskennen. Das muss man lernen, das geht nicht so nebenbei.“

Peter Czudaj schätzt die Arbeit der Handwerkskammern und des Zentralverbands des Deutschen Handwerks: „Sie vertreten unsere Interessen in Berlin und Brüssel. Ein Einzelner kann da nicht viel ausrichten.“ Auf den Eintrag in die Handwerksrolle zu verzichten, hält der Lübecker Konditormeister für fatal: „Dann macht keiner mehr eine Ausbildung. Viele Länder beneiden uns um unsere gute Ausbildung, nur bei uns zweifelt immer wieder jemand daran.“

Das sagen Bäcker

Der Obermeister der Innung Nord, Martin Martensen, hält die Eintragung in die Handwerksrolle für unbedingt notwendig. Das sichere die Qualität von Ausbildung und Produkten. „Wir gehen schließlich mit Lebensmitteln um.“ Außerdem sollte gleiches Recht für alle gelten. „Wir Bäcker zahlen unsere Beiträge an die Kammer und andere, die auch Backwaren verkaufen, wie Hof-Cafés, machen das nicht.“

„Ich wehre mich dagegen, den Meisterbrief in der jetzigen Form in Frage zu stellen“, sagt er. Die Anforderungen an eine Unternehmensführung seien heute so hoch, dass es sogar sinnvoll wäre, auf den Meister noch einen Betriebswirt zu setzen.

Was meinen Verbraucher?

Oliver Pries aus Lübeck hält an der Handwerksrolle und dem Meisterzwang fest: „In Zeiten von Lebensmittelskandalen und verunsicherten Verbrauchern finde ich den Eintrag in die Handwerksrolle zeitgemäßer denn je. Ich persönlich mache meine Kaufentscheidung nicht nur vom Meisterbrief abhängig, es beruhigt mich aber, wenn der Betrieb meiner Wahl über einen Meister verfügt. Egal ob Konditor, Frisör oder Kfz-Werkstatt.“

Burkhard Bange, Lübeck, ist überzeugt davon, dass die Meisterbriefregelung eigentlich ihren Sinn hat. „Man erwartet eine gewisse Qualität und setzt voraus, dass ein Meister daran seinen Anteil hat“, sagt er. Allerdings sieht er den Bedarf einer Neu-Regulierung, die EU-konform sei. „Da die Meisterprüfung auf europäischer Ebene nicht gesetzlich verpflichtend ist, kann sich jeder EU-Bürger hier in Deutschland selbstständig machen und eine Bäckerei aufmachen.“

Weitere Artikel aus Fokus vom 25.07.2015:

 

Leser-Kommentare zum Artikel (1)

  • Sylvia Zenz, Lübeck 28.07.2015 um 19:10

    Betreff: Lebensmittelsicherheit kurze Anmerkung zu der Argumention der Meister: Selbstverständlich werden wir meisterfreien Betriebe genau so von der Lebsnmittelaufsicht überprüft, wie jeder andere Betrieb, der mit Lebensmitteln arbeitet. ebenso müssen wir, genau wie jeder andere auch, die Allergene und alle sonstigen Zusatzstoffe ausweisen- das hat doch nichts mit dem Meisterzwang zu tun, sondern pbliegt der Aufsicht der Ordnungsbehörden.
    Lebensmittelskandale gab es reichlich- allerdings alle in zugelassenen Betrieben, was die Argumentation von selbst ad absurdum führt.
    zuckersüße Grüße aus Lübeck von Sylvia Zenz