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Vertuschen Kontrollbehörden das Risiko?

Ernte gut, alles gut? In Getreideproben taucht ein Pflanzengift auf. Foto: Fotolia.+
Ernte gut, alles gut? In Getreideproben taucht ein Pflanzengift auf. Foto: Fotolia.

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Glyphosat

Brotgetreide enthält Rückstände des Pflanzenschutzmittels Glyphosat. Mehrere Wissenschaftler warnen vor dem Stoff. Behörden winken ab.

Ist der Einsatz von Glyphosat gefährlich für Mensch und Tier? Tatsache ist: Das Pflanzengift wird in Getreide- und Mehlproben nachgewiesen. Beispiel Nordrhein-Westfalen: Dort sind nach Angaben des Verbraucherschutzministeriums im August vergangenen Jahres 33 Proben untersucht worden – Brot- und Futtergetreide, wie ein Sprecher des Ministeriums gegenüber der ABZ klarstellt. Unter den Proben befanden sich 18 Gersten- und neun Weizenproben. Von den Gerstenproben wiesen vier Glyphosatgehalte zwischen 11 und 18 Milligramm pro Kilogramm (mg/kg) auf. Eine Probe enthielt 23 mg/ kg, 13 waren frei von dem Pestizid. Unter den Weizenstichproben war eine, in der Glyphosat auftauchte; der Wert lag unter 10 mg/kg.

 

Beispiel Niedersachsen: Nach Angaben des Agrarministeriums wurden 2011 bei 136 Lebensmittelproben von Weizenprodukten, Hülsenfrüchten und Spargel in 18 Proben Glyphosat gefunden. Ein Dutzend Proben sei vom Markt genommen, weil die Höchstgrenzen überschritten gewesen seien, berichtet die Nordwest Zeitung. Auch im Grundwasser sei Glyphosat festgestellt worden.

Beispiel Hessen: Glyphosat in Roggenmehl hat der Landwirt Peter Hamel aus Storndorf kürzlich gefunden. Es handelte sich um einen Spurengehalt von 0,06 mg/kg. Die Mehlprobe, sagt Hamel, stammte aus dem Silo einer nahegelegenen Mühle. Untersuchen lassen hat der Landwirt auch Hafer aus der Gegend. Ergebnis: 7 mg/kg.

Fragt sich, was bedeuten solche Werte? Als amtliche Grenzwerte festgelegt sind für Weizen und Roggen 10 mg/kg, für Gerste 20 mg/kg. Das Verbraucherschutzministerium in NRW spricht angesichts der Analyse – nur bei einer Gerstenprobe lag eine Grenzwertüberschreitung vor – von einer „sehr geringen Belastung“. Anders bewertet die Situation Peter Hamel. „Man muss wohl von einer Grundbelastung der gesamten Lebensmittelkette ausgehen“, sagt er. Was die Grenzwerte angeht, gibt er zu bedenken, dass sie ursprünglich bei 0,1 mg/kg lagen. Sie seien mit dem Argument heraufgesetzt worden, dass Glyphosat biologisch schnell abgebaut werde und sich nicht in der Nahrungskette anreichern könne. Doch daran bestehen Zweifel.

Auswirkungen auf Magen- und Darmflora?

Professor Monika Krüger von der Universität Leipzig beobachtet Glyphosat in Urinproben von Rindern und Menschen. Die Gehalte, die sie in menschlichem Urin gemessen hat, reichen von 0,5 bis 2 Nanogramm pro Milliliter (ng/ml). Zum Vergleich, der in Trinkwasser erlaubt Höchstwert beträgt 0,0001 mg/ml.

Krüger stuft Glyphosat als „toxisch“ ein. „Studien zeigen, dass es sich auf die Magen- und Darmflora auswirken kann.“ Untersuchungen ihrer Arbeitsgruppe deuten darauf hin, dass Glyphosat auch mit dem „rätselhaften chronischen Botulismus" zu tun hat – eine Vergiftung, an der bereits Tausende von Rindern verendet sind. Das berichtet der MDR. Krüger schließt nicht aus, dass möglicherweise auch eine Gefährdung für Menschen besteht.

Und Glyphosat ist es nicht alleine, was ihr Kopfzerbrechen bereitet.  Toxisch wirkten auch die sogenannten Tallowamine. Diese werden als Netzmittel in Verbindung mit Glyphosat eingesetzt; sie sorgen dafür, dass das Pestizid seine Wirkung besser entfaltet. „Tallowamine sollen eigentlich seit dem Jahr 2010 nicht mehr verwendet werden, zum Teil werden sie immer noch zugesetzt“, sagt die Wissenschaftlerin.

Dass in Getreideproben Glyphosatgehalte von mehreren mg/kg auftreten, führt sie auf den Wirkungsmechanismus des Pflanzenschutzmittels zurück. „Es gelangt ins Korn. 10, 20 Milligramm – das kann nicht alles oben drauf sein.“

Das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit, das Glyphosat zugelassen hat, sieht offenbar keinen Grund, an seiner Entscheidung zu zweifeln. Im Gegenteil. Bei vorschriftsmäßiger Anwendung sei das Mittel „sicher für Anwender und Verbraucher“, erklärt die Behörde in Braunschweig. Wie kommt die Behörde zu ihrer Einstufung? Laut NDR hat sie sich bei der Zulassung von Glyphosat auf Studien verlassen, die die Agrarindustrie selber verfasst hat. Studien, die sogar „Alarmierendes“ enthalten sollen. Alarmierendes berichtet auch ein argentinischer Wissenschaftler gegenüber dem NDR. Er hat bei Tierversuchen Missbildungen festgestellt. Dass eine Gefahr für Menschen besteht, liegt seiner Auffassung nach auf der Hand.

Nicht so für das Bundesinstitut für Risikobewertung in Berlin (BfR). „Für Glyphosat liegen – unter vorrangiger Berücksichtigung der Richtlinien-konformen Studien an Ratten und Kaninchen – keine überzeugenden Hinweise auf entwicklungstoxische Wirkungen vor“, teilt das BfR mit. Jetzt hat das Institut noch einmal nachlegt. In einer ausführlichen Stellungnahme auf seiner Website greift es die Frage auf, ob „Glyphosat möglicherweise schädliche Auswirkungen auf die Darmflora von Mensch und Tier“ habe.

Das BfR betont, ihm lägen keine Studien vor, „die einen adversen Einfluss von Glyphosat auf Bakterien des Magen-Darm-Traktes belegen“. In Langzeitstudien an Nagern, an Hunden oder aber auch in Fütterungsstudien an Kühen oder Ziegen hätten sich Krankheitssymptome wie Gewichtsverlust, Durchfall oder Erbrechen manifestiert. „Das war aber nicht der Fall“, heißt es. Was Glyphosat in Urin angeht, steht das BfR auf dem Standpunkt: Glyphosatnachweise im Urin von Mensch und Tier seien zu erwarten, „aber unterhalb der zulässigen gesetzlichen Höchstgehalte als gesundheitlich unbedenklich anzusehen“.

Gefährliche Gefälligkeitsgutachter?

Stimmt es, was die Süddeutsche Zeitung (SZ) meldet, erheben sich Zweifel an der Glaubwürdigkeit des BfR. So sollen hochrangige Mitarbeiter in verdächtig enger Verbindung zur Agroindustrie und zu industrienahen Verbänden stehen. Die Süddeutsche Zeitung schreibt von einer "Lobby", die die „Kontrollbehörde unterwandert". Das Blatt beruft sich dabei auf eine Untersuchung der Organisation Testbiotech (Lesen Sie auch: www.testbiotech.de ). Das BfR weist die Vorwürfe gegenüber der SZ entschieden zurück.

Während in die Deutschland Expertenmeinungen aufeinanderprallen, ist es in Argentinien bereits zu einem Prozess gekommen. Wie der Blog „womblog“ berichtet, haben „Angehörige von Opfern der Agrarchemikalie Glyphosat“ zwei Agrarproduzenten und den Piloten eines Sprühflugzeugs verklagt. „Zum ersten Mal wird die Verseuchung von Mensch und Natur durch solche Herbizide vor Gericht ver­han­delt“, zitiert der Blog eine der Klägerinnen. Die Kläger stammen laut „womblog“ aus Itiza­ingó in der zentralar­gentinischen Provinz Córdoba. Dort sollen die Menschen bereits 2001 über Gesundheitsprobleme geklagt haben, die sie auf Sprühnebel zurückführten, der auf nahegelegenen Sojafelder niederging.

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