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Schwieriges Geschäft mit der Bequemlichkeit

Die Zusammenarbeit mit großen Lieferdiensten wie Foodora schildern Bäcker als wenig zielführend. (Quelle: Shutterstock)+
Die Zusammenarbeit mit großen Lieferdiensten wie Foodora schildern Bäcker als wenig zielführend. (Quelle: Shutterstock)

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Bäcker und Delivery: Die Zusammenarbeit mit reinen Brot-Lieferdiensten bringt Umsatz, die mit den Großen meist nur Stress und Ärger

Von Arnulf Ramcke

Das Lieferdienst-Start-up ist derzeit in 36 Städten in Deutschland vertreten. Rund 2600 Kuriere bringen hungrigen Großstädtern das nach Hause, wovon die sich Sättigung versprechen – dazu zählen auch und Snacks.

Dass eine Allianz zwischen radelndem Rucksack-Kurier und trotzdem nicht das Zeug für die große Freundschaft hat, beschreibt Bettina Baumgart so: „Foodora war für uns nicht der optimale Partner“, sagt die Inhaberin der Bäckerei und Konditorei Alof in München. „Der Lieferdienst beginnt erst um 10 Uhr. Das ist für unsere Branche nicht ideal.“ Gefrühstückt wird früher.

Höchst unterschiedliche

Umsatzvorstellungen

Außerdem, so Baumgart, habe Foodora etwas andere Umsatzvorstellungen als die, die eine Bäckerei realistisch leisten könne.

Diese Sichtweise deckt sich mit der eines Kollegen aus Stuttgart, der sich an eine Frau erinnert, „die hier mit einer Excel-Datei reingestöckelt kam und mir erzählte, was ich an zu bringen habe“. Auch dieser Bäcker arbeitet nicht mehr mit dem Lieferdienst zusammen.

Werbung durch den

„Brötchenburschen“

Auch wenn der erste Partner nicht der fürs Leben war, ist Bettina Baumgart dem Thema nicht grundsätzlich abgeneigt: „Der Bedarf an Lieferungen ist bei Büros innerhalb der Woche und bei Privatleuten am Wochenende vorhanden.“ Den zu erfüllen hänge jedoch von der Antwort des Verbrauchers auf die Frage ab, wie viel mehr zu zahlen er bereit ist.

Diese Antwort ist für Michael Lutz unwichtig. Der Inhaber der gleichnamigen Bäckerei und Konditorei in Schwetzingen (Baden-Württemberg) arbeitet mit dem Bringdienst „Brötchenbursche“ zusammen.

„Der ist auf mich zugekommen“, sagt Lutz. Da es sich für ihn nicht rechne, selbst auszufahren, „ist das auf diese Weise ein Geschäft, das man gut mitnehmen kann. Außerdem ist es auch Werbung“.

In der Praxis laufe es so ab, dass der „Brötchenbursche“ ihm abends ein Fax mit der Bestellung schicke. Die Ware, so Lutz weiter, stelle er ab 5Uhr zur Abholung bereit. „Mit dem Verpacken in Tüten haben wir nichts zu tun“, sagt er. „Das macht der Lieferdienst alles selbst.“ Wo der da noch seinen Schnitt mache, wisse er nicht.

„Bäcker geben uns

50 Prozent Rabatt“

Diese Informationslücke kann Jörg Stulga schließen, der den „Brötchenburschen“ 2002 im niedersächsischen Nordhorn gegründet hat: „Die Bäcker geben uns um die 50 Prozent Rabatt“, sagt er. „Beim Preis, den wir dem Kunden für die Backwaren in Rechnung stellen, bleiben wir nahe an den Bäckereipreisen.“ Der Verbraucher zahlt pro Lieferung 99 Cent in der Woche, 1,19Euro an Wochenenden.

Dass das Geschäft trotzdem kein Selbstläufer ist, bedingt die eher bescheidene Akquisequote. Stulga: „Nur jeder fünfte bis zehnte Betrieb steht der Zusammenarbeit mit einem Lieferdienst aufgeschlossen gegenüber.“

„Das ist ein Zusatzgeschäft,

kein Kannibalismus“

Als Gründe dafür würden begrenzte Kapazitäten in der Produktion oder die fehlende Bereitschaft genannt, den „Brötchenburschen“ die Tüten in den Betriebsräumen packen zu lassen. „Außerdem sind Bäcker nicht immer Kaufleute.“

Aber auch die Akzeptanz auf Verbraucherseite befindert sich nach Stulgas Meinung, der nach einer Art Franchise-System mit aktuell 40 Partnern bundesweit zusammenarbeitet, nicht gerade auf einem Steilflug: „Ich schätze, dass ein bis drei Prozent der Haushalte potenzielle Kunden sind“, sagt er – meist Familien mit Eltern ab Mitte 30. Ältere Menschen stünden dem Service eher skeptisch gegenüber.

Mehrere tausend

Backwaren pro Tag

Gesche Greune, Sprecherin vom 1991 gegründeten Branchenprimus „Morgengold“ mit bundesweit rund 100 Standorten, betont, dass sich ein Bäcker mit einem Lieferservice „nicht kannibalisiert, sondern ein Zusatzgeschäft mit Kunden macht, die sonst in der Woche nicht beim ihm einkaufen würden“.

Morgengold, dessen Stuttgarter Zentrale ebenfalls nach dem Franchise-System arbeitet, wisse außerdem von steigenden Kundenzahlen auf Verbraucherseite.

Greune: „Auf Bäckerseite muss das schon ein Betrieb sein, der auch mal mehrere tausend Backwaren am Tag zusätzlich stemmen kann.“ Kleine Betriebe schieden daher meist von Beginn an aus. Wie hoch der Rabatt ist, den Bäcker bei der Zusammenarbeit mit Morgengold geben, wisse sie nicht ganz genau. „So um die 40 bis 50 Prozent kommt aber hin.“

Betriebsberater spricht

von „Ernüchterung“

Die Zusammenarbeit mit Lieferdiensten wie „Morgendgold“ und „Brötchenbursche“ hält auch Ulrich Karcisky für ein probates Mittel „für Umsatz on top“. „Da gibt es fitte Anbieter“, sagt der Gründer und geschäftsführende Gesellschafter der auf Bäckereien spezialisierten Unternehmensberatung Inpraxi.

Die Zusammenarbeit mit den großen Delivery-Diensten hingegen „ist wirtschaftlich ganz schwierig“. Die Erfahrungen mit Amazon fresh seien höchst ernüchternd. „Hinzu kommt, dass aktuell die Bäcker das Retouren-Risiko alleine tragen“, sagt Karcisky. „Die Umsatzentwicklung ist einfach ernüchternd.“


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