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Regionalität ist das Spiel mit Nähe

Eine Nachricht als Versprechen: Hier wird der Zusammenhang zwischen Weizen, Region und Brot deutlich. (Quelle: Archiv)+
Eine Nachricht als Versprechen: Hier wird der Zusammenhang zwischen Weizen, Region und Brot deutlich. (Quelle: Archiv)

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In Ermangelung klarer Vorgaben zur Verwendung des Begriffs spielt die Erwartungshaltung der Verbraucher die entscheidende Rolle

Von Martin Blath, Arnulf Ramcke

und Reinald Wolf

Was ist eigentlich ? „Regional ist für uns, was wir mit dem Fahrrad erreichen können.“ Diese Definition bietet Martin Lorenz als Antwort auf der Homepage seiner Bäckerei im norddeutschen Aurich.

Wobei die einer Radtour entscheidend von thermischen Faktoren wie Winden und biologischen, auch Kondition genannt, beeinflusst wird. Andere verorten eine Region irgendwo zwischen Nachbardorf und Bundesrepublik.

Definitionen und

Standards existieren nicht

Ursache dieser äußerst dehnbaren Distanzauslegung ist eine mangelnde Definition für den Begriff „Regionalität“. Standards? Gibt’s nicht. Gütesiegel? Fehlanzeige. Ist das Mehl von einer 200 Kilometer entfernten Mühle noch regional?

Entscheidend für die Antwort auf solchen Fragen ist die Meinung der Verbraucher. Die hat die Unternehmensberatung A.T. Kearney in einer Studie abgefragt, aus der sich konkrete Orientierungshilfen ergeben. Wie die, dass aus Kundensicht 200 Kilometer schon zu weit sind, um noch als „Region“ akzeptiert zu werden.

47 Prozent der Befragten geben 100 Kilometer als maximale Entfernung zwischen Herkunfts- und Verarbeitungsstandort an, um als regional akzeptiert zu werden.

Kunden wollen Qualität

und Geschmack

Damit kommt der Distanz eine deutlich größere Bedeutung als der Nachhaltigkeit zu: Ob das Getreide biologisch angebaut wird, interessiert laut Studie nur 15 Prozent der Befragten. Es sind zwei andere Faktoren, die über den Kauf von Produkten mit Inhaltsstoffen regionalen Bezugs entscheiden: Geschmack und Qualität.

Das deckt sich mit einer Handlungsempfehlung der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft (DLG). Sie rät dazu, „Regionalität emotional aufzuladen“. Das Thema sei mehr „Bauch- als Kopfsache“.

Es gehe darum, die Sehnsucht von Verbrauchern nach etwas, von dem sie eigentlich gar keine konkrete Vorstellung haben, zu erwecken. Glaubwürdiges Storytelling stelle die beste Wertschöpfungsstrategie dar.

„Ich möchte regionale Bäcker

und Landwirte unterstützen“

Dass Regionalität bei Verbrauchern zunehmend zieht, zeigt die ABZ-Umfrage (Seite 4), und eine Aussage von Kundin Martina Spang (48) aus Berlin: „Regionalität ist unbedingt ein Thema für mich. Allein schon deshalb, weil die Transportwege entfallen, aber auch, weil ich regionale Erzeuger wie Landwirte und Bäcker unterstützen möchte. Allerdings gibt es hier eine klare Grenze: Was über 200 Kilometer hinausgeht, ist in meinen Augen nicht mehr regional.“

Dass Regionalität für Verbraucher „eines der wichtigsten Merkmale beim Lebensmitteleinkauf“ ist, hat auch das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft erkannt. „Deshalb hat es klare Kriterien für eine bundesweite verlässliche und transparente Lebensmittelkennzeichnung erarbeitet: das Regionalfenster“, so das Ministerium auf Anfrage der ABZ.

Freiwillige Kennzeichnung

besteht seit vier Jahren

Eine freiwillige Kennzeichnung sei bereits seit 2014 auf dem Markt. Sie beinhalte die Benennung der Region, der Mindestanteile von wertbestimmenden Inhaltsstoffen und des Verarbeitungsortes. Darüber hinaus seien zusätzliche Herkunftsangaben möglich, wie die des Herstellungsortes von Futtermitteln oder Saatgut.

Regionalfenster gewährt

den Blick auf 4100 Produkte

Mit rund 4100 registrierten Produkten habe sich das Regionalfenster auf dem Markt etabliert, so die politische Einschätzung aus Berlin. Es biete Herstellern die Möglichkeit, „sich von anderen Produkten abzuheben und den Mehrwert ihres Produktes für den Kunden glaubhaft zu belegen“.

Besser und branchenspezifischer funktioniert das naturgemäß in Erzeugergemeinschaft mit regionalen Getreidebauern. Ein Beispiel dafür ist „Albkorn“ mit maximal 50 Kilometern vom Acker zum Bäcker, wie es auf der Homepage der zehn beteiligten Bäcker auf der Alb und im Vorland heißt.

Die Erzeugergemeinschaft setzt seit 22 Jahren auf Nähe und schonende Bewirtschaftung der Getreidefelder. Ein Konzept, das bei den Verbrauchern zunehmend ankomme, stellt Michael Haug fest.

Der Inhaber der gleichnamigen Bäckerei auf der Schwäbischen Alb und Sprecher der Gemeinschaft ist überzeugt: „Das Regionalkonzept trägt maßgeblich zum guten Standing der beteiligten Bäcker in der Region bei.“

Dass dadurch das Mehl etwas teurer als der durchschnittliche Marktpreis ausfalle, spiele keine Rolle. Schließlich gehe es um regionale Qualität. Auch da laute die Maßgabe: „Ohne Input kein Output.“

Kundin zahlt das Vierfache –

„weil es uns das wert ist“

Ganz im Sinne von Kundin Martina Spang: „Wir kaufen nach Möglichkeit regional erzeugte Produkte. Für das Brot, das wir ausschließlich bei unserem Bäcker kaufen, bezahlen wir im Vergleich zum Discounter locker das Vierfache, aber das ist es uns wert.“

Regionalität sichtbar gemacht: Das Getreide vom Feld dieses Landwirts verarbeiten Bäcker im Umkreis von 50 Kilometern.
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