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Ostendorfs Offenbarung

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Was wird aus Müller-Brot? Auf Anfragen der ABZ hat Mehrheitseigner Klaus Ostendorf nicht geantwortet.

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Müller-Brot

Erst verspricht Klaus Ostendorf, das Hygieneproblem bei Müller-Brot anzupacken. Dann meldet der Betrieb Insolvenz an. Wie glaubwürdig ist der Mann?

Stuttgart Normalerweise scheut er die Öffentlichkeit. Der in seinem Betrieb in Neufahrn bewog ihn dazu, Stellung zu nehmen. Im Interview mit der Süddeutschen Zeitung sprach Müller-Brot-Mehrheitseigner und Multimillionär von groben Fehlern, die gemacht worden seien. Fehler, für die er sich in der Verantwortung sieht. Die Versuche, die Schwachstellen in der zu beheben, hätten nicht ausgereicht. „Jetzt packen wir die Sache grundsätzlich an“, sagte Klaus Ostendorf. Wenige Tage später meldete die Großbäckerei an.

Glaubt man Martin Müller, dann sind die hygienischen Zustände in dem Betrieb bewusst in Kauf genommen worden: „Bis es soweit kommt – das braucht Zeit, das braucht Nichthandeln, das war Taktik. Anders schafft man es nicht, dass eine Produktion so verschmutzt“, sagt der Bundesvorsitzende der Lebensmittelkontrolleure. Waren die Lebensmittelkontrolleure nicht hart genug? „Sie haben Bußgeld in Höhe von fast 70.000 Euro verhängt. Sie haben geglaubt, mit diesem milderen Mittel etwas erreichen zu können“, sagt Martin Müller.

Zertifikat: Hohes Hygieneniveau

Die bei den Kontrollen festgestellten Mängel und Bußgelder haben nicht davon abgehalten, sich nach außen als Musterbetrieb darzustellen. In dem von Klaus Ostendorf unterzeichneten Geschäftsbericht für das Jahr 2010 heißt es: In der „modernen Produktionsstätte wird unter strengsten hygienischen Bedingungen gearbeitet, um die vom Gesetzgeber und Kunden geforderte hohe Qualität liefern zu können.“ Und dafür gibt es auch einen Beleg: „Die Müller-Brot GmbH konnte wie in den Vorjahren auch im Geschäftsjahr 2010 die Zertifizierung nach IFS (International Food Standard) auf höchst möglichem Niveau erzielen.“ Auch im Jahr darauf erhielt sie das IFS-Siegel. Erst kurz nach Stilllegung der Produktion wurde es der Bäckerei entzogen.

Wie konnte Müller-Brot dieses Siegel bekommen? Eine Erklärung parat hat eine Hygiene- und Zertifizierungsexpertin, die ihren Namen lieber nicht in der Zeitung lesen möchte. „Entweder hat der Auditor geschlampt, möglicherweise war er fachlich oder persönlich nicht geeignet. Oder es ist ihm nicht alles gezeigt worden im Betrieb“, sagt sie. Das IFS-Management prüft den Fall. Was Müller-Brot passiert sei, sei „seit Bestehen des IFS einmalig“, sagt IFS-Geschäftsführer Stephan Tromp.

In Medien ist mittlerweile auch die Rede davon, dass Müller-Brot möglicherweise Produkte ausgeliefert hat, von denen eine Gesundheitsgefahr ausgegangen ist. Die Staatsanwaltschaft Landshut dagegen betont gegenüber der ABZ, dass es keine hinreichenden Hinweise auf eine Gesundheitsgefährdung gebe. „Wir haben nichts festgestellt in dieser Richtung“, sagt Oberstaatsanwalt Markus Kring. Es gebe keine Basis dafür, den Anfangsverdacht auszuweiten. Gegen wen wird ermittelt? „Auf dem Aktendeckel sind alle vermerkt, die in der formellen Verantwortung stehen“, sagt Kring. Bis jetzt haben die Staatsanwälte fünf Personen im Visier. Unter ihnen laut Medienberichten: Klaus Ostendorf. Die Ermittlungen gegen Müller-Brot erstrecken sich jetzt auch auf den Verdacht einer möglichen Insolvenzverschleppung. Es werden „routinemäßige Vorermittlungen“ durchgeführt, teilt die Staatsanwaltschaft mit (Seite 30).

Wie sich die Geschäftsführung verhalten hat, ist den Mitarbeitern in Neufahrn sauer aufgestoßen. Mustafa Öz von der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten bezeichnet die Vorgehensweise als „menschenverachtend und erbärmlich“. Die Beschäftigten wiege man durch Lug und Trug in Sicherheit, parallel betreibe man das Insolvenzverfahren – „das ist eine Sauerei“, sagt Öz.

Persona non grata?

In der Branche gilt der Müller-Brot-Chef inzwischen anscheinend als persona non grata – unerwünschte Person: „Großbäckereien, die sich bewusst von den hohen Hygienestandards verabschieden, die zu den unabdingbaren Basics unserer Branche gehören, verabschieden sich zugleich aus unserer Wertegemeinschaft“, sagt der Präsident des Verbandes der Großbäckereien, Helmut Klemme. Und Verbandsgeschäftsführer betont: „Wir sorgen uns, dass dieser Einzelfall zum Problem für die ganze Branche wird.“ Wird Müller-Brot vom Verband ausgeschlossen? „Diese Möglichkeit gäbe es, sie ist bis jetzt in den Gremien nicht erörtert worden“, sagt Juncker.

Was ist Klaus Ostendorf für ein Mensch? Brancheninsider beschreiben ihn als gewieften und knallharten Geschäftsmann. „Das ist einer für die großen, strategischen Aufgaben, das kann er extrem gut“, sagt einer, der ihn kennt. „Für Details interessiert er sich weniger.“ Wenn Ostendorf keine guten Mitarbeiter habe, die sich um die wichtigen Details kümmern, könne das „schon problematisch sein.“

Klaus Ostendorfs Werdegang erinnert an die Geschichte vom Tellerwäscher, der es zum Millionär bringt. Angefangen hat Ostendorf als Lkw-Fahrer einer Brotfabrik. Heute gehört neben Müller-Brot etwa auch der österreichische Branchenprimus Ankerbrot zu seinem Imperium. So hart er sich seinen Aufstieg erarbeitet hat – zuweilen zelebriert er ihn auf seine Weise. Dem Vernehmen nach soll er sich die Zigarre schon mal mit einem 1000-Mark-Schein angezündet haben.

Längst dicht: Die ehemalige Produktionsstätte von Müller-Brot in Neufahrn.
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