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Ob einer Azubi wird, entscheidet der Pass

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Ob einer Azubi wird, entscheidet der Pass

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Die Berliner Bäckerei Weichardt möchte einen Brasilianer einstellen. Die Hürden sind hoch.

Wie kann man auch so blauäugig sein“, werden einige sagen, wenn sie die Geschichte von Daniel hören. Daniel stammt aus , hat deutsche Wurzeln und außer dem brasilianischen auch einen amerikanischen Pass. Der 28-Jährige will in Berlin in der Bäckerei Weichardt eine zum Bäcker absolvieren. Was ihm fehlt: eine Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis. Das könnte schon das Ende der Geschichte sein. Aber hier fängt sie erst an.

„Er weiß, was er will“, sagt Yvonne Neumann. Sie ist 2008 in die Geschäftsführung der Demeter-Bäckerei ihrer Eltern Monika und Heinz Weichardt eingestiegen. Außer dem Hauptgeschäft gehören zwei Filialen und ein Hofladen zum Betrieb. Auch auf Wochenmärkten sind die Weichardts anzutreffen. Interesse am Bäckerhandwerk

Die Zielstrebigkeit des jungen Brasilianers gibt für Neumann den Ausschlag. Sie will ihn einstellen. „Er hat uns bewusst ausgesucht, er will bei uns das traditionelle Handwerk lernen, das hat uns beflügelt, ihn zu nehmen“, betont Neumann. Daniel hat die Bio-Bäckerei und Konditorei gegoogelt, er nahm Kontakt auf und via Skype tauschten sie sich aus, bevor sich Daniel auf den Weg nach Berlin machte. Nun ist er hier, spricht bei Ämtern und Behörden vor – und stößt auf Widerstand.

Für Yvonne Neumann jedoch gibt es keinen Zweifel: Er ist der ideale . Er spricht fließend Deutsch, ist gebildet, zeigt ehrliches Interesse am Backhandwerk. Anders als die jungen Leute, die ab und zu bei ihr auftauchen. „Die sagen oft frei heraus, dass sie gar nicht Bäcker werden wollen, aber den Stempel auf der Bescheinigung fürs Arbeitsamt brauchen“, erzählt Neumann. Dass sie Azubis sucht, macht sie auf der Website publik und durch Aushänge in ihren Läden.

Dass Daniel nicht einfach eingestellt werden kann, liegt daran, dass potenzielle Bewerber aus Deutschland und aus der EU bei Stellenbesetzungen von Rechts wegen Vorrang genießen. „Daniel soll einem deutschen Lehrling nicht die Stelle wegnehmen“, so Neumann.

Bäcker suchen händeringend motivierte Nachwuchskräfte. Die Probleme sind bekannt und werden landauf landab diskutiert. In Ländern wie Spanien, Portugal und Griechenland dagegen herrscht hohe Jugendarbeitslosigkeit. Die deutsche Politik forciert Projekte, die helfen sollen, den hiesigen Mangel an geeigneten Azubis durch gezielte Anwerbeaktionen in armen EU-Ländern zu beheben.

Die Hürden, die der junge Mann und die Bäckerei Weichardt überspringen müssen, scheinen hoch zu sein. „Sowohl für Personen mit amerikanischer als auch für Personen mit brasilianischer Staatsbürgerschaft besteht grundsätzlich die Möglichkeit, visumsfrei einzureisen“, heißt es in einer Information der Senatverwaltung für Inneres und Sport in Berlin auf ABZ-Anfrage. Nach Ablauf von 90 Tagen müsse dann spätestens ein Aufenthaltstitel bei der örtlich zuständigen Ausländerbehörde beantragt werden. Dabei könne es durchaus sein, dass jemand nicht grundsätzlich die Voraussetzungen für den jeweils gewünschten Aufenthaltstitel erfüllt beziehungsweise diesen dann auch automatisch erhält. Die Ausländerbehörde rät, das förmliche Einreiseverfahren über die deutsche Botschaft im Heimatland zu betreiben. Im Fall Daniel und Bäckerei Weichardt bedürfe es der Zustimmung der Agentur für Arbeit, da hier ein Ausbildungsverhältnis angestrebt werde. Was die Arbeitserlaubnis angehe, sei die örtliche zuständig, in deren Bezirk sich die Bäckerei befindet. Spielraum vorhanden

Beim zuständigen Arbeitsamt in Berlin-Charlottenburg zeigt man sich offen. „Wir sind besser als unser Ruf“, versichert Uwe Mählmann von der Stelle Presse und Marketing. Die Agentur für Arbeit ziehe sich nicht auf Prinzipien zurück. „Wenn es eine rechtliche Möglichkeit gibt, sind wir die Letzten, die sich nicht bewegen“, so Mählmann zum Fall Daniel. Hilfreich könnten dessen deutsche Wurzeln sein – er hat eigenen Angaben zufolge Verwandtschaft in Stuttgart. Aber auch der amerikanische Pass eröffnet laut Mählmann Spielraum für eine Arbeits- und Aufenthaltserlaubnis. Allerdings verweist er wiederum an die Ausländerbehörde beziehungsweise die Senatsverwaltung: Diese hole in der Praxis nur den fachlichen Rat der Agentur für Arbeit ein. Die Entscheidung über den Status treffe aber der Senat für Inneres und Sport.

Verwirrung bei Daniel und Yvonne Neumann. „Uns erschließt es sich nicht.“ Die Zeit drängt. Unabhängig von Daniel will die Bäckerei Weichardt im Herbst einen Azubi einstellen. Der habe auch Probe gearbeitet und wolle sich noch entscheiden. Daniel soll zusätzlich als Lehrling anfangen. Sagt der Bewerber ab und darf auch Daniel nicht bleiben, dann hat Yvonne Neumann statt zwei Azubis keinen.


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