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Nicole Stocker kämpft gegen Gentechnik

Nicole Stocker sieht die Gefahr des Wettbewerbsnachteils und der Verbrauchertäuschung.  (Quelle: Hofpfisterei)+
Nicole Stocker sieht die Gefahr des Wettbewerbsnachteils und der Verbrauchertäuschung. (Quelle: Hofpfisterei)

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Interview

So wie die große Mehrheit der Verbraucher lehnt die in München in Lebensmitteln ab und startet eine .

Stuttgart /München (abz). Natur pur! Diesem Grundsatz fühlt sich die Hofpfisterei verpflichtet. Geschäftsführerin sagt im Gespräch mit der ABZ, warum sie Gentechnik auf dem Feld und auf dem Teller ablehnt. Dass die die umstrittene Maissorte 1507 zulassen will, löst bei Hofpfisterei-Geschäftsführerin Unmut aus. Vor allem da die Bundesregierung sich der Stimme enthalten hat. Zudem stehen die Verhandlungen mit den USA über das Freihandelsabkommen an. Auch dabei geht es um die Zulassung von genveränderten Produkten und verändertem Saatgut. Nicole Stocker befürchtet Wettbewerbsnachteile und Verbrauchertäuschung.

ABZ: Frau Stocker, Sie kämpfen vehement gegen Gentechnik in Nahrungsmitteln, was treibt Sie an?

Nicole Stocker: Der Druck, den die großen Biotech-, Agrar- und Nahrungsmittelkonzerne mit ihrer Lobbyarbeit auf die Politik ausüben, ist enorm. Es gibt verschiedene Entwicklungen auf europäischer Ebene, die uns Sorgen machen. In letzter Zeit hat die EU-Kommission gleich in mehreren Verfahren grünes Licht für genmanipulierten Mais gegeben. Die Signale aus den Verhandlungen zum transatlantischen Freihandelsabkommen (TTIP) lassen ebenfalls nichts Gutes erahnen. Es ist zu befürchten, dass den US-Konzernen aus der Agrar- und Nahrungsmittelindustrie weitreichende Zugeständnisse gemacht werden. Natur Pur! Diesem Grundsatz fühlt sich die Hofpfisterei als einer der ersten Öko-Betriebe in Deutschland besonders verpflichtet. Wir haben unseren Kunden versprochen, unser Brot so natürlich und ursprünglich wie möglich zu backen. Dies  wissen unsere Kunden zu schätzen. Wir werden alles dafür tun, dass wir dieses Versprechen auch in Zukunft halten können.

Wie ist denn die Resonanz auf Ihre Kampagne - öffentlicher Brief, Anzeige in der Süddeutschen, Flyer am Biofach-Stand?

Stocker: Die Rückmeldung aus der Bevölkerung ist sehr positiv. Wir erhalten viele Anrufe und werden in unseren Filialen direkt zu diesem Thema angesprochen. Das Thema treibt viele Menschen um. 80% der Bevölkerung in Deutschland lehnt bekanntlich gentechnisch veränderte Lebensmittel ab. Aber die Politiker in Deutschland nehmen die Sorgen der Bürger nicht ernst. Deshalb wollen wir ein Sprachrohr für unsere Kunden und die Bürger sein.

Wie haben Sie die EU-Abstimmung über die Maissorte 1507 aufgenommen?

Stocker: In einem persönlichen Schreiben bestätigt mir die bayerische Staatsregierung ihr Versprechen, Bayern auch künftig gentechnikfrei zu halten und keine kommerzielle Nutzung zuzulassen. Nahezu gleichzeitig lässt die CSU im Bundestag die gentechnisch veränderte Maislinie 1507 gemeinsam mit der CDU und der SPD zu. Ich weiß nicht, was ich vom Abstimmungsverhalten der CSU im Bundestag halten soll. Das steht komplett im Widerspruch zum Brief der Staatskanzlei. Nach den Versprechen müssen jetzt endlich Taten folgen. Das Abstimmungsverhalten über die Genmaissorte 1507 war leider absehbar. Aufgrund der Haltung der Bundesregierung und des Verhaltens der CSU kam das enttäuschende und beschämende Ergebnis zustande. Das „Jein“ der CSU und die Unentschlossenheit der großen Koalition sind sehr bedauerlich. Für viele Menschen ist das Abstimmungsverhalten der Politiker unverständlich und sehr ärgerlich – auch für mich.

Was stört Sie so sehr an gentechnisch veränderten Pflanzen, von denen Befürworter sagen, es gingen keine Risiken von ihnen aus?

Stocker: Zunächst einmal muss man unterscheiden, zwischen Lebensmitteln, die gentechnisch veränderte enthalten und dem Anbau von gentechnisch verändertem Saatgut. Bei dem Verkauf von Lebensmitteln mit gentechnisch veränderten Rohstoffen fordere ich eine klare Kennzeichnung, damit der Kunde entscheiden kann, ob er diese Lebensmittel verzehren will. Damit läge es in der Hand des Kunden, ob solche Lebensmittel auch zukünftig in Deutschland angeboten würden. Dies darf  aber nicht nur für Lebensmittel gelten, die in Deutschland oder der EU produziert werden, sondern muss auch für solche gelten, die aus Nicht-EU-Staaten eingeführt werden. Durch das Freihandelsabkommen steht aber zu befürchten, dass in der USA produzierte Lebensmittel, die gentechnisch veränderte Rohstoffe enthalten nicht als solche gekennzeichnet werden müssen, da ja die beidseitigen Standards anerkannt werden sollen. Dies wäre nicht nur eine Verbrauchertäuschung, sondern auch noch ein Wettbewerbsnachteil für deutsche Produzenten. Diese müssten bei ihren Produkten die gentechnisch veränderten Rohstoffe kennzeichnen, die amerikanischen nicht. So ist es auch beim Handelsabkommen mit Kanada passiert. Der zweite Punkt ist der Anbau von gentechnisch verändertem Saatgut. Das Verhalten von gentechnisch veränderten Lebensmitteln ist  vergleichbar mit den Inhalten im Internet: Sind sie einmal dort platziert, bleiben sie auch dort, selbst wenn man den Ursprungsinhalt löscht. Die Inhalte wurden kopiert, verschickt oder geteilt – sie haben sich unkontrolliert vermehrt. Genauso ist es mit gentechnisch veränderten Pflanzen und Samen. Das Problem ist, dass das Erbgut der Gen-Pflanzen unwiderruflich in unsere Natur gelangt und das Ökosystem verunreinigt. Es lässt sich nicht beherrschen oder auf einzelne Felder begrenzt halten. Die Natur sorgt für ihre unkontrollierbare Verbreitung. Rapspollen etwa fliegen 26 Kilometer weit und können so weit entfernte Felder erreichen. Wir wissen alle nicht genau, wie sich gentechnisch veränderte Samen weiterentwickeln. Die Gefahren sind wissenschaftlich überhaupt nicht untersucht und geklärt. Studien haben außerdem gezeigt, dass zwar die Erträge der gentechnisch veränderten Pflanzen zunächst etwas steigen. Langfristig gesehen müssen aber sehr viel mehr Düngemittel und Pflanzenschutzmittel  aufgewendet werden, um die Pflanzen ertragreich zu halten. Dazu müssen sie nur einen Blick in die USA werfen, dort sehen sie, was nach zehn Jahren Gentechnik passiert.

Wird Gentechnik einen Siegeszug antreten, einfach weil potente Großkonzerne Interesse an ihr haben?

Stocker: Wenn wir nicht dagegen kämpfen, dann schon. Allerdings bin ich davon überzeugt, dass sich Großkonzerne nicht einfach über die Mehrheit der Bevölkerung hinwegsetzen können. 80 Prozent der Bevölkerung möchte keine grüne Gentechnik in Deutschland. Bevölkerung, Unternehmen und  Umweltverbände werden alles dafür tun, dass in den Verhandlungen zum Freihandelsabkommen Gentechnik nicht erlaubt wird.

Wie wird sich die Zulassung von manipulierten Getreidesorten wie 1507 auf die Produktion von Nahrungsmitteln auswirken?

Stocker: Manipulierte Getreidesorten oder Genmais gelangen in unsere Ökosysteme. Dort einmal angekommen, verbreiten sie sich unkontrolliert weiter und gefährden den Ökolandbau. Es kann nicht mehr sichergestellt werden, dass unsere Nahrungsmittel gentechnikfrei sind. Die langfristigen Auswirkungen auf Mensch, Natur und Tier sind kaum erforscht. Eine weitere Folge ist, dass ökologische Landwirtschaft unmöglich wird, wenn die Felder und Weiden durch gentechnisch veränderte Pflanzen aus benachbarten Nutzflächen verschmutzt werden. Die Existenzfähigkeit der Öko-Betriebe und auch der konventionellen Landwirtschaft steht auf dem Spiel und damit unzählige Arbeitsplätze.

Wie stellt sich die Hofpfisterei darauf ein?

Stocker: Wir werden mit unserer Kampagne „Gentechnikfreies Bayern“ weiter dafür kämpfen, dass dieses Szenario nicht eintreten wird.

Wie stehen Sie zu Überlegungen, dass die EU genveränderten Pflanzen generell den Boden bereitet und es in die Hände jedes Mitgliedsstaates legt, wie er die Zulassung oder das Verbot handhabt?

Stocker: Wir sind grundsätzlich gegen die generelle Zulassung von genveränderten Pflanzen in der EU. Der Vorschlag, die Entscheidung darüber in die Hände eines jeden Mitgliedstaates zu legen, öffnet für Gentechnik und Industrie nur eine Hintertür.  Die EU und alle Mitgliedstaaten müssen gemeinsam – auch und gerade bei den Verhandlungen zum Freihandelsabkommen mit den USA – gegen die Gentechnik kämpfen. Bei den bereits EU-weit zugelassenen Genmaissorten ist das Verbot ohnehin nur noch über eine einzelstaatliche Regelung möglich. Hier ist die Bunderegierung und die Bayerische Staatsregierung besonders in der Pflicht.

Werden Sie weiter kämpfen?

Stocker: Ja, wir werden weiter für ein gentechnikfreies Bayern und Deutschland kämpfen.

Nicole Stocker (Mitte) übergibt die knapp 70.000 Unterschriften an Christian Magerl (Dritter von links).
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