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Lehrjahre oder Leerjahre?

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Lehrjahre oder Leerjahre?

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Was sagen junge Menschen über ihre Ausbildung im Bäckerhandwerk? Die ABZ hat sich umgehört.


Stuttgart (hhk). Mit welchen Erwartungen starten Jugendliche? Und was erleben sie tatsächlich? Das berichten Lehrlinge, die gerade ihr zweites Ausbildungsjahr beenden.

Matthias Geib (20), Stuttgart:
„Da mein Vater auch Bäcker ist, kam ich selbst schon früh mit der Backstube in Kontakt. Durch die Ausbildung erhoffte ich mir, umfassende Kenntnisse in jedem Bereich zu bekommen, vor allem in praktischer Hinsicht. Gerade in den ersten Monaten wurde ich allerdings hauptsächlich für Putztätigkeiten eingesetzt anstatt etwas zu lernen, was direkt mit dem Handwerk zu tun hat. Auch heute noch sehe ich mich eher als billige Arbeitskraft. Zudem habe ich die körperliche Belastung des Berufes unterschätzt und befürchte, dass ich diesen auf Grund meiner Wirbelsäulenprobleme auch nicht für immer ausüben kann.“


Daniel Bolbeth (25), Leinfelden:

„Als gelernter Koch träume ich von einem eigenen Restaurant mit angegliederter Backstube. Da ist die Zweitausbildung zum Bäcker einfach naheliegend. Auch wenn man sehr früh aufstehen muss, sind die Arbeitszeiten geregelter als die eines Kochs. Bisher habe ich auch ein gutes Basiswissen vermittelt bekommen, konnte auf fast jedem Posten arbeiten und so viele verschiedene Dinge ausprobieren. Durch meine Erstausbildung in der Gastronomie und frühere Kontakte zu meinem jetzigen Betrieb habe ich es sicherlich leichter als andere Azubis, denn die Meister nehmen sich oft viel zu wenig Zeit für ihre ‚Stifte’.“


Goran Babic (22), Stuttgart:

„Die Ausbildung zum Bäcker bedeutet für mich eine zweite Chance. Meine Lehre zum KFZ-Mechatroniker habe ich abgebrochen, als meine Eltern kurz hintereinander verstarben. Meine Familie und ich sind seit jeher Kunden in der Bäckerei, in der ich arbeite, und so hat sich die Stelle für mich auch ergeben. Zu Beginn war ich oft noch angespannt, musste alles Neue erst verarbeiten und hatte auch Angst, Fehler zu machen. Mittlerweile hat sich Routine eingestellt und man hat mir viel zu Teigherstellung und Ofenarbeit beigebracht. Auch meine persönliche Entwicklung profitiert davon: Im Alltag arbeite ich jetzt schneller und effektiver. Das frühe Aufstehen und die Hitze in der Backstube sind für mich allerdings immer noch gewöhnungsbedürftig.
Kevin Zabokrtsky (21), Stuttgart:

 
„Ich habe selbst einige Bäcker in der Familie und fand den Beruf einfach interessant. Generell wünsche ich mir eine Ausbildung, in der ich viel lernen kann. Ich wollte auch unbedingt teamfähiger werden und glaube, das ist mir bisher auch schon gelungen, obwohl ich in dem Punkt noch weiter an mir arbeiten möchte. Ich habe auch gelernt, konzentriert an einer Sache zu arbeiten und Tätigkeiten besser zu planen. Ob ich mich noch einmal für den Beruf entscheiden würde? Wenn es nur um das Handwerk als solches geht, auf jeden Fall. Die Arbeitsbedingungen – anstrengende Arbeit für verhältnismäßig wenig Geld und ungünstige Arbeitszeiten – sprechen aber eher dagegen.“ 

Nadja Gaal (30), Kirchheim/Teck:

„Nach der Geburt meiner beiden Kinder und fünf Jahren Erziehungsurlaub wollte ich unbedingt wieder arbeiten. Einfach in den Beruf zurück war nicht möglich, da mir meine Erzieherausbildung in Deutschland nicht anerkannt wurde. Die Stellenausschreibung habe ich zufällig entdeckt und obwohl ich mir auf Grund meines Alters kaum Chancen ausrechnete, bekam ich die Stelle auf Anhieb. Da ich auch privat viel und gern backe, fiel mir die Arbeit von Anfang an nicht schwer. Mich als einzige Frau im Betrieb zu behaupten, dafür umso mehr. Generell hätte ich mir die Arbeit auch abwechslungsreicher vorgestellt. Meine nächsten Ziele deshalb: Erst die Meisterprüfung und danach vielleicht studieren.“
Tatjana Pscheni-tschnaja (24), Aidlingen:

„Als gelernte Altenpflegehelferin und Kraftfahrerin habe ich kaum Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Durch eine fundierte Ausbildung erhoffe ich mir, diese zu verbessern. Nicht mehr immer nur Aushilfsjobs machen. Da ich privat schon immer gern gebacken habe, stellte ich mir die Ausbildung entsprechend abwechslungsreich vor. Mittlerweile zweifle ich immer mehr an meiner Entscheidung. Häufig 10 bis 12 Stunden am Stück in der Backstube, Nachtarbeit ohne Zuschlag und dann der psychische Druck, beim geringsten Widerstand eine Abmahnung zu kassieren. Die Stimmung im Kollegium ist entsprechend destruktiv. Gefördert werde ich kaum. Ich wünsche mir zum Beispiel Ofenarbeit – keine Chance, und das am Ende des 2. Lehrjahres! Stattdessen ist Bleche putzen angesagt oder Putzen generell. Wenn ich daran denke, dass ich noch ein ganzes Jahr vor mir habe... Und was, wenn es danach genauso weitergeht? Oft frage ich mich: Lohnt sich das alles überhaupt noch?“

abz@matthaes.de

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