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Kein Bäcker mehr im Bundestag

Den Sprung in den neu gewählten Bundestag hat dieses Mal kein Bäcker geschafft.  (Quelle: Fotolia)+
Den Sprung in den neu gewählten Bundestag hat dieses Mal kein Bäcker geschafft. (Quelle: Fotolia)

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Politisches Engagement auf kommunaler Ebene / Einsatz lohnt sich / Ehrenamtliche Tätigkeit erfordert gutes Zeitmanagement

Die Wähler haben entschieden. Vor ein paar Tagen ist der zur konstituierenden Sitzung zusammengetreten, und zum ersten Mal seit mehreren Jahrzehnten sitzt kein Bäckermeister im Plenum. Diese „Nullnummer“ schmerzt umso mehr, als am Ende der zurückliegenden Legislaturperiode das Bäckerhandwerk sogar mit zwei Meistern seines Fachs im Reichstagsgebäude vertreten war. Dazu gab es eine weitere gelernte Bäckerin (siehe ABZ vom 17. August).

Bäckermeister Ernst Hinsken, 70, (CSU) galt als ein politisches Urgestein in der Hauptstadt. Seit 1980 vertrat er ununterbrochen den Wahlkreis Straubing als direkt gewählter Abgeordneter im Bundestag. Bei ihm stand schon länger fest, dass er 2013 in den Ruhestand geht und sich nicht mehr zur Wahl stellt. Seinen Betrieb, die Bäckerei-Konditorei Hinsken im niederbayerischen Haibach, lässt er bereits seit rund anderthalb Jahren ruhen.

Zurück in die Backstube

Bei Jörg von Polheim (FDP) hingegen stellt sich die Situation völlig anders dar. Der 54 Jahre alte Inhaber der Bäckerei von Polheim im Bergischen Land war im Januar 2012 als Nachrücker für Werner Hoyer (ehemals Staatsminister im Auswärtigen Amt) in den Bundestag eingezogen. Von Polheims Planung als MdB war auf eine oder zwei weitere Legislaturperioden ausgerichtet und mit Platz 14 auf der FDP-Landesliste für NRW hätte er am 22. September auch reelle Chancen auf den Wiedereinzug gehabt. Doch das Scheitern der Liberalen an der Fünf-Prozent-Hürde machte einen Strich durch diese Rechnung.

Seit dem 21. Oktober steht Jörg von Polheim nun wieder in seiner Backstube in der 15.000-Einwohner-Stadt Hückeswagen. Im Rückblick zieht er ein positives Fazit seiner gut anderthalbjährigen Abgeordnetentätigkeit. „Ich habe gemerkt, dass man schon etwas bewegen kann.“ Als Beispiele führt er an, dass er umgehend in der FDP-Fraktion eine Arbeitsgruppe „Handwerkspolitik“ initiiert hat, die es vorher nicht gab. Erfolgreiche parlamentarische Arbeit sieht er bei der Änderung der zweiten Stufe des neuen Insolvenzrechts und beim Entschärfen der EU-Zahlungsvollzugrechtsrichtlinie: „Die Version der EU-Kommission hätte für die deutsche Wirtschaft Belastungen in Milliardenhöhe gebracht.“

Die Tatsache, dass kein mehr im wichtigsten deutschen Gesetzgebungsorgan sitzt, schätzt er als „fatal“ ein: „Damit geht leider eine ganz spezifische Sicht auf die politischen Gegebenheiten verloren.“ Er will dieses Urteil aber nicht nur auf die „Bäckersicht“ beschränken. „Generell sind zu wenige Handwerker im Bundestag und bei den anderen Abgeordneten gibt es oft viel zu wenig Verständnis für die Probleme dieses Wirtschaftszweigs.“

Dabei wird politisches Engagement in Kommune, Kreis, Land oder auch auf höherer Ebene in den Reden von Spitzenvertretern der Handwerksorganisation immer wieder gern propagiert. Es gibt landauf landab zahlreiche Beispiele von Bäckern, die politisch mitmischen. Ein gutes Zeitmanagement erfordert dies allemal – wie alle ehrenamtliche Tätigkeit . So sitzt Rolf Härdtner, Bäckermeister und Geschäftsführer der Bäckerei Härdtner GmbH für die SPD im Gemeinderat der Stadt Neckarsulm; Matthias Goeken engagiert sich als Christdemokrat im Kreistag Höxter; Karl-Dietmar Plentz macht sich für die „Bürger für Oberkrämer“ stark.

Politisch engagiert

Für Handwerksmeister ist der Politikbetrieb ein Drahtseilakt: Hier die Erfordernisse des Betriebs und dort die Ansprüche der politischen Ämter. Konrad Specker, Inhaber des Speckerbäck im oberbayerischen Bad Heilbrunn, balanciert seit elf Jahren auf diesem Seil – als Gemeinderat (seit 2002) und als Zweiter Bürgermeister (seit 2008) von Bad Heilbrunn engagiert er sich in der Kommunalpolitik. Und auch bei der jüngsten Bundestagswahl trat er für die Freien Wähler im Wahlkreis Starnberg an und erhielt knapp 5,1 Prozent der Stimmen. Nicht viel weniger als Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, die dort für die FDP das Direktmandat anstrebte. „Nachdem sich die Freien Wähler entschlossen hatten, bei der Bundestagswahl anzutreten, war es für mich eine Ehrensache, dass ich hier meinen Hut in den Ring werfe“, erzählt der 41-jährige Specker.

Er teilt die Meinung, dass das in der zu schwach vertreten ist. Das Ziel Berlin hat er deshalb auch nicht aus den Augen verloren: „In vier Jahren werden die Karten neu gemischt, und ich werde es wieder versuchen.“ Bis dahin hat er als Mitglied des Bezirkstages von Oberbayern genügend zu tun – seine Schwerpunkte sind dort die Themen Pflege und Behindertenarbeit.

Erneuerbare Energien, Mindestlohn, Lebensmittelinformation – viele Fragen, die für die backende Branche von Bedeutung sind, werden in den kommenden vier Jahren im Bundestag diskutiert. Eine Wortmeldung des Bäckerhandwerks wird es im Plenum dazu nicht geben.

Bäcker sitzen nun zwar nicht mehr im Bundestag, dafür haben sieben Abgeordnete einen Meisterbrief in anderen Gewerken. Die Fahne des Handwerks hoch halten: Klaus Brähmig, Elektromeister, Jens Koeppen, Elektroinstallateur-Meister, Eckhard Pols, Glasermeister, Lena Strothmann, Schneidermeisterin, Alois Rainer, Metzgermeister, Peter Ramsauer, Müllermeister (alle CDU/CSU), Andreas Rimkus, Elektromeister (SPD).


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