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Gegen die Irrtümer der EU-Kommission im Einsatz

Dr. Ludger Fischer, Mitarbeiter der europäischen Handwerksorganisation UEAPME+
Dr. Ludger Fischer, Mitarbeiter der europäischen Handwerksorganisation UEAPME

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Meinung

Dr. Ludger Fischer vertritt die Interessen des Handwerks in der EU

Dr. Ludger Fischer ist Lobbyist für das Handwerk, und hier vor allem für das lebensmittelerzeugende Handwerk in Brüssel. Als Mitarbeiter der UEAPME vertritt er die Interessen des Handwerks gegenüber der EU-Bürokratie und der EU-Öffentlichkeit. Der Öffentlichkeit bekannt geworden ist er durch sein Buch über „Küchenirrtümer“.

ABZ: Wie und weshalb sind Sie auf Küchenirrtümer aufmerksam geworden?

Dr. Ludger Fischer: Für meine Frau und mich koche ich täglich, gelegentlich auch für ein paar Freunde oder Familienmitglieder. Ich bin kein Hobbykoch, sondern eher ein Alltagskoch. Als Alltagskoch macht man keine aufwendigen Sachen. Die Hauptspeise muss so schnell wie möglich auf dem Tisch stehen, weil ich ja Hunger habe, wenn ich nach Hause komme. Unnötige Vorgänge oder komplizierte Vorbereitungen fallen deswegen aus. Deshalb habe ich mir Gedanken um eine rationale Küchentechnik gemacht und einige Küchenweisheiten darauf hin abgeklopft, ob sie plausibel sind. Da konnte ich feststellen, dass es jede Menge Aberglauben, Mythen und Unverstandenes gibt – selbst bei Profiköchen.

Sie arbeiten als Lobbyist vor allem für das lebensmittelerzeugende Handwerk in Brüssel. Welchen Irrtümern bezüglich dieser Handwerke sitzt die Brüsseler Bürokratie auf?

Fischer: Ja, als Mitarbeiter des EU-Handwerksverbands UEAPME und damit als Vertreter der europäischen Bäcker, Konditoren, Metzger, Eishersteller etc. habe ich natürlich mit sehr vielen Irrtümern zu tun, vor allem wenn es um das Verständnis der Herstellung von Lebensmitteln in Kleinbetrieben geht. Wir konnten der Europäischen Kommission klar machen, dass Kleinbetriebe keine Hygiene-Dokumentation erstellen können. Jede Minute, die für so eine Dokumentation aufgewendet würde, ginge von der Zeit ab, die man auf tatsächliche Hygienemaßnahmen verwenden kann. Die europäische Kommission hat das eingesehen und ist unserem Vorschlag gefolgt, so eine Dokumentation nicht von Kleinbetrieben zu verlangen. Die dort hergestellten Lebensmittel sind natürlich genau so hygienisch. Auch die Nährwerttabellen, die jetzt für verpackte Lebensmittel gefordert werden, sind in Kleinbetrieben natürlich nicht machbar. Davon müssen wir Kommission, Parlament und Rat noch überzeugen.

Spätestens bei der Umsetzung bzw. nach der Umsetzung in Landesrecht, kommt einem die ein oder andere EU-Verordnung wie ein Irrtum vor. An was liegt das?

Fischer: Das liegt an dem auch in Deutschland üblichen Aufsatteln. Europäische Richtlinien sind meistens gar nicht so strikt, wie es in den einzelnen Ländern ankommt. Von anderen EU-Bürgern darf nicht mehr gefordert werden, als die jeweiligen Ratsbeschlüsse festlegen. Jedes EU-Land darf aber von seinen Bürgern mehr verlangen, als von allen anderen EU-Bürgern. Außerdem werden die Entscheidungen, die in Brüssel getroffen werden, fast immer erst dann in den einzelnen Ländern bekannt, wenn die Beschlüsse umgesetzt werden müssen, meistens 1 oder 2 Jahre nach Beschlussfassung in Brüssel. Die Politiker sind dann manchmal schon gar nicht mehr im Amt oder lehnen jede Verantwortung für Beschlüsse von „denen in Brüssel“ ab.

Gegenwärtig beschäftigt das Bäckerhandwerk vor allem die Diskussion zum Salzgehalt im Brot. Wie ist hier der Sachstand? Kann dieses Kapitel vielleicht bald als nächster Ernährungsirrtum von Ihnen veröffentlicht werden?

Fischer: Viele Irrtümer zum Salz beschreibe ich ja in meinem Buch, etwa den, dass Grobsalz oder Fleur de Sel etwas anderes sei, als vorwiegend Natriumchlorid oder dass Reiskörner in Salzstreuern das Salz trocken halten. Gegenüber dem Riesenirrtum, dem die Europäische Kommission aufsitzt, sind das aber Kleinigkeiten. Sie hängt nämlich noch immer der längst widerlegten Annahme an, hoher Salzkonsum könne bei gesunden Menschen Bluthochdruck verursachen. Damit die Kommission aber begreift, welche physiologische Wirkung Salz bei gesunden Menschen hat, hat die UEAPME eine vergleichende Studie beantragt. (pf)

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