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„Es spielt keine Rolle, dass du ein Mann bist“

Im Übungsverkaufsraum der AKS in Pforzheim lernen Kevin Mellis (links) und Isuf Blakaj alle notwendigen Verkaufstechniken. (Quelle: Thumm)+
Im Übungsverkaufsraum der AKS in Pforzheim lernen Kevin Mellis (links) und Isuf Blakaj alle notwendigen Verkaufstechniken. (Quelle: Thumm)

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Fachverkäufer im Lebensmittelhandwerk gibt es wie Sand am Meer. In Bäckereien vor allen Dingen Verkäuferinnen. Selten verliert sich ein Mann hinter die Verkaufstheke. Warum ist das eigentlich so?

Das fragen sich auch Isuf, Cüneyt, Kevin und Massimo, vier in der Ausbildung, die sich mit „next“ über ihre ganz bewusste Entscheidung unterhalten haben, dass sie viel lieber hinter der Theke als Verkäufer als davor in der Kundenrolle stehen.

Verkauf bietet

vielfältige Arbeitsbereiche

„Ich kann gut verkaufen“, sagt Isuf direkt. „Ok, eigentlich wollte ich mal Architekt werden. Da haben meine Noten aber nicht mitgespielt. Und da meine zwei älteren Schwestern bereits Bäckereifachverkäuferinnen sind, dachte ich mir, das mache ich auch“, antwortet Isuf Blakaj (16) auf die Frage hin, wie er zu seiner Berufswahl gekommen ist.

„Im Verkauf habe ich den mit ganz unterschiedlichen Kunden. Das gefällt mir. Ich mag es sowieso, mit Leuten zu reden“. Doch sei das nicht der einzige Grund, weshalb Isuf Fachverkäufer werden möchte.

Der Verkauf biete ihm vielfältige Tätigkeiten wie das Backen, das Umräumen sowie Auffüllen der Waren und deren perfekte Präsentation.

Klischees bestätigen

sich auch im Verkauf

Weshalb er sich nicht für eine Bäckerlehre entschieden habe? „Das ist eine gute Frage. Ich durfte mal eine Woche hinten in die Backstube gucken und habe schnell festgestellt, dass das Handwerkliche mir nicht so liegt“, sagt er im Nachhinein.

„Ebenso wenig wie das ordentliche Einpacken von Kuchen“, fügt er lachend hinzu. „Es gibt einfach Sachen, die können meine besser. Die haben mir bestimmt schon 100 Mal gezeigt, wie ich Kuchen sauber einpacken muss, und sie werden es mir wahrscheinlich auch noch weitere 100 Mal zeigen müssen“, sagt Isuf.

„Dafür bin ich der Einzige, der die Rolle im Handtuchspender wechseln kann. Das mache dann ich – und ich arbeite auch ein wenig schneller“, sagt er amüsiert. Das Technische obliege tatsächlich häufig ihm, für eine schöne Präsentation sorgten die Kolleginnen.

In seiner Filiale der Bäckerei Sehne in Bad Liebenzell, ist Isuf der einzige Fachverkäufer unter Frauen. Setzt ihn das irgendwie unter Druck? Keinesfalls. „Meine Kolleginnen sagen, ich sei wie ein Sohn für sie. Die behandeln mich alle sehr nett, das ist echt toll.“

Keine Unterschiede, nur

gleichberechtigte Kollegen

Der Meinung sind auch Cüneyt Dölen (17) von der Bäckerei Böss in Pforzheim und Kevin Mellis (18), von der Bäckerei Clement in Sachsenheim. „Wir sind alle gleichgestellte und gleichberechtigte Fachverkäufer, egal ob männlich oder weiblich“, sagt Cüneyt.

„Es spielt keine Rolle, dass du ein Mann bist. Weder in der Schule, noch in der eigenen Filiale“, stimmt Kevin zu. „Es werden keine Unterschiede zwischen uns gemacht.“

Eine Ausnahme scheint es doch zu geben: „Ich glaube, meine Kolleginnen sind durch meine Anwesenheit etwas ruhiger geworden“, sagt Massimo Cantore (23), von der Badischen Backstub‘ in Karlsruhe lachend. „Zwischen Frauen kann es ja durchaus mal zu Ätzereien kommen, aber mit mir passiert das nicht. Die Zusammenarbeit mit einem Mann ist wahrscheinlich immer eine etwas andere als unter Kolleginnen“, erklärt Massimo weiter.

Anfangs Erstaunen –

mittlerweile voll überzeugt

Wie reagiert die Kundschaft auf die jungen Männer? „Stammkunden staunten anfangs über mich als Fachverkäufer“, erinnert sich Massimo. Und dann sagt er lachend: „Aber ältere Frauen freuen sich sehr.“

Ähnliche Erfahrungen hat Isuf gemacht: „Die Kunden wunderten sich zwar zunächst. ‚Oh, jetzt haben wir mal einen Buben da‘ und solche Dinge kamen von ihnen. Mittlerweile sind sie jedoch voll von mir überzeugt“, sagt er stolz.

„Ich sei super nett, super freundlich und würde meinen Job gut beherrschen“, führt Isuf weiter aus. Das merke er auch daran, dass Kunden gerne Smalltalk mit ihm machen.

Diese Offenheit der Kunden ihnen gegenüber als ernstzunehmende Ansprechpartner fällt Kevin und Cüneyt auch auf. „Die Leute erzählen mir mittlerweile ganz private Dinge im Gespräch“, sagt Cüneyt. Alle vier sind überzeugt, dass sie darin einen Vertrauensbeweis sehen können.

Anstieg der männlichen

Verkaufslehrlinge

Dann können Männer im Fachverkauf ja nicht direkt fehl am Platz sein.

Das sieht der Fachberater und Lehrer an der Alfons-Kern-Schule in Pforzheim, Joachim Stretz, genauso. Dass es ein Umdenken gibt und ein Wandel stattfindet, zeige sich ihm auch in einem Anstieg in der Zahl der männlichen Berufseinsteiger im Verkauf: „In den vergangenen 20 Jahren habe ich vielleicht insgesamt nur sechs Bäckereifachverkäufer ausgebildet. Aber mittlerweile befinden sich jeweils drei junge Männer im ersten und zweiten Lehrjahr und einer im dritten Lehrjahr im Fachverkauf.“

Die Bäckereitheke, zeigt sich, ist ein Ort, an dem Mann sich durchaus wohl fühlenkann.

„Bei uns arbeitet ausschließlich ausgebildetes Fachpersonal. Dadurch können wir uns unterstützen, falls mal einer etwas vergessen hat. Und ich denke, wir lernen alle gegenseitig etwas voneinander“, sagt Isuf.

Gute Chancen

als Bezirksleiter

Zusammengefasst sieht er in seinem Beruf gute Chancen für sich: „Der Job ist gut bezahlt, ich lerne vieles über Lebensmittel, und vor allem lernt man in diesem Beruf etwas über Menschen an sich.“

Wie es für ihn weitergehen wird? „Mein großer Traum ist es, Bezirksleiter zu werden. Das ist etwas, woran ich mich sehr festhalte“, sagt er. „Ich unternehme dazu viel mit meiner Bezirksleiterin und arbeite gerne mit ihr zusammen. Dabei kann ich ihr über die Schulter schauen und wirklich viel lernen. Das bringt mich weiter und sie unterstützt mich, wo sie kann.“

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