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„Es ist nicht so trostlos, wie es aussieht“

„Es ist nicht so trostlos, wie es aussieht“ (Quelle: privat)+
„Es ist nicht so trostlos, wie es aussieht“ (Quelle: privat)

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Manuela Lohse zur Lage des Bäckerhandwerks in Ostdeutschland

Das Gespräch führte

Reinald Wolf

In gibt es noch knapp 2500 in die Handwerksrolle eingetragene Bäckereien. Das sind rund ein Fünftel aller Betriebe Deutschlands. Einen Großteil davon betreut (47) als Geschäftsführerin der Landesverbände und . Entgegen der öffentlichen Wahrnehmung ist sie der Meinung, dass ein Großteil der Kollegen in Ostdeutschland durchaus Perspektiven habe, weiterhin am Markt zu bestehen, obwohl die Start- und seit der Wende nicht gerade optimal sind.

ABZ: Ein Blick in Bäckereien in ländlichen Regionen Ostdeutschlands kann Depressionen auslösen. Hat die Branche dort überhaupt Zukunft?

Manuela Lohse: Klar gibt es hier auch heute noch Unternehmen, die es versäumt haben, richtig zu investieren und sich auf die Marktgegebenheiten auszurichten, die sich durchgewurstelt haben und bei denen der offensichtlich ist. Die finden auch selten Nachfolger und sind gewissermaßen Auslaufmodelle. Aber die Quote der Betriebsschließungen ist im Vergleich zu den westlichen Bundesländern sogar niedriger (2016: -2,6% Ost, -3,71% West). Eine Quote, die in der Vergangenheit auch nicht viel schlechter war.

Soll heißen, dem Bäckerhandwerk im Osten geht es besser als den Kollegen im Westen?

Lohse: Nein, selbstverständlich nicht. Was ich damit sagen will ist, dass es nicht so trostlos ist, wie es in der öffentlichen Wahrnehmung aussieht. Denn es gibt auch in Ostdeutschland in jeder Betriebsgröße Unternehmen mit Daseinsberechtigung.

Trotzdem gibt es einige Besonderheiten, die dem Bäckerhandwerk in Ostdeutschland buchstäblich besonders zu schaffen machten und machen.

Lohse: Stimmt. Das ging doch schon mit dem Mauerfall los. Da haben sowohl die Bäcker, als auch ihre Kunden quasi bei Null angefangen.

Wie ist das zu verstehen?

Lohse: Es gab kaum Eigentum, viele Menschen kämpften mit einem Bruch in ihrer Erwerbsbiografie. Die Arbeitslosigkeit wurde zum Thema und die damit einhergehende Kaufkraftschwäche und Preissensibilität machte es den Bäckern schwer, betriebswirtschaftlich sinnvolle Preise zu verlangen. Abgesehen davon, dass es an entsprechender Erfahrung und Substanz wie Immobilien oder Ausstattung fehlte, um Kapital für Investitionen zu bilden.

Hat sich da was geändert?

Lohse: Würde ich schon sagen. Es gibt doch zwischenzeitlich zahlreiche Betriebe, die sich gut positioniert haben. Allerdings ist die Kaufkraftschwäche nach wie vor ein Thema. Erstens weil das Lohnniveau im Vergleich zum Westen geringer ist und vor allem auf dem flachen Land eine hohe Arbeitslosigkeit und eine Art Landflucht existiert. Hinzu kommt, dass Billiganbieter wie Aldi, Lidl, Netto und Kaufland mit ihren Aufbackstationen den Preis- und Wettbewerbsdruck forcieren.

Sollte das Bäckerhandwerk den Preiskampf annehmen?

Lohse: Die Versuchung ist groß. Aber auch in Ostdeutschland hat das Bäckerhandwerk keine Chance, wenn es auf Dumpingpreise geht. Nur wer anständige Preise verlangt, kann sein Personal auch anständig bezahlen. Und nur wer anständige Löhne bezahlt, hat die Chance, qualifiziertes Fachpersonal für die Qualitätsproduktion zu bekommen.

Womit wir bei einem großen Problem der Branche wären.

Lohse: Personalmangel ist aber kein spezifisch ostdeutsches Phänomen. Vielleicht ist er in manchen Regionen etwas ausgeprägter. Aber wenn ein Bäcker gut aufgestellt ist, kann er nicht nur sich, sondern auch den Leuten vor Ort Arbeitsplätze und Perspektiven bieten.

Was macht Sie da so optimistisch?

Lohse: Unter anderem eine zunehmende Wertschätzung für gutes Brot. Und wer die Trümpfe Qualität, Regionalität und Tradition ausspielt und sich als attraktiver Arbeitgeber profiliert, hat als Bäcker Zukunft – auch in Ostdeutschland.

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