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Der Pleitegeier kündigt seinen Besuch früh an

Nichts geht mehr: Wenn Schulden die Produktion lahmlegen, ist das Insolvenzverfahren die einzige Möglichkeit, den Betrieb zu sanieren. (Quelle: Fotolia/Archiv)+
Nichts geht mehr: Wenn Schulden die Produktion lahmlegen, ist das Insolvenzverfahren die einzige Möglichkeit, den Betrieb zu sanieren. (Quelle: Fotolia/Archiv)

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Insolvenzverwalter und Betriebsberater berichten von vielen Bäckereien, deren Inhaber erste Warnzeichen auf finanzielle Schieflage ignorieren

Von Reinald Wolf

Was verbindet die Bäckereien Entner (Wendelstein), Gellerstadt (Hainichen), Lang (Freiberg), Sternenbäck (Erfurt), Gulde (Ofterdingen), das Backparadies Langner (Königslutter) und Doppelkorn (Hannover)? Richtig, sie haben in den vergangenen zwei Jahren für Schlagzeilen gesorgt – unter dem nicht erfreulichen Titel „Insolvenz“.

Sie stehen damit für weitere Fälle und für die Schwierigkeiten, die die Branche hat, den Wettbewerbs- und Kostendruck im Geschäft mit Backwaren zu meistern.

Zahl der Insolvenzen

nimmt leicht zu

Es gibt zwar keine offiziellen Zahlen, aber gefühlt hat sich die Zahl der Bäckereien, die in geraten, leicht erhöht. „Das kann ich anhand unserer Fälle bestätigen“, sagt Tobias Hartwig von der Anwaltskanzlei Schultze&Braun, die sich schwerpunktmäßig mit der , mit Insolvenzverfahren und insolvenznaher Beratung von Unternehmen befasst. Unter ihnen auch Dutzende Betriebe aus dem Bäckerhandwerk.

Sanierung und sind

erklärte Ziele

Dazu zählt auch der kleine, aber doch spektakuläre Fall der Vollkornbäckerei Doppelkorn (ABZ berichtete) und Langners Backparadies (siehe auch Interview auf Seite 2), bei denen jeweils vermeldet werden konnte: Unternehmen gerettet.

Das sei erklärtes Ziel der , denen es in keinster Weise darum gehe, Unternehmen einfach nur abzuwickeln, wie Hartwig betont. Schließlich biete das relativ neue Insolvenzrecht gute Instrumente, um schlingernde Unternehmen wieder in ruhige Fahrwasser zu manövrieren.

Dass es nicht immer gelinge, das Ruder herumzureißen, liege häufig daran, dass die Unternehmer den Insolvenzantrag zu spät stellten, sagt Hartwig.

„Feuerwehreinsatz“ der

Insolvenzverwalter

„Das Thema wird so lange vor sich hergeschoben, bis wir schließlich als Feuerwehrtruppe zum Einsatz kommen“, sagt Insolvenzverwalter Hartwig, der es unter anderem geschafft hat, Langners Backparadies zusammen mit den beiden Geschäftsführern zu sanieren.

Frank Neubauer bestätigt dies. Denn eigentlich sollten die Probleme bereits angegangen werden, bevor der Insolvenzverwalter auf den Plan gerufen wird. „Wir sind quasi präventiv im Einsatz“, sagt der Betriebsberater in Diensten der Bäcker- und Konditorenvereinigung Nord (BKV).

Leider sei es auch schon in frühen Phasen der Schieflage der Knackpunkt, dass sich die Bäcker zu spät oder erst gar nicht melden würden. Viele Unternehmen in einer prekären Lage „drehen sich im Kreis und stecken den Kopf in den Sand“, ist seine Erfahrung.

Offen und ehrlich

die Probleme angehen

Und weiter: „In solchen Fällen können wir eben nicht korrigierend eingreifen, wie es eigentlich unser Job wäre. Wichtig wäre, sich offen und ehrlich aufkommenden Problemen zu stellen und sich rechtzeitig Beratung von außen ins Haus zu holen.“

Dem pflichtet Insolvenzverwalter Hartwig bei: „Es ist nichts Ehrenrühriges, sich beraten zu lassen – und auch nicht, den Insolvenzantrag zu stellen, wenn es nicht mehr anders geht.“

Beides sei als strategische unternehmerische Entscheidung zu werten, um das betroffene Unternehmen erfolgreich für die Zukunft aufzustellen. Die Chancen auf Rettung stünden jedenfalls gut, sofern noch Liquidität vorhanden sei – auch im Insolvenzfall.

Finanzielle Freiräume zur

Ursachenbekämpfung schaffen

Auch bezüglich der Finanzen könnten Betriebe noch einiges unternehmen, um es nicht erst soweit kommen zu lassen, sagt Iljaz Leba, Betriebsberater beim Bäckerinnungsverband Niedersachsen/Bremen.

Durch frühzeitige Gespräche mit Banken und Gläubigern sei Zeit zu gewinnen – aber bene nicht, um weiterzumachen wie bisher, sondern um die Ursachen für Liquiditätsengpässe abzubauen.

Die Ursachen für Insolvenzen liegen in Veränderungen des Wettbewerbsumfeldes, im Kosten- und Preisdruck.

Betrieb und Kennzahlen

permanent im Blick

Aber das sind ja eben die Herausforderungen, denen sich Unternehmer im Bäckerhandwerk stellen müssen – produktionstechnisch, in Sachen Marketing, Verkauf und vor allem betriebswirtschaftlich permanent den Überblick zu behalten.

„Es gibt immer noch Bäcker, die ihre Kennzahlen nicht im Blick haben und ihre Produkte nicht kalkulieren, vor allem im wachsenden und kostenintensiven Snacksegment“, zeigt Neubauer Defizite auf, die zur Schieflage führen können.

Ein weiterer Punkt sei, dass sinnvolle Optimierungsmaßnahmen auch mit Blick auf Investitionen vernachlässigt würden.

Filialen, Stundenumsätze und

Verträge auf dem Prüfstand

Defizitäre Filialen und unterdurchschnittliche Stundenumsätze von weniger als 60 Euro seien weitere Themen, die es zu beobachten gelte. Auch überzogene Miet-, Leasing und Versicherungskosten könnten auf Dauer ein Unternehmen in die Knie zwingen, sind sich Neubauer und Leba einig.

Einer der Vorteile des Insolvenzverfahrens: Geht der Bäcker diesen Weg, können solche Verträge gekündigt werden, um in Kombination mit weiteren Stellschrauben Unternehmen wieder zahlungs- und damit zukunftsfähig zu machen.

Nicht schön, aber häufig unumgänglich: die Eröffnung eines Insolvenzverfahrens.
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