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Betriebe stoßen auf Anwohnerprotest / Kommunikation und Investitionen in Lärmschutz sind ein Muss / Unternehmerisch denken

Eine Bäckerei mitten im Ort kann für mächtigen Ärger sorgen. Bäcker landauf landab machen immer wieder die Erfahrung, dass sich am Betrieb stören. Es hilft nur eins: Mögliche Konflikte im Vorhinein entschärfen, reden, reden, reden. Und: Sich ernsthaft fragen, ob der gewachsene Standort auch langfristig für die Produktion geeignet ist.

„Schlafzimmer an Laderampe oder Kneter an Kopfkissen“, so beschreibt Bäckermeister Falk Hafendörfer die Situation, wenn Betriebe wie seiner in der Stuttgarter City an Wohnungen grenzen. „Früher waren hier Büros“, erzählt er. Sie sind Luxuswohnungen gewichen. Die Konflikte sind programmiert.

Gar mit einer Bürgerinitiative hatte es in Rüdesheim Martin Dries zu tun. Das ist 18 Jahre her, und das Backhaus war noch nicht einmal gebaut. Nur eine Straße trennt das , in dem es eröffnet wurde, vom Wohngebiet. Heute leben die Nachbarn in gutem Einvernehmen.

Den Querelen aus dem Weg ging Bäcker Hannes Weber aus Friedrichshafen am Bodensee. Er ließ die Produktion im Wohngebiet hinter sich und errichtete 2012 eine gläserne Backstube in Flughafennähe. Heute wird am alten Standort zwar nicht mehr gebacken, aber noch verkauft. Ein Umsatzminus von 30 Prozent nimmt Weber in dieser Filiale in Kauf. Unterm Strich aber rechnet sich der Schritt für ihn. Toleranz schwindet

Beispiele wie diese finden sich zuhauf. Bäckereien gehören zum gewachsenen Ortsbild. Das wandelt sich. Wo früher Klappern und Hämmern, Hühnergackern und Hundegebell Alltag waren, wohnen heute Menschen, die auf Ruhe vor allem in der Nacht Wert legen. Ortsmitten und Innenstadtlagen sind teuer saniert, die Immobilienpreise schießen in die Höhe. Die Mieten und Investitionen in Eigenheime und Eigentumswohnungen sind enorm. Dagegen schwindet die Toleranz gegenüber dem produzierenden Gewerbe.

Quietschende Keilriemen oder Scharniere an Lüftungen sind da ein No-go für Bäcker Falk Hafendörfer. Er investierte in Luftansauger an Stikkenöfen, Schalldämpfer und Schallschutzfenster, unter den Knetern liegt Entkopplungsmasse wie sie in Haushalten unter Waschmaschinen zu finden sind. Die Stikkenwagen habe weiche Rollen. Und das Mehlabladen – der Klassiker unter den Lärmbelästigungen – geschieht über einen Kompressor im Keller, der das Mehl ins Silo bläst. „Wir sind nie auf Konfrontation gegangen“, umreißt Hafendörfer die Unternehmensphilosophie. „Nachbarn sind Kunden, und Kunden verärgert man nicht.“ Sprüche wie „ich war doch schon immer hier“ helfen nicht weiter.

Aufs Gespräch setzt in Rüdesheim auch Bäcker Dries. Streit führt er auf „mangelnde Kommunikation“ zurück. Als der Backhaus-Bau vor 18 Jahren auf stieß, ging er von Haus zu Haus. „Ich habe an jeder Tür geklingelt und mit allen gesprochen.“ Seine Erfahrung: Das Miteinander funktioniert, wenn sich alle an Regeln halten. Auch für Dries sind schalldichte Rolltore, Schalldämpfer auf Kaminen und heruntergedrehte Alarmanlagen selbstverständlich. Genauso selbstverständlich wie er seine Nachbarn zu Firmenfesten einlädt oder ihnen Gutscheine beispielsweise für ein neues Produkt in den Briefkasten wirft.

Investitionen in Lärmschutz gehören zum Unternehmertum. Nichtsdestotrotz: Eine Bäckerei mit Verkaufsraum vorne und Backstube hinten ist üblich. Wer da an- oder umbauen will, braucht nicht nur die behördliche Genehmigung, sondern die Begebenheiten vor Ort, wie andere Gebäude und Straßen, stecken den Rahmen ab. Entscheidung treffen

Für Hannes Weber in Friedrichshafen stand bereits im Jahr 2000 fest: Er muss wegziehen. Auf 550 Quadratmetern Grundfläche war die Produktion auf mehreren Geschossen untergebracht und drumherum: verkehrsberuhigtes Wohngebiet, das früher einmal ein Mischgebiet war. „Die Nachbarn haben sich immer wieder beschwert, und ich konnte sie verstehen“, erzählt Weber. Der Ärger war das eine, aber noch etwas spielte für ihn eine Rolle: „Ich will mich unternehmerisch weiterentwickeln.“ Wachsen, damit das Unternehmen gesund bleibt. Und damit als Arbeitgeber einen attraktiven Arbeitsplatz anbieten können mit Sozialräumen beispielsweise. Laut Weber müssen sich Unternehmer grundsätzlich mit der Frage beschäftigen, wohin es mit dem eigenen Betrieb gehen soll: „Man muss sich entscheiden: Bleibe ich an meinem jetzigen Standort, oder muss ich irgendwann bauen?“

Kommentar Seite 2

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