Branche_Politik
Werben um gute Mitarbeiter
Verbandstag der Rheinländer: Fachkräfte sichern die Zukunft des Handwerks / Finanzminister Linssen ohne konkrete Zusicherungen

OM Josef Mölders von der gastgebenden Innung Kleve überreichte Finanzminister Linssen mit Gf Walter Dohr und LIM Bernd Siebers einen Präsentkorb (von rechts). Fotos: Heck Fotos: Heck
Wann es einen Aufwärtstrend in der Wirtschaft geben werde, stehe allenfalls in den Sternen.
„Heutzutage kann man von einer Kristallkugel genauso viel zutreffende Prognosen erwarten wie von den Wirtschaftsweisen“, charakterisierte er die Lage. Das Handwerk brauche sich jedoch nicht zu große Sorgen zu machen, zumal es den Finger am Puls der Konjunktur habe. Hier werde zuerst gespürt, wie das Konsumverhalten der Kunden sich auspräge. Zur allgemeinen Krisenlage sagte er: „Bisher ist alles relativ gut gegangen, aber das Schlimmste ist noch nicht hinter uns.“ Als Landesinnungsmeister Bernd Siebers seine Bilanz zog, wollte er von den Worten „Krise“ für das Bäckerhandwerk nichts wissen. „Deutschland, armes Jammerland“, betitelte er seine Ausführungen. Dieses Motte gelte jedoch eher für die Miesmacher in Politik und Medien als für die Situation in den Bäckereien. Dennoch konnte er es nicht lassen einige Seitenhiebe auf die Finanzwelt los zu werden. Als Bäckerhandwerker würde man in jeder Hinsicht geprüft, angefangen von der Hygiene über die Produktsicherheit bis hin zu den Bilanzen. Daher erschien es ihm unverstellbar, dass Banken Nebengeschäfte machen konnten, die risikoreicher waren als das Kerngeschäft und damit die ganze Wirtschaft ins Schwanken bringen konnten.
An die Politik richtete er den weiteren Vorwurf, dass die Regierungskoalition ihr Versprechen aus dem Jahr 2005, die Gesamtsozialversicherungsbeiträge unter einer Quote von 40Prozent zu halten, nicht erfüllen konnte. Mit Blick auf die Sofortmeldung zur Sozialversicherung, wie sie jetzt in Kraft getreten ist, habe man das Kind mit dem Bade ausgeschüttet. „Auch wenn es gelungen ist, das Bäckerhandwerk grundsätzlich davon auszunehmen, so sind wir doch über den Gaststättenbereich insbesondere bei Cafébetrieben mit einbezogen.“
Erfreulicher stelle sich vor diesem Hintergrund der Ausbildungsmarkt dar. Erstmals seit 2001 war im vergangenen Jahr die Zahl der unbesetzten Ausbildungsplätze höher als die der Bewerber. Damit zeige sich jedoch auch der drohende Fachkräftemangel. Die gezielten Nachwuchswerbeaktivitäten seien daher notwendig und ihr Geld wert. Mit vielfältigen Werbemitteln müsse dem Fachkräftemangel entgegengewirkt werden und auf den hochinteressanten und sicheren Ausbildungsberuf im Bäckerhandwerk aufmerksam gemacht werden.
Im Rheinischen Verband sieht die Situation folgendermaßen aus: Während im letzten Jahr in der Produktion ein deutlicher Rückgang von 7,92Prozent oder 119Auszubildenden zu verzeichnen war, konnte im Verkauf die Gesamtzahl der Auszubildenden noch einmal um 8,4Prozent oder 186Stellen erhöht werden. Als besonders ernüchternd sieht er es an, dass der Ausbildungsberuf des Bäckers in der Gesamtbewertung unter den 25 am meisten gewählten Ausbildungsberufen an vorletzter Stelle rangiert. Das qualifizierter Nachwuchs dringend erforderlich ist, hob er in diesem Zusammenhang hervor. Daher sei es überaus wichtig für die Ausbildung im Bäckerhandwerk Werbung zu betreiben. Das gelte aber nicht nur für die Medienwerbung, sondern sei ganz persönlich gemeint. „Wir müssen die schwarzen Schafe in der eigenen Organisation bekämpfen, die unseren Nachwuchs nicht korrekt ausbilden oder nicht korrekt bezahlen“, legte er den Finger in die Wunde. „Unsere Auszubildenden dürfen nicht als billige Arbeitskraft ausgenutzt werden!“
Stolze Zahlen legte er für das Verbandsgebiet vor. Bei einem Umsatz von 1,845 Mrd. Euro und 1272 backenden Betrieben könne man sich gut sehen lassen. Insgesamt sind rund 41.000 Mitarbeiter im Rheinischen Bäckerhandwerk beschäftigt. Nach Bayern hat der Rheinische Verband den höchsten Organisationsgrad, der bei etwas über 75Prozent liegt. Der Umsatz der Betriebe, so ermittelte er anhand der Zahlen der ERFA-Kreise, ist im vergangenen Jahr durchschnittlich um 8,43Prozent gestiegen, der Gewinn um 8,34Prozent.
Die Themen Beiträge zur Berufsgenossenschaft, sowie die Anmeldung auch von Aushilfen vor deren Arbeitsantritt thematisierte Geschäftsführer RA Walter Dohr zu Beginn seines Referates. Allerdings machte er den Innungsmitgliedern auch Mut. Zumal der Unternehmer des Jahres 2008 der Bäckermeister Andreas Bosse vom ostdeutschen Filialunternehmen „Ihr Landbäcker“ war. Nicht zuletzt sei dieser Erfolg auf die Qualität der Mitarbeiter zurückzuführen, sagte er. Entsprechend sollten auch die Bäckermeister ihre neuen Mitarbeiter vor der Einstellung testen. So hat der Rheinische Verband als neuen Service einen Partnerfragebogen entwickelt, mit dem potenziellen Mitarbeitern im Vorfeld des Bewerbungsgesprächs auf den Zahn gefühlt werden kann. Nach der Devise „es gibt viel mehr Starbäcker als Starköche“ gelte es das Licht des Handwerks nicht unter den Scheffel zu stellen und sich noch besser und intensiver zu vermarkten.
In seinem Rückblick wies er auch darauf hin, dass im vergangenen Jahr rund 350 Beratungen vor Ort in den Betrieben durchgeführt wurden. Besonders die Bereiche Arbeitsrecht und Hygiene standen dabei im Mittelpunkt. Als meisterlich bezeichnete er auch die Öffentlichkeitsarbeit. Als Glanzlicht führte er den Bäcker-Sterne-Lauf mit 307Teilnehmern in Bäckerkluft an. Dieser habe zudem rund 9000Euro an Spenden für die Welthungerhilfe und die Aktion „Herzenssache“ gebracht.
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